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39. Feuerwerks- und Kriegsbücher

Bearbeitet von Rainer Leng

KdiH-Band 4/2

Die Stoffgruppe 39. umfaßt unter dem Gesamttitel »Feuerwerks- und Kriegsbücher« die ursprünglich unter dieser Nummer geplante Stoffgruppe »Feuerwerkerbücher« zusammen mit der Stoffgruppe 71. »Kriegsbücher«. Die Stoffgruppe 71. entfällt demnach. Eine Zusammenlegung der beiden Stoffgruppen erschien angebracht, da sie aus denselben Wurzeln entstanden und im Einzelfall auch kaum voneinander zu scheiden wären. Zudem impliziert die ursprüngliche Benennung »Feuerwerkerbücher« im modernen Sprachgebrauch einen Bezug zum Lustfeuerwerk. Ein ebensolcher ist zumindest in den Handschriften des 15. Jahrhunderts jedoch nur rudimentär vorhanden und würde eine eigene Stoffgruppe nicht rechtfertigen. Erst während des 16. Jahrhunderts gewinnt die Lustfeuerwerkerei innerhalb des fachspezifischen Schrifttums mehr Eigenständigkeit und wird in seltenen Fällen auch monographisch abgehandelt. Eine von der ursprünglichen Benennung möglicherweise intendierte enge Bindung der Stoffgruppe an das ›Feuerwerkbuch von 1420‹ schien ebenfalls nicht angebracht, da dieser breit überlieferte Text nur in wenigen Fällen illustriert ist (siehe 39.2.), dafür häufiger in Gemeinschaftsüberlieferung mit weiteren Texten und Bildkatalogen aus dem Umfeld der spätmittelalterlichen Kriegstechniker auftritt, die ihrerseits besser unter Kriegsbücher einzuordnen wären. Für die gesamte Stoffgruppe wäre auch die Inhalte, Autoren und Publikum gleichermaßen erfassende Bezeichnung »Büchsenmeisterbücher« angebracht gewesen, die jedoch in die alphabetische Abfolge der Stoffgruppen nicht mehr integrierbar war. Mit »Feuerwerks- und Kriegsbücher« sind jedoch gattungsgeschichtliche Grundmotive der Entwicklung der Gruppe aus der Notwendigkeit der Verschriftlichung des Wissens um die seit Beginn des 15. Jahrhunderts komplexer werdende Pulverchemie sowie die gestiegenen technischen Anforderungen des spätmittelalterlichen Kriegswesens hinreichend umschrieben. Ersteres manifestiert sich in partiell illustrierten umfangreicheren Rezeptsammlungen zur Pulverbereitung, letzteres vorwiegend in mehr oder weniger umfangreich mit Beischriften oder Rahmentexten versehenen Bildkatalogen zur Kriegstechnik. In zahlreichen Fällen treten beide Aspekte in ein und derselben Handschrift in wechselseitiger Durchdringung auf.

Der Umfang der Bildüberlieferung ist gewaltig. Mit den »Feuerwerker- und Kriegsbüchern« dürfte diejenige Gattung vorliegen, welche den größten Schatz an Illustrationen hervorgebracht hat. Allenfalls die Wappenbücher dürften, gemessen an der Zahl der Einzelwappen, die Kriegsbücher noch übertreffen. Da sich häufig auf einer Seite mehrere Illustrationen finden, die schwerlich in konsistente Gesamtzeichnung oder Konglomerat von Einzelzeichnungen zu unterscheiden sind, wurde die Gesamtzahl der Abbildungen mit eher zurückhaltenden Zählungsmethoden ermittelt. Insgesamt ergibt sich für alle hier beschriebenen Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert eine Zahl von mehr als 14.700 Abbildungen. Erstaunlicherweise fallen davon in das 15. Jahrhundert über 7.500 Illustrationen, wenn man die an der Grenze von 15. und 16. Jahrhundert stehende Untergruppe 39.8. hier noch mit berücksichtigt, da sie fast ausschließlich auf älteren Vorlagen beruht. Die Codices des 16. Jahrhunderts (39.9.39.20.) fallen dagegen mit knapp 7.200 Abbildungen trotz umfangreicherer Gesamtüblieferung hinter ihre Vorgänger zurück. Die Aufnahme der Handschriften bis zum Ende des 16. Jahrhunderts begründet sich durch das große Gewicht, das die späte Überlieferung in dieser Stoffgruppe besitzt, und durch die Besonderheit ungebrochener handschriftlicher Tradierung bei ungewöhnlich geringer Präsenz im Medium des Buchdrucks. Dies entspricht einer flexiblen Definition der Obergrenze des Erfassungszeitraums, wie sie in Bd. 1, S. 3 formuliert worden ist.

