KdiH

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26A.28.6. Berlin, Staatliche Museen – Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, KdZ 26132; Washington, National Gallery of Art, Department of Prints and Drawings, Woodner Collection, 2006.11.15; 2003.102.1, 2003.102.2, 2006.11.16

Bearbeitet von Christine Stöllinger-Löser und Peter Schmidt

KdiH-Band 3

Datierung:

Ende 14. (Wasserzeichen) und Ende 15. Jahrhundert mit Nachträgen des 16. und 17. Jahrhunderts.

Lokalisierung:

Straßburg.

Besitzgeschichte:

1492/93 im Besitz des Straßburger Bürgers Hans von Hungerstein (1460–1503).

Er hatte eine unvollständige, Ende des 14. Jahrhunderts begonnene Abschrift der Chronik ergänzen lassen, so daß der Band in der heutigen Form mit der jüngeren Hand I beginnt, später aber mehrere ältere Stücke eingeschoben sind. Schon bei dieser Erweiterung im späten 15. Jahrhundert wurden großzügig leere Papierlagen eingeschossen, um Nachträge zu ermöglichen. Die ersten brachte Hans von Hungerstein selbst an (datiert von seiner Hand 118r: 1493, auf dem herausgeschnittenen Blatt in Washington, Inv.-Nr. 2003.102.1: 1492), der auch die ganzseitigen Illustrationen einbinden ließ; mehrere Hände des 16. und 17. Jahrhunderts führten die Chronik bis zum Jahr 1607 fort, teils auf weiteren neu eingefügten Lagen (das jüngste Papier mit Wasserzeichen gekreuzte Pfeile mit Stern, Piccard XII, 2325–2336, nachgewiesen 1544–1549).

Nach einer Notiz des 17. Jahrhunderts auf 2r im Nachlaß von Matthias von Gottesheim, der in Straßburg in beständigem Regiment saß (d. h. dem Rat der Stadt angehörte). Laut Vermerk im Vorderdeckel im Jahr 1667 in der Bibliotheca Künastiana. Diese befand sich nicht in Dänemark (so fälschlich im Ausstellungskatalog Woodner Collection 1973, Nr. I, und im Katalog 5 des Antiquariats Jörn Günther, S. 168), vielmehr handelte es sich um die Bibliothek »des durch seine Sammlungen und Antiquitäten bekannten Straßburgischen Procurators und Iuris Practici Georg Künast« (Rathgeber [siehe unten: Literatur] S. 46, der den Band als verschollen bezeichnet). Hier vom Herausgeber Schilter benutzt (Schilter [1698] § XXII). Im 19. Jahrhundert in Dänemark: Eine 1869 datierte Beschreibung, die dem Band beilag – heute im Dokumentationsordner der National Gallery – ist in dänischer Sprache von einem Archivsecretair Lieut. Plesner verfaßt, der damals Mitarbeiter im königlichen Geheimarchiv in Kopenhagen war (C.F. Wegener: Aarsberetninger fra det Kongelige Geheimearchiv, indeholdende bidrag til Dansk historie af utrykte kilder. København 1860, S. VII). Nach freundlicher Mitteilung des Rigsarchivet Kopenhagen keine Hinweise auf einen Aufenthalt der Handschrift im königlichen Geheimarchiv; vielleicht also hatte Plesner die Beschreibung für einen Privatbesitzer angefertigt. Der Codex taucht dann erst wieder – eines Teils seines Bildschmucks beraubt – auf der Auktion Christie’s, 28. Juni 1972 (lot 31) auf. Dort von Ian Woodner erworben; durch dessen Erben Andrea und Dian Woodner als Leihgabe an die National Gallery of Art. Das heute dort getrennt aufbewahrte Blatt mit dem reitenden König Maximilian (Inv.-Nr. 2006.11.16) befand sich beim Verkauf 1972 laut Auktionskatalog noch in der Handschrift und wurde wohl durch Woodner herausgeschnitten (evtl. zum Zweck der besseren Ausstellbarkeit mehrerer repräsentativer Seiten? Vgl. den Katalog von 1983, dort als eigene Katalognummer 39A geführt). Die anderen beiden, schon früher herausgeschnittenen und heute ebenfalls in Washington befindlichen Blätter (Inv.-Nr. 2003.102.1 und 2003.102.2) wurden erstmals bei Christie’s, 7. Dezember 1993 (lot 121A) angeboten. Das Berliner Blatt wurde 1965 im New Yorker Kunsthandel (William Schab) erworben, vorher in den Sammlungen J. Bourdet (Lugt 2562), Stefan von Licht (Lugt 789b) und Czeczowiczka. Im Unterschied zu den anderen herausgelösten Blättern erwähnt es die dänische Beschreibung des Codex von 1869 nicht; die Zugehörigkeit ist nicht gesichert, doch aufgrund mehrerer sich stützender Indizien wahrscheinlich. (Hilfe und freundliche Hinweise zur Provenienzgeschichte werden Kirsten Fast, Gisela Kornrumpf und Peter Parshall verdankt).

