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39.4. Konrad Kyeser,
›Bellifortis‹ (einschließlich Hartlieb und ›Bellifortis‹-Bearbeitungen)

Bearbeitet von Rainer Leng

KdiH-Band 4/2

Mit dem ›Bellifortis‹ (Titel mehrfach in Göttingen, 2º Cod. Ms. philos. 63, 2rv, 136rv, 137r, wohl nach Sap. 8,15 oder Hebr. 11,34) Konrad Kyesers liegt im Bereich der deutschsprachigen illustrierten Feuerwerks- und Kriegsbücher das älteste Werk eines namentlich bekannten Verfassers vor. Konrad Kyeser wurde nach eigener Aussage am 26. August 1366 in Eichstätt geboren (Göttingen, 2º Cod. Ms. philos. 63, 139r) und war bürgerlicher Herkunft. Weitere Angaben zur Person ergeben sich allein aus den autobiographisch gefärbten Rahmenteilen der ältesten lateinischen Überlieferungen (Göttingen, 2º Cod. Ms. philos. 63 und 64a). Demnach nahm er Kreuzzug von 1396 nach Nikopolis unter der Führung Sigismunds teil. Er will unter anderem an den Höfen von König Wenzel und Sigismund, Herzog Jobst von Mähren, Herzog Stephan dem Älteren von Bayern, Herzog Wilhelm von Österreich, Johannes von Oppeln und Franz II. von Carrara gedient haben (Göttingen, 2º Cod. Ms. philos. 63, 137r) und bereiste dabei Apulien, Sizilien und Polen, Fondi und die Campagna, Mailand, Toskana und Lombardei, Dänemark, Norwegen, Schweden, Franken, Burgund und Spanien, schließlich die Walachei, Rußland, Litauen, Mähren und Meißen, zuletzt Krain, Steiermark und Kärnten. Kyeser schreibt sich selbst umfassende Kenntnisse in den freien, unfreien und heimlichen Künsten zu. Anhand anatomischer Kenntnisse wurde eine medizinische Ausbildung vermutet (Quarg [1967] XX f.). Eine Identifizierung mit einem Verfasser medizinischer Schriften namens Conradus medicus Eistet(ensis) (München, Clm 321) gilt jedoch als unwahrscheinlich. Ein jüngst entdeckter Beleg für eine juristische Ausbildung (immatrikuliert 1390, vgl. Album seu Matricula Facultatis Iuridicae Universitatis Pragensis ab Anno Christi 1372 usque ad annum 1418. Prag 1834 [Monumenta Historica Universitatis Carolo-Ferdinandeae Pragensis II,1], S. 77, freundlicher Hinweis von Franz Fuchs, Würzburg) spricht eher für eine auf diesem Weg erfolgte Karriere als Höfling. Die Auseinandersetzungen zwischen Wenzel und Sigismund beendeten seine Aufenthalte bei Hof. Mehrfach bezeichnet sich Kyeser als exul. Abfassung und Widmung des Bellifortis zwischen 1402 und 1405 an König Ruprecht von der Pfalz und Wenzel (Göttingen, 2º Cod. Ms. philos. 63 und 64a) sollten den Weg zurück an einen Hof befördern. Ein Todeszeitpunkt ist nicht bekannt.

Die ältesten lateinischen Fassungen sind in zehn Kapitel unterteilt, die sich grob an dem traditionellen, von Vegetius vorgegebenen Themen Feldschlacht, Belagerungskrieg, Verteidigungskrieg und Seekrieg orientieren: Feldschlacht (1), Belagerung (2), Wassertechnik (3), Steigzeug (4), mechanischen Schußwaffen (5), Verteidigung (5), Leuchtfackeln (7), Pyrotechnik (8), Wärmetechnik (9), natürliche Kampfmittel, diverse Nachträge (10). Jedes Kapitel wird von einem Planetenbild mit lateinischen Planetenkinderversen eingeleitet. In der lateinischen wie in der deutschen Überlieferung gliedern jedoch die meisten Handschriften den Stoff nach Umstellungen und Eliminierung insbesondere der zahlreichen magischen Elemente in nur noch sieben Kapiteln, wobei die Grenzen zur immer freieren Bearbeitung bis hin zur Streuüberlieferung in anderen Kontexten nahezu fließend sind.