Das Verhältnis von bebilderter und nicht bebilderter Überlieferung neigt sich im 15. Jahrhundert eindeutig zugunsten der bebilderten Überlieferung. Lediglich für das ›Feuerwerkbuch von 1420‹ ist eine größere Zahl nicht illustrierter Überlieferungen vorhanden (siehe 39.2.). Es tritt jedoch häufig in Überlieferungsgemeinschaft mit illustrierten Texten oder reinen Bildkatalogen auf. Die Beziehungen zwischen Text und Bild schwanken. Dabei kommen mehrere Varianten vor. Texte mit Schwerpunkten auf der Pulverbereitung können intensiv mit Abbildungen verschränkt sein, wobei sich die Informationsvermittlungstypen Arbeitsanleitung und Rezept im Text und Darstellung von Arbeitsgerät in der Illustration gegenseitig ergänzen. Beispiele hierfür finden sich bereits bei den ältesten Überlieferungsträgern (München, Cgm 600 [siehe 39.1.6.], Wien, Cod. 3069 [siehe 39.1.10.], oder Nürnberg, Hs 25801 [siehe 39.1.8.]). Auch der ›Bellifortis‹ Konrad Kyesers (siehe 39.4.) lebt von intensiver Text-Bild-Relation. Texte, die nur sparsam und meist entweder in kleineren Freiräumen zwischen einzelnen Kapiteln oder am Seitenrand bebildert sind, stellen eher eine Ausnahme dar (meist beim ›Feuerwerkbuch von 1420‹ [siehe 39.2.]). Gelegentlich finden sich auch Texte mit umfangreichen Anleitungen und Rezepten, denen ein Bildkatalog nachgestellt wurde. Die Verbindung zwischen beiden Teilen kann dabei eng sein, wie Leeds, Inv. No. I/34 (siehe 39.1.5.), wo der Text regelmäßig auf die nachgestellten Abbildungen verweist, oder auch loser, wie etwa bei København, AM 374 fol. (siehe 39.2.2.), wo einem nur rudimentär illustrierten Text mit Feuerwerkanleitungen ein Bildkatalog nachgestellt wurde, der sich aus ganz anderen Kontexten speiste. Gelegentlich kommen auch reine Bildkataloge vor, die vollständig ohne Texte auskommen oder bestenfalls marginal betextet sind (als herausragende Vertreter für das 15. Jahrhundert Wien, KK 5014 [siehe 39.3.1.], und Zürich, Ms. Rh. hist. 33b [siehe 39.3.2.]). Die Beschriftung von Bildkatalogen kann von kurzen Bildüberschriften bis zu ausführlicheren Kommentaren und Legenden zu einzelnen technischen Details der Zeichnungen reichen (relativ häufig in den Formschneider-Handschriften [siehe 39.5.]). Mischformen aller Überlieferungstypen innerhalb einer einzigen Handschrift sind ebenfalls möglich, wie etwa in Wien, KK 5135 (siehe 39.1.11.), wo sich reine Textpassagen, illustrierter Text, betextete Bildkataloge und reine Illustrationsserien abwechseln.