Inhalt: Jakob Twinger, ›Chronik‹, Vorrede, Kap. 1–6 (Fassung A, einige Ergänzungen des späten 15. Jahrhunderts folgen der Fassung C), mit Nachträgen und Ergänzungen bis zum Jahr 1607
Washington, National Gallery of Art, Department of Prints and Drawings, Woodner Collection, Inv.-Nr. 2006.11.15
5r–22r Vorrede und Kap. 1
22r–55r Kap. 2 (bis zur Königswahl Wenzels 1376)
55r–58r Nachträge

55r–57r bis Kaiser Friedrich III., 57v Eheschließung Maximili-ans I. mit Anne de Bretagne, 57v–58r bis Kaiser Karl V.

58v leer

[59–60

= Washington, National Gallery of Art, 2003.102.1 / 2003.102.2, siehe unten]
61r/v 61r leer, 61v Wappenseite
[62 = Washington, National Gallery of Art, Inv.-Nr. 2006.11.16, siehe unten]

63r–71r

Bericht über die Krönung Maximilians I. zum König, Abschrift eines Druckes (wohl Straßburg: Johann Prüss, nach 30.IV.1486; GW M22101)

71v–82v

Nachträge zur Reichsgeschichte von 1488 bis 1604
99r–109v Nachträge zur Geschichte von Bistum und Stadt bis 1602

83r–98v leer

110r–117r

Leopold von Wien, ›Österreichische Chronik von den 95 Herrschaften‹, Auszug (von den Fabelfürsten bis Herzogin Elisabeth), Seemüller (1909) § 40–164, Mischklasse Σ

117r–118r

Chronikalische Notizen von 1273 bis zu Maximilian I.

118v

Bildseite
119r–137r Kap. 3 (bis Papst Urban VI., 1378–1389)

137r–146v

Fortführung bis Innozenz VIII. (1484–1492)

146v–152r

Fortführung bis Sixtus V. (1585–1590)

152v–161v leer

162r–174v Kap. 4 (bis Bischof Friedrich von Blankenburg)

174v–180v

Fortführung bis Bischof Albrecht von Pfalz-Moosbach (1478–1506, sein Tod hier noch nicht vermerkt)

180v (=clxvv)–cxcviiir

Fortführung bis zum Bischof bzw. Administrator Johann Georg von Brandenburg (1592–1604)

danach 22 ungezählte leere Blätter

ccviir–ccxxxiv Kap. 5 (bis zur Eroberung der Burg Löwenstein 1386 Ausg. Hegel [1870] S. 813 Z. 5)

ccxxvv eingeschoben Berichte über Brände von 1400 und 1511)

ccxxxiv–ccxxxiiv

Nachtrag Kreuzzug gegen die Türken 1396 (nach Fassung C, = Ausg. Hegel [1871] S. 854 Z. 15–S. 858 Z. 4)

ccxxxiiir leer

ccxxxiiiv–ccxxxiiiiv

Nachträge zum Burgunderkrieg, zur Belagerung von Neuss 1474 durch Karl den Kühnen bis zu dessen Tod 1477

ccxxxvr/v leer

ccxxxvir–ccxxxviiv

Nachträge bis 1603

ccxxxviiir/v leer

ccxxxiir [!, ab hier Fehler in der Zählung]–ccxlv Kap. 5 (Anschluß an ccxxxiv)

von den nicht chronologisch geordneten Episoden der Schlacht bei Sempach 1386 (Ausg. Hegel [1870] S. 825 Z 26) bis zum Besuch des dänischen Königs 1364 (nicht bei Hegel, siehe aber Schilter [1698] S. 367); eingeschaltet ccxxxviir leer, ccxxxviiv nachgetragene Nachrichten aus den Jahren 1397 und 1418

ccxlv Kap. 5, drei nachgetragene Episoden (= Ausg. Hegel [1870] S. 866 Z. 21–26, S. 870 Z. 11–14)