Das Bildprogramm umfaßt bei den vollständigeren Überlieferungen 170–220 Illustrationen. Die Anzahl kann aber jederzeit durch Selektion deutlich unterschritten bzw. durch Anreicherung mit anderen Materialien überschritten werden. Die Illustrationen spiegeln unterschiedliche Einflüsse wider. Ein Teil der Abbildungen, insbesondere bei der Veranschaulichung von Angriffs- und Verteidigungstechniken, arbeitet mit einer stereotypen idealtypischen Burg, die in Landschaftshintergrund eingebettet ist. In mehreren Varianten werden an dieser Vorlage Techniken des Einsteigens, Anschleichens, Anlage von Gräben oder Verteidigung mit Wurfwaffen dargestellt. Diese Serie verwendet Vorlagen aus Buchmalerateliers; die Burg selbst läßt Anklänge an die Burg Karlstein erkennen, was mit der vermutlich böhmischen Entstehung der ältesten Handschriften korrespondiert. Neben leicht erreichbaren Vorlagen für die Planetenbilder gilt ein anderer Schwerpunkt diversen Streit- und Kampfwägen, bei denen die beistehenden lateinischen Hexameter häufig Bezüge zu Alexander dem Großen herstellen. Ob hier eigenständige Rekonstruktionen antiker Kriegstechnik, Einflüsse real existierender zeitgenössischer Kriegstechnik oder Anklänge an spätmittelalterliche illustrierte Alexander-Epen vorliegen, läßt sich nicht generell entscheiden. Unmittelbare schriftlichen Quellen sind nicht auszumachen. Diese Abbildungen zeigen im Allgemeinen in isolierter Darstellung, rahmenlos und ohne szenische Einbettung in einfacher Seitenansicht oder Aufsicht grob skizzierte Instrumente. Jene Darstellungstechnik gilt auch für einen Anteil von Illustrationen, der sich explizit zeitgenössischer Technik widmet. Für Sturmzeug, Steigleitern, Bliden oder Feuerwaffen, die in deutlichem Kontrast zu den aufwendigeren Burgendarstellungen stehen, könnten evtl. Vorlagen aus frühen Büchsenmeisterbüchern herangezogen worden sein.

Die hier vorgestellten insgesamt 25 Handschriften mit deutschsprachigen bzw. deutsch-lateinischen ›Bellifortis‹-Überlieferungen (einschließlich Bearbeitungen und Streuüberlieferungen in größerem Umfang) zeigen, daß die Übertragung der schwierigen lateinischen Hexameter in die Volkssprache bzw. Neukonzeptionen der Texte zu den wiedergegebenen Abbildungen eine hohe Attraktivität besaß. Nach sehr früh erfolgten Übersetzungen gehen im Laufe des 15. Jahrhunderts die lateinischen Überlieferungen zugunsten der Übersetzungen bzw. Bearbeitungen deutlich zurück. Es ist jedoch ingesamt auf 19 ausschließlich lateinische bzw. vollkommen textlose Überlieferungen zu verweisen, die in der folgenden Liste zusammengestellt sind. Aus den Erwähnungen in der Literatur wurde eine angebliche lateinische ›Bellifortis‹-Handschrift im Konstanzer Rosengartenmuseum ausgeschieden (so noch Schmidtchen/Hils [1985] Sp. 481; nach freundlicher Auskunft von Katharina Kirr, Bibliothek des Rosengartenmuseums, hat das Rosengartenmuseum nie eine solche Handschrift besessen).

