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26A. Lokal-, Territorial- und Herrschaftschroniken

Bearbeitet von Ulrike Bodemann, Kristina Domanski und Peter Schmidt

KdiH-Band 3

Diese Stoffgruppe hat keine Einleitung (siehe aber die Einleitung zu 26A. Chroniken).

***

Vorbemerkung zu 26A.18.26A.26.:

Für die Identitätsfindung der Eidgenossenschaft hat die lokale und regionale Historiographie einen besonderen Stellenwert. Geschichtsschreibung ist ein Instrument städtischer und eidgenössischer Politik: Chroniken entstehen als amtliche, der Selbstdefinition der Kommunikationsgemeinschaft dienende Projekte, oft auf der Grundlage »privater« historiographischer Niederschriften, was häufig die parallele Existenz offizieller und privater, vom gleichen Autor verantworteter Fassungen zur Folge hatte. Nicht nur deshalb nehmen die Chroniken der Schweiz und ihre illustrierten Überlieferungszeugen eine Sonderstellung ein. Schon auf der Textebene eng miteinander verknüpft, durch Kompilation und Bearbeitung vernetzt, weisen auch die Illustrationsfolgen, wiewohl mitunter namentlich benannten Zeichner-Individuen zuzuordnen, enge ikonographische wie stilistische Beziehungen untereinander auf. Zudem setzt sich die Mehrzahl der Handschriften durch ihren Ausstattungsanspruch und die auf die Neuzeit vorausweisende »realistische« Schilderung von fast der gesamten übrigen Chronistik ab. Aus diesen Gründen werden im folgenden die in der Schweiz entstandenen Lokal- und Territorialchroniken nicht als Einzelwerke an ihrer Stelle im Alphabet aufgeführt, sondern – in alphabetischer Reihung – als zusammengehörige Gruppe vorgestellt:

26A.18. Heinrich Dittlinger und Bendicht Tschachtlan, ›Berner Chronik‹

26A.19. Diebold Schilling d. Ä., ›Berner Chronik‹

26A.20. Peter von Molsheim, ›Kleine Burgunderchronik‹

26A.21. Diebold Schilling d. Ä., ›Große Burgunderchronik‹

26A.22. Werner Scholderer, ›Eidgenössische Bilderchronik‹

26A.23. ›Klingenberger Chronik‹

26A.24. Johann Lenz, ›Schwabenkrieg-Chronik‹

26A.25. Diebold Schilling d. J., ›Schweizerchronik‹

26A.26. Gerold Edlibach, ›Zürcher- und Schweizerchronik‹

Die enge textliche, entstehungsgeschichtliche, ikonographisch-stilistische und funktionale Verschränkung der Schweizer Chroniken verbietet deren getrennte Beschreibung. Die Lokalchroniken Schweizer Städte verstehen sich als vom Rat veranlaßte »Stadtbücher« von identitätsstiftender, legitimatorischer, selbstvergewissernder Funktion und normativem Anspruch. Sie sind zudem materiell wie funktional eng verschränkt mit der Kanzleischriftlichkeit der Stadt einerseits und den übrigen Medien der Geschichtsdefinition und -überlieferung, jenen »Monumenten, Bildern, zur Schau gestellten Beutestücken und szenischen Aufführungen […], in denen städtische Regierungen seit dem 15. Jahrhundert zunehmend ihre Geschichte formulierten« (Schmidt [2000] S. 117), andererseits. Am Beispiel der Berner Chronistik ist diese ins politische Handeln der städtischen Führungsgruppen eingebundene Gebrauchssituation wie auch die zunehmende Erweiterung des Kommunikationsrahmens – Ausweitung der Geschichtsschreibung der Stadt auf die des Territoriums – besonders gut zu verfolgen: Im Zuge territorialer Machtausdehnung und der Selbstbehauptung nach außen, etwa in den Burgunderkriegen, hat sich ein ursprünglich städtischlokales zu einen dezidiert eidgenössischen Bewußtsein entwickelt.