Der Charakter der Bildüberlieferung ist überwiegend von den Anforderungen technischer Informationsvermittlung geprägt. In der Regel handelt es sich bei den Urhebern der Feuerwerks- und Kriegsbücher (zumindest im 15. Jahrhundert) um Techniker hoher Mobilität, die ursprünglich aus dem städtischen Handwerk stammten und in der zunehmenden Technisierung des spätmittelalterlichen Krieges eine Chance zum Aufstieg durch ein riskantes, aber gut bezahltes Spezialistentum in städtischen oder landesherrlichen Diensten sahen. Dementsprechend ist die Funktion ihrer Schriften einzuordnen zwischen den Interessen berufspezifischer Wissensvermittlung und Austausch zwischen Kollegen oder Schülern, schriftlicher Fixierung einer kaum noch zu memorierender Fülle an Rezepten und Anleitungen, Skizzenbuchcharakter real existierender oder projektierter konventioneller Waffen bzw. Feuerwaffen und sonstigem Zubehör sowie sozialen Aspekten der Aufwertung des eigenen Berufsstandes durch fachspezifische Schriftlichkeit, die sich auch zur Vorlage bei künftigen Arbeitgebern eignete. Da sich das Publikum dieser – ohnehin nie auf Veröffentlichung bedachter – Manuale auf einen eng begrenzten Kreis von Fachkollegen beschränkte, konnten die üblichen Anforderungen der Buchillustration weitgehend außer Acht gelassen werden. Ästhetische und absatzfördernde Aspekte waren nicht zu erfüllen. Es kam vielmehr darauf an, die Informationen der Zeichnungen auf den technischen Gehalt zu reduzieren. So werden regelmäßig nur einzelne, besonders neuartige oder komplexe Bestandteile eines Gerätes fokussiert, während andere, bereits bekannte oder weniger relevante Teile nur anskizziert oder signaturartig angedeutet werden. In der Regel werden die Waffen und Geräte auch isoliert, rahmenlos und frei im Raum stehend dargestellt. Horizontlinien, personale Staffage oder Einbettung in Landschaftshintergünde sind überflüssig und würden nur von der technischen Wissensvermittlung ablenken. Perspektivität ist aus denselben Gründen nicht unbedingt erforderlich. Klassische Elemente der Bedeutungsperspektive (vergrößerte Darstellung wichtiger Bauteile) oder der geklappten Perspektive (gleichzeitige Darstellung zweier Ansichten) gewinnen dadurch eine technische Relevanz, die jenen in anderen illustratorischen Kontexten als überholt geltenden Elementen vergleichsweise langes Nachleben verschaffen. Erst nach der Mitte des 15. Jahrhunderts werden zentralperspektivische Ansätze und überhöhte Perspektive häufiger angewandt, können aber jederzeit aufgegeben werden, wenn die technische Wissensvermittlung andere Zeichnungsformen als geeigneter erscheinen läßt. Das künstlerische Niveau dieser Darstellungen ist folglich relativ gering. Die Beteiligung erfahrener Illustratoren an der Buchproduktion bzw. Atelierarbeit kommt praktisch nicht vor. Auch wenn die Nachweise im einzelnen schwer zu führen sind, da die Werke überwiegend anonym und die Zeichnungen unsigniert blieben, so ist doch damit zu rechnen, daß in der Regel die Autoren selbst auch die Illustrationen besorgten. Eine gewisse Fähigkeit im Zeichnen und Reißen gehörte immerhin zu den beruflichen Anforderungen der Spezialisten für den Waffenbau in Holz und Metall. Eine markante Ausnahme bilden lediglich die Untergruppen 39.3. Bilderhandschriften zur Kriegstechnik für höfische Adressaten und 39.4. mit den Überlieferungen des ›Bellifortis‹ Konrad Kyesers. Hier sind dem intendierten Publikum gemäß hochwertige Atelierproduktionen greifbar, in denen oftmals ästhetische Belange vor technischer Wissensvermittlung rangieren. Mit dem Aufkommen fürstlicher Bibliotheken im 16. Jahrhundert als neuer Abnehmerkreis illustrierter Handschriften steigt für diesen Zeitraum die Qualität der Illustrationen in einigen Untergruppen weiter an (insbesondere bei Franz Helms ›Buch von den probierten Künsten‹, siehe 39.9., und Andre Popffingers ›Kunstbuch von Artillerie‹, siehe 39.15.). Hier treten dann auch Phänomene rationeller handschriftlicher Massenproduktion zur parallelen Belieferung zahlreicher Fürstenbibliotheken auf. Daneben existieren aber auch in der frühen Neuzeit individuelle Manuale ohne künstlerischen Anspruch fort.