Besançon, Bibliothèque Municipale, Ms. 1360 (textlos)

Budapest, Magyar Tudományos Akadémia Könyvtára, K465 (lat. Fragment)

Chantilly, Musée Condé, Ms. 491 (mit altalbanischen Beitexten)

olim Donaueschingen, Hofbibliothek, Cod. 860, später Stalden, Jörn Günther Rare Books, heute unbekannter Privatbesitz (Auswahl aus der lateinischen Zehn-Kapitel-Fassung, nur eine deutsche Beischrift 109v im 16. Jh. nachgetragen, daher nicht aufgenommen)

Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibliothek, Ms. germ. qu. 15 (textlos, verwandt mit Paris, Ms. Lat. 17873; nur deutsches Besitzerwappen Lichtenberg-Hanau, daher hier nicht aufgenommen; um 1460–80 Elsaß, vermutlich Werkstatt Lauber)

Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2º Cod. Ms. philos. 63

Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2º Cod. Ms. philos. 64, fol. 2r–93r (nur minimale deutsche Spuren in Beischriften 25r–28v und 44v, daher hier nicht aufgenommen)

Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2º Cod. Ms. philos. 64a

Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 787, 46r–103v (siehe Nr. 39.1.4.)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30150, fol. 1v–93r

Paris, Bibliothèque Nationale, Ms. Lat. 17873 (textlos, nur ein deutsches Besitzerwappen der Grafen von Lichtenberg, daher hier nicht aufgenommen)

Roma, Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1889, fol. 1r–92v (nur wenige im 16. Jahrhundert nachgetragene deutsche Beischriften 24r–27v, daher hier nicht aufgenommen)

Roma, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1986, fol. 3r–196r

olim Schloß Hollwinkel bei Lübbecke, Privatbesitz Freiherren von der Horst, in englischen Privatbesitz verkauft, heutiger Aufenthaltsort unbekannt

Strasbourg, Bibliothèque Nationale et Universitaire, Ms. 2259, fol. 18v–132v

Wien, Kunsthistorisches Museum, KK 5342

Wien, Kunsthistorischen Museum, KK 5342a (nur zwei marginale deutsche Glossen, daher hier nicht aufgenommen [siehe auch Nr. 38.3.8.])

Wien, Kunsthistorisches Museum, KK 6562 (Fragment, textlos)

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 5518, fol. 7r–82v (siehe Nr. 39.4.23.)

Die ältesten deutschsprachigen Überlieferungen bzw. Bearbeitungen des ›Bellifortis‹ stammen durchgehend aus dem süddeutschen Bereich. Konrad Kyeser scheint nicht selbst für eine Übertragung gesorgt zu haben, so daß die Übersetzungen wohl erst im Zuge der Verbreitung der lateinischen Fassungen entstanden. Da die älteste Fassung 1411 in einer süddeutschen bzw. ostschweizerischen Überlieferung vorliegt (›Bellifortis‹-Abbildungen textlos, aber mit deutschen Begleittexten in Wien, Cod. 3069 [siehe Nr. 39.4.21.]) könnte die Verbreitung über den südwestdeutschen bzw. elsässischen Raum erfolgt sein. In dieser Region treten auch die ersten deutschsprachigen Fassungen um 1420 auf (Karlsruhe, Cod. Durlach 11 [siehe Nr. 39.4.7.]; Wien, Cod. 3068, um 1430 [siehe Nr. 39.4.20.]). Im Laufe der 20er und 30er Jahre des 15. Jahrhunderts sind dann mehrere Übertragungen im bayerischen bzw. süddeutschen Raum präsent (Roma, Cod. Pal. lat. 1888 [siehe Nr. 39.4.15.]; Wien, Cod. 5278 [siehe Nr. 39.4.22.]; Wien, KK 6562B [siehe Nr. 39.4.17.]). Eine südrheinfränkische Fassung, die noch aus dem 1. Viertel des 15. Jahrhunderts stammt (Roma, Cod. Pal. lat. 1994 [siehe Nr. 39.4.16.]), sowie eine in Dänemark oder im Deutschordensgebiet um 1450 entstandene Bearbeitung (København, AM 374 fol. [siehe Nr. 39.4.8.]) und eine niederdeutsche Übertragung (Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2º [siehe Nr. 39.4.24.]) aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts sind zwar innerhalb der Gesamtüberlieferung Ausnahmen, zeigen aber in dieser Gruppe im Vergleich zu anderen Typen von Feuerwerks- und Kriegsbüchern eine auffällig konzentrierte Neigung zur Überschreitung von Sprachgrenzen.