Am Anfang der Textgeschichte der Berner Historiographie steht Konrad Justingers Chronik, zu der der Rat 1420 den früheren Stadtschreiber beauftragt hatte und die dieser unter Benutzung älterer Werke, vor allem der ›Straßburger Chronik‹ seines Lehrers Jakob Twinger von Königshofen, als amtliche Stadtchronik verfaßt hatte; der – nicht illustrierte – Autograph ist noch fragmentarisch erhalten (Bern, Burgerbibliothek, Mss. hist. helv. X 69). Sowohl der ›Privaten Berner Chronik‹ Dittlingers und Tschachtlans (26A.18.) als auch Diebold Schillings ›Amtlicher Chronik‹ (26A.19.1.) dienten Fassungen der Justinger- Chronik als Quelle – die sog. private ›Königshofen-Justinger-Chronik‹ oder ›Kleine Berner Chronik‹ für Tschachtlan, die amtliche Fassung für Schilling –, während für die erste ›Berner Chronik‹ Schillings der Quellenbezug nur schwer zu eruieren ist. Mit Sicherheit steht Tschachtlan hinter der dreibändigen ›Amtlichen Berner Chronik‹ (26A.19.1.), deren erster Band Justingers Text verarbeitet, während der zweite auf der Dittlinger-Tschachtlan-Fassung in der Züricher Handschrift basiert. Tschachtlan, Ratsherr und Politiker, war wohl die treibende Kraft hinter Schillings Unternehmen, in das er in offiziellem Auftrag überarbeitend und zensierend eingriff, was sich gut am dritten Band zeigen läßt, zu dem in der »privaten« ›Großen Burgunderchronik‹ im Zürcher Ms. A 5 (26A.19.21.) eine Parallelfassung vorliegt: Der Schlußband der amtlichen Chronik offenbart sich als eine tendenziell ungleich patriotischere Überarbeitung der Privatfassung. Den nicht mehr erhaltenen Entwurf der erste ›Kleinen Berner (Burgunder) Chronik‹ überarbeitete Schilling, dabei den ersten Teil seiner ›Amtlichen Chronik‹ heranziehend, noch einmal für den Spiezer Altschultheißen Rudolf von Erlach (›Spiezer Chronk, Nr. 26A.19.2); auf Grund dieser Quellenverarbeitung und -kompilation steht der Text Justingers Werk ziemlich nahe.

Auf Diebold Schillings d. Ä. Chronik-Versionen stützen sich neben anderen Schweizer Chronisten auch Peter von Molsheim mit seiner ›Kleinen Burgunderchronik‹ und Gerold Edlibach mit seiner ›Zürcher- und Schweizerchronik‹, nicht jedoch sein Neffe Diebold Schilling d. J., dessen ›Schweizerchronik‹ – auch ›Luzerner Chronik‹ (Nr. 26A.25.1.) – vor allem Petermann Etterlins Chronik, aber auch Hartmann Schedel u. a. ausschreibt.

Der hohe Ausstattungsanspruch der Schweizer Chroniken ist Folge und zugleich Vermittlungsinstanz der offiziösen Gebrauchsfunktion der Werke selbst. Dieser Anspruch hatte eine bildliche Darstellungsform hervorgebracht, die – wie es das Textmedium auch tut – die geschilderten historischen Ereignisse in einem realen, wiedererkennbaren Raum verortet, ja sie mitunter als gleichsam mit dem Kamera-Auge aus der Vogelschau beobachteten Ausschnitt aus dem tatsächlichen, so und nicht anders stattgefundenen Geschehen vorstellt. Nicht von ungefähr hat Hans Wegener für diesen Darstellungstyp den Terminus »Ereignisbild« gewählt (RDK 3 [1954] Sp. 745), das auch historisch Einmaliges nicht mehr topisch vermittelt, sondern ausschließlich Interesse an der historischen Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit zeigt. Erreicht wird diese Absicht, indem die Bildkomposition so arrangiert wird, daß der Eindruck entsteht, die Einzelelemente seien nicht aus bildimmanenten, formalen, stilistischen Erwägungen zu einem »künstlerisch« einheitlichen Ganzen zusammengefügt, sondern dienten in ihrem collagehaften Nebeneinander dazu, den Verlauf des Geschehens in seinen verschiedenen Etappen nachvollziehbar zu präsentieren. Im Dienste dieser Intention stehen weitere Charakteristika, die zugleich die »Wahrhaftigkeit« des im Bild Gezeigten unterstreichen:

Dieses Vorgehen auf der Ebene des Einzelbildes findet in den Illustrations­zyklen insofern eine Entsprechung, als die Texte von überaus dichten Bildfolgen begleitet werden. Die Erweiterung des territorialen Herrschaftsbereichs, die im Zentrum der ›Berner Chroniken‹ Tschachtlans und Diebold Schillings steht, wird durchgehend von Bildern begleitet, da fast jedem Kapitel eine Illustration vorangestellt ist, so daß die Zyklen einen beeindruckenden Umfang von mehreren hundert Bildern annehmen: Bei Dittlinger-Tschachtlan sind es 230 Illustrationen, in den beiden Fassungen Diebold Schillings über 600 bzw. 339, in seiner ›Große Burgunderchronik‹ 198 Bilder.

Dem Ausstattungsanspruch wurde die tatsächliche Ausführung der umfangreich geplanten Bildzyklen nicht immer gerecht. In einigen Chroniken wie den beiden Fassungen der ›Berner Chroniken‹ Diebold Schillings sind unterschiedliche Ausstattungsniveaus zu beobachten (26A.19.), in anderen Werken wurden die Illustrationen von unterschiedlichen Händen, möglicherweise mit zeitlichem Abstand (Gerold Edlibach, ›Zürcher und Schweizerchronik‹, 26A.26.) oder, wie bei Werner Schodolers ›Eidgenössischer Bilderchronik‹, nicht vollständig ausgeführt (26A.22.). Nicht oder nur in Ansätzen ausgeführte Bildzyklen kennzeichnen vor allen Dingen die späteren Abschriften der Schweizer Chroniken, insbesondere jene der ›Berner Chroniken‹, die sich bis 17. Jahrhundert verfolgen lassen (Stoffgruppen 26A.18., 26A.19., 26A.27.).

Das Konzept einer umfangreichen Bebilderung nach den in Bern entstandenen Vorläufern übernehmen später sowohl Gerold Edlibach, wenngleich in bescheidenerem Maß, für seine ›Zürcher und Schweizerchronik‹ mit 126 bzw. 177 Illustrationen, als auch in Luzern Diebold Schilling d. J. für seine ›Schweizer Chronik‹ von 1513, die 443 Illustrationen enthält, und Werner Schodoler in Bremgarten, der für seine dreibändige ›Eidgenössische Bilderchronik‹ nahezu 500 Illustrationen vorsah. Allein in der nachdrücklichen Präsenz der Bilder artikuliert sich somit der Anspruch der Schweizer Chroniken, die aufgrund ihrer üppigen Bildausstattung auch unter der Bezeichnung »Schweizer Bilderchroniken« zusammengefaßt wurden. Nominell deutlich weniger, nämlich nur 31 Illustrationen waren für die einzige erhaltene Abschrift des ›Schwabenkrieges‹ von Johann Lenz (Stoffgruppe 26A.24.) vorgesehen, bezogen auf den Umfang des Werkes allerdings auch dies eine umfangreiche Bebilderung. Eine durchweg wesentlich bescheidenere Bildausstattung von maximal fünf Illustrationen zu den entscheidenden Schlachten sollten die Abschriften der von Peter von Molsheim in Freiburg verfaßten ›Kleinen Burgunderchronik‹ (Stoffgruppe 26A.20.) erhalten, die bis auf eine Ausnahme allerdings nicht ausgeführt wurden. Für die Abschriften der sogenannten ›Klingenberger Chronik‹ (Stoffgruppe 26A.23.), einer Ostschweizer – vermutlich in Rapperswil entstandenen – Chronik, waren über heral­dische Zeichen hinaus keine Textillustrationen vorgesehen.