Die Bildung von Untergruppen fiel bei einem derart heterogenen Bestand an Überlieferungen nicht leicht. Besonders im 15. Jahrhundert, wo abgesehen von den enger zusammentretenden Gruppen ›Feuerwerkbuch von 1420‹ (39.2.) und ›Bellifortis‹ (39.4.) das individuell kompilierte und aus vielfältigen Vorlagen schöpfende Manual die Regel darstellt, ließ sich das übliche alphabetische Gliederungsschema nach Autoren und Werktiteln nicht realisieren. Da zudem der Anteil der anonymen Stücke relativ hoch ist und noch im 16. Jahrhundert neben umfangreichen zuzuordnenden Überlieferungskomplexen auch nicht wenige anonyme Werke zu verzeichnen sind, hätte eine streng alphabetische Ansetzung ein völlig disparates Abbild der Überlieferung entstehen lassen. Daher wurde in Abkehr alphabetischer Einreihung versucht, Unterstoffgruppen zu bilden, die nach inhaltlichen, systematischen und chronologischen Kriterien Zusammengehöriges vereinen. Innerhalb der Untergruppen blieb die alphabetische Ordnung nach Aufbewahrungsort und Signatur jedoch gewahrt. Damit soll auch ein konsistenterer Überblick über die diachrone Entwicklung der gesamten Gruppe der Feuerwerks- und Kriegsbücher durch das 15. Jahrhundert bis in die frühe Neuzeit hinein gewährleistet werden.

So umfaßt die Untergruppe 39.1. anonyme Büchsenmeisterbücher der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Abgesehen von der thematischen Bindung an Büchsenmeisterei und Kriegswesen weisen sie kaum engere inhaltliche Verwandtschaft auf, bieten dafür einen Überblick über die Formen und Inhalte der ältesten Überlieferungsträger, welche somit die Dimensionen der Gattungsentwicklung im weiteren 15. Jahrhundert besser hervortreten lassen. Kurz nach dem Auftreten der ältesten illustrierten Feuerwerks- und Kriegsbücher beginnt die Überlieferungsgeschichte des ›Feuerwerkbuchs von 1420‹, dessen wenige rudimentär illustrierte Exemplare unter 39.2. zu verorten waren. Eine Zwischenform illustrierter Fachliteratur und höfisch-repräsentativer Bilderhandschrift stellen die beiden eng miteinander verwandten Überlieferungsträger in der Untergruppe 39.3., Bilderhandschriften zur Kriegstechnik für höfische Adressaten, dar. In den Bilderthemen schöpften sie aus den technischen Zeichnungskatalogen der älteren Büchsenmeisterbücher, in der Umgestaltung der Zeichnungen durch Buchmalerateliers, und in der äußeren Form sprechen sie klar ein nicht explizit fachkundiges höfisches Publikum an. Der ›Bellifortis‹ Konrad Kyesers wurde unter 39.4. zusammengestellt. Die ältesten Handschriften entstanden zwar 1405 und damit zeitgleich oder sogar knapp vor den ältesten Büchsenmeisterbüchern, die deutschsprachige Überlieferung setzt jedoch erst knapp nach dem Auftreten des ›Feuerwerkbuchs von 1420‹ und in etwa parallel zu den höfischen Codices in 39.3. ein.

