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39.1.10. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 3069

Bearbeitet von Rainer Leng

KdiH-Band 4/2

Datierung:

1.3.1411 (Ir).

Lokalisierung:

Süddeutschland oder Ostschweiz.

Besitzgeschichte:

Auftraggeber und erste Besitzer nicht bekannt; Einband des 15. Jahrhunderts übereinstimmend mit Cod. 3062 und 3064 (siehe 39.4.19. bzw. 39.1.9.), vermutlich bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in derselben Sammlung; in Habsburger Besitz erstmals nachweisbar in einem Inventar der Sammlung Maximilians I. in der Innsbrucker Burg aus dem Jahr 1536: zwei streittbuecher mit figuren auf papier in rot gepunden das ain hat pucklen (vgl. Gottlieb [1900] S. 106, Nr. 308; Stummvoll [1968] S. 47), aus Innsbruck auf Schloß Ambras und 1665 durch Peter Lambeck nach Wien verbracht (1r MS. Ambras. 231 von der Hand Lambecks).

Inhalt:
Ir–95v Anonymus, Büchsenmeisterbuch

›Got Almechtiger zuͦ kum uns din hilf Amen. [D]o man zalt von gottes gepurt tusent vierhundert und einliff jar an dem ersten tag mertzen So heb ich dis puͦch an ze scriben und ze malen so ich den pest kan ze einer bedutws eins anderan puͦchs und zuͦ einer angedenknus und wil úch die stuk von erzellen die ich hie nach muͦt han zescriben‹

I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 2 + 169 Blätter (zwei alte Vorsatzblätter mit Register modern mit Blei gezählt I, II, ältere Tintenfoliierung springt von 90 auf 92, ab 97 modern mit Blei fortgeführt), 300 × 210 mm, Bastarda von einer Hand, beschrieben sind nur Register Ir–IIv (28 Zeilen) und Bildunterschriften 1r–10v (6–9 Zeilen), abwechselnd rote (Versoseite) und grüne (Rectoseite) Lombarden, einspaltig, rubriziert, Textblöcke 1r–10v mit dünnen roten und grünen Linien eingerahmt, Textura nur 73r MAUFATON.

Schreibsprache:

alemannisch, bairisch beinflußt.

II. Bildausstattung:

182 Pinselzeichnungen 1r–91v überwiegend ohne Federvorzeichnungen sowie drei nachgetragene Federzeichnungen 92r–93r in bereits angelegten Rahmen, 93v–95v leere Rahmen, nur 94v nachgetragene und kolorierte (unvollständige?) Zeichnung von Werkzeug und Mauerhaken; 95r Abdruckspuren einer Stiftskizze (Wappenentwurf?), weitere auf den Leerseiten bis 100r (›Bellifortis‹?); Zeichnungen nach dem Incipit von der Hand des Schreibers (Ir: ze scriben und ze malen); ein einheitlicher Entwurf ist anzunehmen, auch wenn Schwankungen in der Figurenzeichnung und in der Farbpalette auf Beteiligung von Gehilfen hinweisen könnten; nach freundlichem Hinweis von Veronika Pirker-Aurenhammer, Wien, sind ostschweizerische und norditalienische Einflüsse zu erkennen, Ähnlichkeiten mit der Toggenburg-Weltchronik (Berlin, Kupferstichkabinett der Staatl. Museen Preuß. Kulturbesitz, Cod. 78 E 1, Weltchronik des Rudolf von Ems, datiert ebenfalls 1411), andere Elemente zeigen Verwandtschaft mit oberitalienischen Bilderhandschriften (Wiener Tacuinum-Exemplar Cod. Ser. nov. 2644 vom Ende des 14. Jahrhunderts, ed. Franz Unterkircher [Codices Selecti. VI] Graz 1966/67); in Analogie zu den Kriegsbüchern Hartliebs wurde diese Handschrift ebenfalls fälschlich Hartlieb zugewiesen (Tabulae 2 [1868] S. 190; Menhardt 2 [1961] S. 857f.) und ist gelegentlich noch immer unter (Pseudo-)Hartlieb zu finden, korrigiert bei Gundolf Keil: Rez. Menhardt. ZfdA 76 (1965), S. 137.

Format und Anordnung:

Alle Zeichnungen einheitlich in roten, hochrechteckigen Rahmen von 155–175 × 125–130 mm Größe, Bildunterschriften nur 1r–10v.