Das Verhältnis der deutschen Übertragungen zum lateinischen Text der Vorlage zeigt großen Variantenreichtum. So fallen in den Übersetzungen fast durchgehend die Rahmentexte der ältesten lateinischen Fassungen mit den autobiographischen Notizen und der wissenschaftstheoretischen Verortung der Kriegskunst aus (vorhanden nur in Innsbruck, Cod. 32009 [siehe Nr. 39.4.6.], dort jedoch nicht mitübersetzt). Ansonsten gibt es einen breiten Spielraum zwischen Beibehaltung der lateinischen Hexameter mit Beigabe einer vergleichsweise engen Prosaübertragung (Roma, Cod. Pal. lat. 1888 [siehe Nr. 39.4.15.]; Roma, Cod. Pal. lat. 1994 [siehe Nr. 39.4.16.]; Köln, Best. 7020 [W*] 232 [siehe Nr. 39.4.10.]; New York, Ms. 58 [siehe Nr. 39.4.12.]; Wien, KK 6562B [siehe Nr. 39.4.17.]; Colmar, Ms. 491 [siehe Nr. 39.4.4.]; Karlsruhe, Cod. Durlach 11 mit nachträglicher Übersetzung [siehe Nr. 39.4.7.]), enger am lateinischen Vorbild verbleibender Übersetzung ohne die lateinischen Texte (København, Thott 290 2º [siehe Nr. 39.4.9.]; New York, Ms. 104 [siehe Nr. 39.4.13.]), unabhängig vom lateinischen Text erfolgte zusätzliche Kommentare oder erläuternde Marginalien (Roma, Cod. Pal. lat. 1994, zusätzlich zu einer deutschen Übersetzung [siehe Nr. 39.4.16.]; Köln, Best. 7020 [W*] 232 [siehe Nr. 39.4.10.]; Innsbruck, Cod. 32009 [siehe Nr. 39.4.6.]) bis hin zu Bilderhandschriften, denen offenbar textlose Vorlagen als Vorbild dienten und die daher vollkommen von lateinischen oder deutschen Vorlagen unabhängige Beischriften ergänzten (Basel, L II 22 [siehe Nr. 39.4.1.]; København, AM 374 fol. [siehe Nr. 39.4.8.]; Wien, Cod. 3068 [siehe Nr. 39.4.20.]; Wien, Cod. 5278 [siehe Nr. 39.4.22.]; Wien, Cod. 5118 [siehe 39.4.23.]).

Auch bei der Verarbeitung des ikonographischen Programms herrscht eine große Bandbreite. Einige Überlieferungen beharren etwa auf einer geschlossenen Präsentation der Planetendarstellungen, so daß sich größere Ähnlichkeiten zu Planetenkindertexten ergeben (Colmar, Ms. 491 [siehe Nr. 39.4.4.]; Karlsruhe, Cod. Durlach 11 [siehe Nr. 39.4.7.]; Köln, Best. 7020 [W*] 232 [siehe Nr. 39.4.10.]; New York, Ms. 104 [siehe Nr. 39.4.13.]; Roma, Cod. Pal. lat. 1994 [siehe Nr. 39.4.16.]; Innsbruck, Cod. 32009 [siehe Nr. 39.4.6.]; Wien, Cod. 3068 [siehe Nr. 39.4.20.]). In den meisten anderen Fällen sind die Planetendarstellungen durch den Bildkatalog gestreut und besitzen nur noch partiell gliedernde Funktion oder sind sogar ganz eliminiert (z. B. Wien, Cod. 5518 [siehe 39.4.23.]). In wenigen Fällen werden nahezu vollständige ›Bellifortis‹-Überlieferungen durch weiteres Material aus älteren Feuerwerks- und Kriegsbüchern angereichert (z. B. Roma, Cod. Pal. lat. 1888 [siehe Nr. 39.4.15.]), in anderen Fällen mischen sich auswählende Bearbeitungen mit Anreicherungen aus anderen Kontexten (mit Abbildungen zur Bautechnik z. B. Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2º [siehe Nr. 39.4.24.]). Häufig finden sich auch auswählende Bearbeitungen in Form von Bildkatalogen, die an andere Text- oder Bildsammlungen angehängt werden (Basel, L II 22 [siehe Nr. 39.4.1.]; Berlin, Ms. germ. quart. 621 [siehe Nr. 39.4.2.]; København, AM 374 fol. [siehe Nr. 39.4.8.]; København, Thott 290 2º [siehe Nr. 39.4.9.]; Wien, Cod. 3069 [siehe Nr. 39.4.21.]; Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2º [siehe Nr. 39.4.24.]; Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 161 Blankenburg [siehe Nr. 39.4.25.]). Die Grenzen von der auswählenden Bearbeitung zur Streuüberlieferung größerer Komplexe bis hin zur Aufnahme von Einzeldarstellungen in anderen Kriegsbüchern erscheinen fließend. So besitzt etwa Erlangen, Ms. B. 26 (siehe 39.4.5.) nahezu alle Abbildungen des ›Bellifortis‹, bietet jedoch kaum noch ein geschlossenes Bild der über zahlreiche Teile des Codex verstreuten Überlieferung. Neben geschlossener Präsentation einer Auswahl liegt Aufnahme von weiteren Abbildungen in Streuüberlieferung in andere Bildkomplexe innerhalb derselben Handschrift vor in Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 161 Blankenburg (siehe Nr. 39.4.25.). Nur marginale Streuüberlieferung besitzen die Handschriften Leeds, Inv. Nr. I/34 (siehe Nr. 39.4.11.) und Wien, Cod. 2952 (siehe Nr. 39.4.18.), die aber noch deutlich die Vorlage erkennen lassen.