Mit Johannes Formschneider tritt kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts ein namentlich bekannter Urheber einer Illustrationenfolge auf, die weitere Verbreitung gefunden hat. Die Überlieferung seiner charakteristischen und wahrscheinlich vom konkreten Umfeld seiner Tätigkeit als Zeugwart der Stadt Nürnberg geprägten Zeichnungen erfolgte zum Teil monographisch, drang aber in unterschiedlichem Umfang auch in die Sammlungen von Berufskollegen und in weitere Sammelhandschriften ein. Die Überlieferungen seines Bildkataloges wurden unter 39.5. zusammengestellt. Hier ergaben sich häufiger Überschneidungen mit anderen Untergruppen. In der Regel wurde in solchen Fällen eine ausführliche Beschreibung beim ersten Auftreten eingefügt, die dann, wenn in späteren Stoffgruppen erneut andere relevante Inhalte der Handschrift zu verzeichnen waren, mit eigener Nummer nur noch als Rückverweis mit summarischer Angabe der einschlägigen Stücke angeführt wurden. Sieben Einträge umfaßt die folgende Untergruppe 39.6.; hier wurden die kurz nach Johannes Formschneider auftretenden Büchsenmeister Martin Merz und Philipp Mönch zusammengefaßt. Beide standen zur gleichen Zeit in pfälzischen Diensten; die engen Übereinstimmungen ihrer Werke, die auf kollegialen Austausch schließen lassen, rechtfertigte die Verortung in einer Stoffgruppe.

Büchsenmeister- und Kriegsbücher, die meist im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden und vielfältig von den in Berufskreisen und städtischen Zirkeln kursierenden Bildkatalogen – insbesondere Nürnberg tritt hier hervor – beeinflußt waren, die sich aber nicht streng inhaltlich zusammenschließen und anonym blieben, wurden in der Untergruppe 39.7. versammelt. Mit der folgenden Untergruppe 39.8., Sammelhandschriften zur Kriegstechnik an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, ist teilweise die Grenze der Jahre um 1500 bereits überschritten. Mit der spezifischen Sammelabsicht, nahezu alle kriegstechnischen Zeichnungen des 15. Jahrhunderts in enormen Sammlungen von teilweise über 1000 Abbildungen zu vereinen, stellen sie einen markanten Abschluß der Produktion illustrierter Feuerwerks- und Kriegsbücher des späten Mittelalters im Übergang zur partiell bereits antiquarischen Interessen geschuldeten Kompilation dar.

Leichter ließen sich die folgenden Untergruppen 39.9. bis 39.20. bilden. Die kriegstechnischen Handschriften des 16. Jahrhunderts stehen zwar in der Nachfolge ihrer älteren Vorgänger und transportieren partiell auch deren ikonographisches Material weiter. Sie unterscheiden sich von den Werken des 15. Jahrhunderts aber durch das regelmäßige Heraustreten ihrer Autoren aus der Anonymität, durch die systematische Aufarbeitung des Stoffes im Sinne von Lehrschriften und durch klarere Publikumsorientierung einschließlich häufig feststellbarer Widmungen bzw. namentlich faßbarer Adressaten. Die Anordnung der Untergruppen erfolgte nach chronologischen Gesichtspunkten des ersten Auftretens eines weiter verbreiteten Werks bzw. namentlich bekannten Autors, wobei die Dimensionen von wenigen Überlieferungen (z. B. drei Exemplare unter 39.18. Friedrich Meyer von Straßburg) bis zu 58 Exemplaren (39.9. Franz Helm) reichen.

In der Reihenfolge ergaben sich so die Gruppen 39.9. Franz Helm, 39.10. Michael Ott von Achterdingen, 39.11. Christoph von Habsberg, 39.12. Caspar Brunner, 39.13. Leonhart Fronsperger, 39.14. Reinhard von Solms, 39.15. Andre Popffinger, 39.16. Samuel Zimmermann, 39.17. Veitt Wolff von Senfftenberg und 39.18. Friedrich Meyer von Straßburg. Eine Abweichung vom chronologischen Schema stellen lediglich die beiden letzten Untergruppen dar. Unter 39.19. wurden sonstige und anonyme Kriegsbücher des 16. Jahrhunderts durchaus heterogenen Inhalts gesammelt erfaßt. Hier finden sich neben nicht namentlich zuordenbaren Stücken auch solche, die nur unikal überliefert sind und die Bildung einer eigenen Gruppe nicht rechtfertigten. Als letzte Gruppe wurden unter 39.20. auch illustrierte Zeughausinventare aufgenommen. Die Gruppe reicht mit nur einem Überlieferungsträger chronologisch in das ausgehende 15. Jahrhundert zurück und tritt erst im 16. Jahrhundert deutlicher hervor. Obwohl es sich dabei der Herkunft nach um Verwaltungsschriftgut handelt, stehen insbesondere bei den maximilianischen Zeugbüchern doch so deutlich Aspekte der höfischen Repräsentation voran, daß eine Aufnahme in den Katalog gerechtfertigt erschien.