Bildaufbau und -ausführung:

Anfänglich sorgfältige, großformig komponierte Bilder in breitem Pinselstrich, gedrungene Personen in weichen, fließenden Gewändern mit angedeutetem Faltenwurf (meist knielange Kittel, gezaddelte Röcke, Gugeln, breitkrempige Hüte mit Federschmuck) oder einfachen Rüstungen (Krebs und Rundhelme, selten volle Rüstung mit Kettenhemd oder Hundsgugel), große oftmals haarlose Köpfe mit runden Gesichtern, auf den ersten Blättern bei Personen abschattierend gesetzte Lichter; Personen und Geräte ohne Hintergründe auf kräftigem grünem Rasengrund mit Wellenlinien; ab 11r stärker graphischer Stil mit gelegentlichen Vorzeichnungen mit der Feder oder dünnem Pinsel, Personen oft nur noch flächig koloriert; auffällig eine Serie von nur monochrom in verschiedenen Abstufungen kolorierten Szenen zur Pulverbereitung 85v–88v (ähnlich auch in den späteren Handschriften Zürich, Ms. Rh. hist. 33b [siehe 39.3.2.] und Wien, Kunsthistorisches Museum, KK 5014 [siehe 39.3.1.]; Anspielung auf die Bereitung von Farbpulvern 8r, später auch im ›Feuerwerkbuch von 1420‹?).

Bildthemen:

Pulverbereitung, Laden und Abfeuern von Feuerwaffen und diverses Kriegsgerät übereinstimmend mit München, Cgm 600 (siehe 39.1.6., Konkordanz Leng [2000a]); bei einzelnen Feuerwaffen, Kriegsgeräten und Taktiken Übereinstimmungen zu den ältesten Büchsenmeisterbüchern in Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 25801 (siehe 39.1.8.) und Wien, KK 5135 (siehe 39.1.11.); diese Handschrift (oder deren Quelle) stellt offensichtlich einen großen Teil des Bildmaterials zur Verfügung, das in künstlerischer Durchformung in die jüngeren Handschriften Zürich, Ms. Rh. hist. 33b und Wien, KK 5014 eingegangen ist; 59v–83r insgesamt 46 aus dem ›Bellifortis‹ übernommene Zeichnungen mit Einstreuungen fremden Materials, somit ein früher Zeuge der ›Bellifortis‹-Rezeption.

Farben:

Grün, Rot, Blau, Gelb, Ocker, jeweils in kräftigen bis blassen Nuancen und Mischtönen.

Literatur:

Tabulae 2 (1868) S. 190; Menhardt 2 (1961) S. 857f.; Unterkircher (1957) S. 90; Unterkircher 2,1 (1971) S. 49. II,2, Abb. 83 (Ir). – Jähns (1889) S. 243; Wolfram Schmitt: Hans Hartliebs mantische Schriften und seine Beeinflußung durch Nikolaus von Kues, Phil. Diss. Heidelberg 1962, S. 54; Ambraser Kunst- und Wunderkammer (1965) S. 37, Nr. 61; Schmidtchen (1977) S. 10f. 43–48 mit Abb. 1–4; Hall (1979) S. 131; Schmidtchen (1981a) Sp. 498; Schmidtchen (1982) S. 131–133. 139f. 145. 147. 153. 165. 181. 189. 190 mit Abbildungen; Schmidtchen (1990) S. 135 mit Abb. 8; C. J. Rogers: The Military Revolutions of the Hundred Years’ War. The Journal of Military History 57 (1993) S. 268. 271, Abb. 263 (8v, 9v); Grassi (1996) S. 203. 206 mit Abb. 7. 215; Leng (1997) S. 154f. S. 154, Abb. 8 (21v/23r), S. 155, Abb. 9 (43v); Leng (2000a) S. 25–27. 35–41. 47–48, Anm. 221. 50, Anm. 227 und 231. 51. 53. 55, Anm. 253 und 259. 57–58. 67–153 mit Abbildungen; Leng (2002) Bd. 2, S. 334–336; Leng (2004a) S. 92, Abb. 3.2 (21v, 90r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Taf. XVIIIa: 88r. Anonymus, Büchsenmeisterbuch: Abfüllen von Pulver in Säcke.

Taf. XVIIIa.