Weiterhin finden sich in nahezu jedem Feuerwerks- und Kriegsbuch ab der Mitte des 15. Jahrhunderts Abbildungen aus dem Bildprogramm des ›Bellifortis‹. Sie wurden in dieser Stoffgruppe aber nicht mehr eigens angeführt, da sich die Übernahmen nur auf einzelne Szenen oder Geräte beschränken und die Aufnahmen kaum noch auf eine ursprüngliche ›Bellifortis‹-Vorlage, sondern auf sekundäre Übermittlung durch verschiedene andere Zwischenstufen verweisen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Druck. Als Ganzes ist der ›Bellifortis‹ nie in den Druck gelangt. Einzelne seiner Abbildungen finden sich jedoch aus dem ursprünglichen Kontext gelöst in einer lateinischen staatstheoretischen Abhandlung wieder (Nikolaus Marschalk: Institutionum reipublice militaris ac civilis libri novem. Rostock, in aedibus Thuriis 1515 [VD16 M 1114]).

Eine Ausnahme innerhalb der deutschsprachigen ›Bellifortis‹-Überlieferung stellen die drei unter dem Titel ›Iconismis Bellicis‹ Johannes Hartlieb zugeschriebenen Codices dar. Trotz der abweichenden Zuschreibung an (Pseudo-)Hartlieb waren sie hier aufzunehmen, da sich der Urheber bei seiner Bildauswahl zum überwiegenden Teil auf den ›Bellifortis‹ stützte und ihn nur unter eigenständigen deutschen Kurzbeischriften mit Materialien aus anderen Kriegsbüchern anreicherte. Die Hartlieb-Codices präsentieren unter dem Titel ›Iconismis bellicis‹ einen Bildkatalog kriegstechnischer Geräte, um den sich in variierender Reihenfolge und gelegentlich ergänzt durch weitere Texte oder Bildkataloge das ›Feuerwerkbuch von 1420‹, eine deutsche Bearbeitung des ›Liber ignium‹ des Marcus Graecus unter Zuschreibung an einen Achilles Thabor sowie die ›Onomatomantia‹ Johannes Hartliebs gruppieren. Alle drei Überlieferungen heben sich durch hochwertige Illustrationen sowie durch anzunehmende hochrangige Empfänger von den meisten anderen deutschsprachigen ›Bellifortis‹-Handschriften ab. Trotz enger Zusammengehörigkeit der Hartlieb-Handschriften innerhalb der ›Bellifortis‹-Bearbeitungen gibt es aber auch hier deutliche Unterschiede, was den Umgang mit der Vorlage betrifft. Während sich in der ältesten Fassung in Wien, Cod. 3062 von 1437 (siehe Nr. 39.4.19.) und der jüngsten in Berlin, Ms. germ. quart. 2041 (siehe Nr. 39.4.3.) von 1453 ein fast kompletter ›Bellifortis‹ in der Sieben-Kapitel-Fassung befindet, beinhaltet die allerdings nicht ganz fertiggestellte Handschrift olim Ramsen, Kat. XXV, Nr. 21 von 1439 (siehe Nr. 39.4.14.) nur eine Auswahl von ca. 60 Abbildungen.