Eine chronologische Einordnung der Gesamtüberlieferung der illustrierten Feuerwerks- und Kriegsbücher hat ihren Ausgang von den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts zu nehmen. Ältere deutschsprachige und illustrierte monographische Darstellungen existieren nicht. Lateinische Pendants, etwa der ›Liber ignium‹ des Marcus Graecus oder die Abschnitte über künstliches Feuer aus ›De mirabilibus mundi‹ des Pseudo-Albertus Magnus sind zwar älteren Datums und wurden auch vor 1400 gelegentlich übersetzt oder rezipiert, blieben jedoch unillustriert. Zudem sind die Verbindungen dieser Texte zu den Werken der nur wenig literaturbeflissenen Büchsenmeister dünn und meist sekundär vermittelt. Vor 1400 finden sich hin und wieder einzelne Pulverrezepte in unterschiedlichen Kontexten (etwa in städtischem Archivgut oder in Sammelhandschriften medizinisch-mathematisch-mantisch-technischer Ausrichtung). Doch blieben auch sie disparat und unbebildert. Der Schritt von der Einzelrezeptüberlieferung und der Anfertigung von Bauskizzen auf Einzelblättern in die überlieferungswürdige Buchform erfolgte erst kurz nach 1400. Zwar ist mit umfangreichen Überlieferungsverlusten zu rechnen, insbesondere bei den Manualen der Techniker, die wohl nur dann zufällig erhalten sind, wenn sie frühzeitig aus individuellem Buchbesitz in Sammlungen größerer Kontinuität übergingen. Eine Rückführung der Gattung in das 14. Jahrhundert gelingt jedoch in keinem Fall. Die älteste datierte Handschrift stammt aus dem Jahr 1411 (Wien, Cod. 3069 [siehe 39.1.10.]). Sie gibt sich eindeutig als Abschrift einer älteren Vorlage zu erkennen, über deren Alter jedoch keine Aussagen möglich sind. Eventuell handelt es sich dabei um die Münchener Handschrift Cgm 600 (siehe 39.1.6.), die nur grob auf das erste Viertel des 15. Jahrhunderts datiert werden kann. Ebenfalls in diesen Zeitraum fallen die Handschriften Nürnberg, Hs 25801 (siehe 39.1.8.) und Wien, KK 5135 (siehe 39.1.11.). Von den illustrierten Fassungen des ›Feuerwerkbuchs von 1420‹ stammt nur eine aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Nürnberg, Hs 1481a [siehe 39.2.5.]). Deutlich früher setzt die deutschsprachige Überlieferung des ›Bellifortis‹ ein. Nach der ältesten lateinischen Fassung von 1405 (Göttingen, 2° Cod. Ms. philos. 63) treten bereits ab 1420 in dichter Folge die ersten deutschen Überlieferungen auf (das älteste textlose, umfangreichere Rezeptionszeugnis in einer ansonsten deutsche Handschrift in Wien, Cod. 3069 [siehe 39.1.10.]; erstes Viertel 15. Jahrhundert Rom, Vaticana, Cod. Pal. lat. 1994 [siehe 39.4.16.], ca. 1420–1430 mehrere Überlieferungen in Heidelberg, Cod. Pal. germ. 787 [siehe 39.1.4.], Karlsruhe, Cod. Durlach 11 [siehe 39.4.7.], Rom, Vaticana, Cod. Pal. lat. 1888 [siehe 39.4.15.], Wien, KK 6562B [siehe 39.4.17.] und Wien, Cod. 5278 [siehe 39.4.22.]).