Dem Inhalt der Texte entsprechend liegt der thematische Schwerpunkt der Illustrationen, vor allem in den vor 1500 entstandenen Werken, auf kriegerischer Auseinandersetzung in all ihren Facetten: Truppenauszüge, Belagerungen, große Schlachten, kleinere Gefechte und Scharmützel, Beutezüge zur Proviantierung, Plünderung, Brandschatzung, Rückzug, Flucht und Kapitulation finden sich gleichermaßen dargestellt; darunter werden gewöhnlich die entscheidenden Schlachten durch ein größeres Format hervorgehoben. Daneben spielt Diplomatie in Form repräsentativer Einzüge von Herrschern oder Würdenträgern oder der Aussendung und der Empfang von Boten eine beachtliche Rolle. Nur vereinzelt werden andere Ereignisse der Stadtgeschichte, etwa Stadtbrände oder Baumaßnahmen dargestellt. Die vielfach typisierten Bildmotive von Kampf­szenen und Stadtansichten werden dabei in immer neuen Kombinationen vorgeführt. In den nach 1500 entstandenen Chroniken, insbesondere der ›Schweizer Chronik‹ Diebold Schillings d. J. (26A.25.) wird das Themenspektrum der Textillustrationen deutlich erweitert, indem Criminalia und Gerichtsbarkeit, aber auch Kuriositäten wie Naturwunder und Katastrophen Aufnahme finden.

Keine der im Katalog beschriebenen Schweizer Chroniken gelangte in den frühen Buchdruck, die Drucküberlieferung konzentrierte sich auf andere Werke. Bereits 1477, kurz nach dem Ende des Burgunderkrieges schlug sich der Sieg über Karl den Kühnen in drei Werken nieder, der ›Burgundischen Historie‹ Hans Erhart Tüschs, dem ›Gedicht über die Burgunderkriege‹ von Konrad von Pfettisheim und der anonymen ›Burgundischen Legende‹, die mit Holzschnitt­illustrationen ausgestattet in Straßburg und Basel erschienen (siehe unten S. 349). Als gleichfalls unmittelbar zeitgenössisches Werk wurde Nikolaus Schradins gereimte ›Chronik des Schwabenkrieges‹ im Jahr 1500 in Sursee gedruckt, ausgestattet mit 42 Holzschnittillustrationen, von denen einige mehrfach wiederholt wurden (Hain [1826–1838] 14526, GW M40897). Nur wenige Jahre später, 1507, stand mit Petermann Etterlins ›Kronica von der loblichen Eyd­genossenschaft‹ die erste gedruckte Schweizer Chronik zur Verfügung, die mit 28, zum Teil mehrfach wiederholten Holzschnitten ausgestattet bei Michael Furter in Basel er­schien (VD 16 E 4110).

Jacob Murers 1525 verfaßte ›Weißenauer Chronik des Bauernkriegs‹ (Leutkirch, Fürst von Waldburg-Zeilsches Archiv, ZA Ms 54, Faksimile: Jacob Murers Weißenauer Chronik des Bauernkrieges von 1525. Hrsg. von Günther Franz unter Mitarbeit von Werner Fleischhauer. 2 Bde. Sigmaringen 1977) wurde aus zwei Gründen nicht in den vorliegenden Katalog aufgenommen: Zum einen liegt sie wegen ihrer späten Entstehung jenseits der Grenze des Betrachtungszeitraumes, zum anderen ist sie eher als Zusammenstellung einer Serie von 11 doppelseitigen Bildern, die mit erläuternden Legenden versehen wurden, zu charakterisieren, denn als chronikalisches Werk, das mit Illustrationen ausgestattet wurde.

Nachtrag:

Erst nach Abschluß der Planung dieses Bandes ist ein im 15. Jahrundert entstandenes Manuskript der ›Amtlichen Berner Chronik‹ Konrad Justingers bekannt geworden, das für eine umfangreiche, allerdings nicht ausgeführte Bildausstattung eingerichtet wurde. Der Eintrag wurde daher außerhalb der alphabetischen Anordnung mit der Nr. 26A.27. am Ende der Stoffgruppe eingefügt.