Deutsche Bearbeitungen des ›Bellifortis‹ gehen wie auch die lateinischen Vorlagen häufig Überlieferungsgemeinschaften mit dem ›Feuerwerkbuch von 1420‹ ein (siehe Stoffgruppeneinleitung 39.2.). Mehrfach treten sie auch innerhalb von Sammelhandschriften auf, die ansonsten beispielsweise Fechtbücher (København, Thott 290 2º [siehe Nr. 39.4.9.]; Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2º [siehe Nr. 39.4.24.]) oder Bautechnik bzw. Architekturzeichnungen enthalten (Basel, L II 22 [siehe Nr. 39.4.1.]; Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 78.2 Aug. 2º [siehe Nr. 39.4.24.]).

Editionen:

Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis. Hrsg. von der Georg-Agricola-Gesellschaft zur Förderung der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik. Bd. 1. Faksimiledruck der Pergament-Handschrift Cod. Ms. philos. 63 der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Bd. 2. Umschrift, Übersetzung und Erläuterungen von Dipl. Ing. Götz Quarg. Düsseldorf 1967; Udo Friedrich / Fidel Rädle: Konrad Kyeser. Bellifortis. Feuerwerkbuch. Farbmikrofiche-Edition der Bilderhandschriften 2º Cod. Ms. philos. 64 und 64a Cim. Einführung und Beschreibung der kriegstechnischen Bilderhandschriften von Udo Friedrich. Anmerkungen zum lateinischen Text, Transkription und Übersetzung der Vorrede von Fidel Rädle. München 1995 (Codices figurati – Libri picturati 3); Pal. lat. 1888. CD-Rom. Belser Wissenschaftlicher Dienst. Wildberg 2001 (39.4.15.); Pal. lat. 1994. Conrad Kyeser. Bellifortis. CD-Rom. Belser Wissenschaftlicher Dienst. Wildberg 2001 (39.4.16.); Hans Blosen / Rikke Agnete Olsen: Kriegskunst und Kanonen. Das Büchsenmeisterbuch des Johannes Bengedans. Zwei Bände, Aarhus 2006 (39.4.8.).

Literatur zu den Illustrationen:

Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis 1967 (s. o. Editionen); Hermann Heimpel (Rez.): Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis. … Göttingische Gelehrte Anzeigen 223 (1971), Heft 1/2, S. 115–148; Volker Schmidtchen / Hans-Peter Hils: Kyeser, Konrad. In: Verfasserlexikon, 2. Aufl. V (1985), Sp. 477–484; Theresia Berg / Udo Friedrich: Wissenstradierung in spätmittelalterlichen Schriften zur Kriegskunst: Der ›Bellifortis‹ des Konrad Kyeser und das anonyme ›Feuerwerksbuch‹. In: Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftlichungsprozess am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert. Hrsg. von Jan-Dirk Müller. München 1994, S. 233–288; Udo Friedrich: Herrscherpflichten und Kriegskunst. Zum intendierten Gebrauch früher ›Bellifortis‹ Handschriften. In: Der Codex im Gebrauch. Akten des 2. Internationalen Kolloquiums des SFB 231. Hrsg. von Hagen Keller, Christel Meier, Dagmar Hüpper. München 1996, S. 197–210; Leuchtendes Mittelalter (1990) S. 224–258; Christoph Graf von Waldburg: Der Münchener ›Bellifortis‹ und sein Autor. In: Patrimonia 137, München 2000, S. 21–60; Felicia Englmann: Der Zauber der Macht. Politik und Geheimwissenschaft in Konrad Kyesers Bellifortis. Neuried 2001 (Politisches Denken 5) [cave!]; Rainer Leng: Ars belli. Deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und 16. Jahrhundert. Bd. 1: Entstehung und Entwicklung. Wiesbaden 2002 (Imagines medii aevi 12), S. 109–149.