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39.7. Anonyme und sonstige Büchsenmeisterbücher aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts

Bearbeitet von Rainer Leng

KdiH-Band 4/2

Die Untergruppe 39.7. vereinigt anonyme Büchsenmeisterbücher aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die als individuelle Stücke nicht einer anderen Gruppe zuzuordnen waren. Das Spektrum jener Handschriften ist in formaler wie inhaltlicher Hinsicht entsprechend breit. Heterogene Zusammensetzung der einzelnen Codices herrscht vor; Bildkataloge sowie Feuerwerksanleitungen sind in den meisten Fällen innerhalb einer Handschrift vertreten. Bemerkenswert erscheint, daß auch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts der ›Bellifortis‹ in mehr oder weniger umfangreicher Streuüberlieferung noch in den Bildkatalogen präsent ist (Basel, L II 22 [siehe 39.7.1.]; Gotha, Chart. B 1042 [siehe 39.7.2.]; München, Cod. Hebr. 235 [siehe 39.7.5.]; Weimar, Q 342 [siehe 39.7.5.]). Ansonsten wirken die Einflüsse der Formschneider-Abbildungen (Basel, L II 22 [siehe 39.7.1.]; Gotha, Chart. B 1042 [siehe 39.7.2.]; München, Cod. Hebr. 235 [siehe 39.7.5.]; Weimar, Q 342 [siehe 39.7.5.]) ebenso nach wie gelegentlich auch Illustrationen des ältesten Typus der Büchsenmeisterbücher aufgenommen wurden (insbesondere in München, Cod. Hebr. 235 [siehe 39.7.5.]).

Der heterogenen Zusammensetzung entsprechend sind einigen Fällen Überlieferungskontexte zu beobachten, die über das engere Spektrum der Feuerwerks- und Kriegsbücher hinausweisen. In der Handschrift Basel, L II 22 (siehe 39.7.1.) schließen sich Zeichnungen von Hebezeug, Büchsen und ›Bellifortis‹-Rezeption mit Architekturzeichnungen zusammen. Hans Schermers illustrierte Anleitung zum Basteienbau in Heidelberg, Cod. Pal. germ. 562 (siehe 39.7.3.) wird gefolgt von einem bunten Spektrum von Rezepten und Kurztexten aus den Bereichen Mantik, Tierkunde und Medizin. Im Münchener Cod. Hebr. 235 steht ein Bildkatalog, der aus Formschneider, ›Bellifortis‹, Valturio und anderen Vorlagen zusammengesetzt ist, im Umfeld jiddischer Texte, der ›Onomatomantia‹ Johannes Hartliebs und zahlreichen Versatzstücken aus technischen sowie astrologischen Kontexten (siehe 39.7.5.).

An einigen Stücken ist auch festzustellen, daß neben technischen Aspekten des Krieges auch taktische Überlegungen in die schriftliche bzw. ikonigraphische Reflektion eindringen. Hans Schermers Überlegungen zum Basteienbau (Heidelberg, Cod. Pal. germ. 562 [siehe 39.7.3.]) sind als Reaktion auf die veränderte Kriegsführung im ausgehenden 15. Jahrhundert zu werten, die in Anbetracht von Söldnerhaufen und neuen Anforderungen der Militärarchitektur temporäre Befestigungen und Wagenburgen nur noch unter großem planerischen Einsatz von Material bewältigen konnte. Dasselbe Phänomen von neuen taktischen Anforderungen in Kombination logistischer Probleme ist auch den diversen Kriegsordnungen des Philipp von Seldeneck eigen (Karlsruhe, Cod. Durlach 18 [siehe 39.7.4.]). Die Illustrationen zu diesen Texten beschränken sich auf streng schematische Umsetzung von Schlachtordnungen bzw. Befestigungsplänen. Im Falle Seldenecks ist auch zu sehen, daß adelige Söldnerführer sich schriftliches Wissen über Kriegsführung anzueignen beginnen. Dies erfolgt partiell auf rezeptivem Weg, wie sich an der kompletten handschriftlichen Übertragung der Vegetius-Übersetzung Ludwig Hohenwangs samt Kopie der Holzschnitte zeigt, aber auch schon in der Anfertigung eigener Verschriftlichungen von Kriegsordnungen, die zwischen theoretischer Reflektion und dem beginnenden Verwaltungsschriftgut im Sinne von Kriegsordnungen stehen.

Die geographische und schreibsprachliche Einordnung der hier vereinigten Überlieferung geht nicht über das allgemeine Verbreitungsgebiet hinaus. Der Schwerpunkt liegt im süddeutschen Bereich mit einem dezidierten Schwerpunkt im nordbairisch-(ost-)fränkischen Raum. Zwei der Handschriften lassen sich auf Nürnberger Provenienz zurückführen. Beide besitzen – in unterschiedlichen Reihenfolgen – einen am ›Feuerwerkbuch von 1420‹ orientierten Textteil mit Ergänzungen und Bearbeitungen sowie einen Bildkatalog kriegstechnischer und ziviler Maschinen, der den älteren Bildkatalogen Formschneiders ähnelt. In einem Fall ist ein Urheber, Auftraggeber oder wenigstens ein früher Besitzer namentlich bekannt: Der Nürnberger Organist Hanns Henntz (Weimar, Q 342 [siehe 29.7.5.]). Im anderen Fall könnte es sich bei dem Verfasser bzw. Auftraggeber um den Nürnberger Handwerkerdichter Hans Folz handeln (Gotha, Chart. B 1032 [siehe 39.7.2.]); zumindest stammt die Handsschrift aus einem Umfeld, in dem Folz’ Destilliertraktat bekannt war. Ein ausgesprochenes Berufsinteresse scheint in keinem der beiden Fälle vorzuliegen, obwohl sich das Spektrum inhaltlich kaum von Büchsenmeisterhandschriften unterscheidet. Lediglich ein etwas höheres zeichnerisches Niveau und ansatzweise repräsentative Züge heben die beiden Codices von Gebrauchshandschriften der Militärtechniker ab. Hier scheint sich abzuzeichnen, daß kriegstechnisches und mechanisches Spezialwissen auch in Teilen des handwerklich-künstlerisch interessierten Nürnberger Bürgertums mit besonderem Interesse bedacht wurden.

Editionen:

Kurt Neubauer: Das Kriegsbuch des Philipp von Seldeneck vom Ausgang des 15. Jahrhunderts. Diss. masch. Heidelberg 1963, S. 66–122 (Teiledition von 39.7.4.); Christa Hagenmeyer: Kriegswissenschaftliche Texte des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Schermers Basteienbau – Wagenburgordnung – Feuerwerksrezepte. Leuvense Bijdragen 56 (1967) S. 182–195 (Teiledition von 39.7.3.).

Literatur zu den Illustrationen:

Rainer Leng: Ars belli. Deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und 16. Jahrhundert. Bd. 1: Entstehung und Entwicklung. Wiesbaden 2002 (Imagines medii aevi 12), S. 246 (zu 39.7.2.), S. 213. 245. 248 (zu 39.7.6.).