Die Produktion von Feuerwerks- und Kriegsbüchern bleibt mit einer leichten Steigerung im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts auf hohem Niveau. Dann tritt nach den um 1510 abgeschlossenen großen Sammelhandschriften (39.8.) eine merkliche Pause ein, bevor ab 1535 die artilleristischen Schriften mit dem ›Buch von den probierten Künsten‹ des Franz Helm (39.9.) bei insgesamt gestiegenen Zahlen an handschriftlicher Überlieferung die Gattung im 16. Jahrhundert erneut beleben.

Die geographische Einordnung der Feuerwerks- und Kriegsbücher hat einen eindeutigen Schwerpunkt im oberdeutschen, näherhin im süddeutschen Bereich. Im 15. Jahrhundert existieren nur ganze zwei illustrierte Handschriften, die auf niederdeutsche Herkunft (Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2o [siehe 39.4.24.]) bzw. auf das Gebiet Dänemarks oder des Deutschordenslandes (København, AM 374 fol. [siehe 39.2.2.]) verweisen. Dies ist keine Besonderheit der illustrierten Überlieferung. Auch unter den weit verbreiteten nicht bebilderten Fassungen des ›Feuerwerkbuchs von 1420‹ ist nur eine einzige niederdeutscher Provenienz (Berlin, Ms. germ. quart. 867). Erst im 16. Jahrhundert erfaßt die handschriftliche Produktion nördlichere und östlichere Bereiche. Dies bleibt aber auch dann noch die Ausnahme. Unter Einbeziehung nicht illustrierter Überlieferungen ergibt sich für das erste Auftreten von Feuerwerks- und Kriegsbüchern ein Schwerpunkt im bairisch-österreichischen und alemannischen Raum. Einige der ältesten deutschen Überlieferungen des ›Bellifortis‹ haben nach den lateinischen, in Böhmen entstandenen Vorlagen einen Überlieferungsschwerpunkt im Elsaß. Unter den näher lokalisierbaren Handschriften liegt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein Schwerpunkt in Nürnberg. Im 16. Jahrhundert tritt durch die Konzentration einiger schreibender Büchsenmeister im Umfeld des fürstlichen Zeughauses München als Produktionsort deutlicher hervor. Merkwürdigerweise bleibt bis auf wenige Ausnahmen im 16. Jahrhundert (siehe 39.16., Samuel Zimmermann) Augsburg als Schreibort nachrangig, obwohl das metallverarbeitende Gewerbe dort einen Schwerpunkt hatte.

Das Verhältnis zum Druck ist in allen Bereichen der Feuerwerks- und Kriegsbücher schwach ausgeprägt. Unter den Handschriften des 15. Jahrhunderts gelangt keine einzige in den Druck. Der einzige existierende Druck des 15. Jahrhunderts, Ludwig Hohenwangs ›Kurcze red von der Ritterschaft‹ (Augsburg, Wienner 1475/76) wurde in einem Fall handschriftlich rezipiert (Karlsruhe, Cod. Durlach 18 [siehe 39.7.4.]) und wirkte vor allem in seinen Abbildungen auf die Büchsenmeisterbücher des letzten Viertels des 15. Jahrhunderts, hat seine Wurzeln jedoch weniger in der Kriegstechnik, sondern in der frühhumanistischen Beschäftigung mit dem antiken Klassiker Vegetius. Unter den im 16. Jahrhundert neu produzierten illustrierten Feuerwerks- und Kriegsbüchern ist kein einziges unmittelbar in den Druck gelangt. Immerhin gibt es bei einigen Autoren, die auch für den Buchmarkt produzierten, Überlieferungen, die sich als Konzepte oder Druckvorstufen fassen lassen (39.13. Leonhart Fronsperger und 39.14. Reinhard von Solms). Die ansonsten zahlreichen gedruckten Kriegsbücher des 16. Jahrhunderts (siehe 39.21., Stoffgruppeneinleitung) wirkten nur in Form gelegentlicher Zitate in Text und Bild in die Handschriften zurück.