ccxlir/v leer

ccxliir–cclviv

Nachträge bis 1607

cclviir und 10 ungezählte Blätter leer

[unfoliiert] 12 Blätter Kap. 6

danach vier ungezählte Blätter, leer

[unfoliiert] 1 Blatt

Hans von Hungerstein, teils autobiographische Berichte über Kriegszüge und Scharmützel 1468–1473

danach fünf weitere ungezählte Blätter, leer

danach ein weiteres ungezähltes Blatt, leer

[unfoliiert] 3 Blätter

Hans von Hungerstein (?), Bericht über die Landshuter Fürstenhochzeit

[unfoliiert] 2 Blätter

Hans von Hungerstein (?), Liste der Adeligen, die 1474 im Burgunderkrieg gegen Karl den Kühnen gezogen waren, Liste der erbeuteten Geschütze

danach drei weitere ungezählte Blätter, leer

Washington, National Gallery of Art, Department of Prints and Drawings,
Inv.-Nr. 2003.102.1 (= ehemals Blatt liiii = 59, s. o.)

recto (ehemals verso) Bildseite mit drei der ›Neun Helden‹, verso (ehemals recto) leer bis auf die Foliierung des 15. Jahrhunderts

Inv.-Nr. 2003.102.2 (= ehemals Blatt lv = 60, s. o.)

recto und verso Bildseiten mit je drei der ›Neun Helden‹

Inv.-Nr. 2006.11.16 (= ehemals Blatt lvii = 62, s. o.)

recto (ehemals verso) Bildseite mit König Maximilian I.,

verso (ehemals recto) leer bis auf Foliierung

Berlin, Staatliche Museen – Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett KdZ 2613

recto Bildseite Wappenhalterin mit den Wappen des Hans von Hungerstein und seiner Gemahlin Agathe Reif,

verso Bildseite Gott inmitten der Werke der sechs Schöpfungstage

I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 430 Blätter (mehrere springende und korrigierte Foliierungen und längere ungezählte Passagen: Foliierung des 15. Jahrhunderts in römischen Ziffern bis cviii [= 112], nach Lücke ab cix eine ältere römische Foliierung durchgestrichen [lxxiii = cix = 119]. Auch die neuzeitliche Zählung in arabischen Ziffern ist nicht durchgängig und endet bei 190; schon im ausgehenden 15. Jahrhundert sind also Blätter und ganze Lagen für Nachträge eingefügt worden, was die Foliierung verschob), mehrere Blätter herausgeschnitten (mit Textverlust ccxxxv, siehe auch die Einzelblätter in Washington und Berlin), 390 × 280 mm, Bastarda, vier Hände des 14. und 15. Jahrhunderts: Hand I (ihre Tätigkeit muß zwischen 1484 und 1493 liegen: 1484 beginnt die Regierungszeit von Papst Innozenz VIII., dem der letzte Nachtrag im dritten Kapitel gilt, und 1493 datierte Hans von Hungerstein, dessen Nachträge denen von Hand I zeitlich folgen): 5ra–17vb, 55ra–57rb, 63ra–71rb, 137rb–146va, 174vb–180rb, ccxvvb (Nachtrag), ccxxxivb–ccxxxiiva, ccxlvb; Hand II (Ende 14. Jahrhundert, vgl. Schrift und Wasserzeichen, u. a. Ochsenkopf ähnlich Piccard VIII, 131–132, nachgewiesen 1389–1391, alle Papiermarken dieses Typs [VIII, 71–178] nur Ende des 14. und in den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts im Gebrauch): 18ra–55ra, 119ra–137rb, 162ra–174vb, ccviira–ccxxvrb; Hand III (Hans von Hungerstein – Namensnennung 118rb und im unfoliierten Bericht über seine Teilnahme an Kriegszügen, drittletztes Stück des Codex): 57va, 110ra–118rb, ccxxxiiiva–ccxxxivva, ccxliira, und zahlreiche Nachträge auf ungezählten Blättern am Ende des Bandes; Hand IV (Ende 14. Jahrhundert?): ccxxvra–ccxxxivb, ccxxxiira–ccxxxvivb, ccxxxviivb, ccxxxviira–ccxlvb, sowie das sechste Kapitel am Ende des Bandes auf ungezählten Blättern. Die Hand des Hans von Hungerstein auch auf dem Blatt mit der Darstellung Maximilians I. und seines Wappens (61r/v, alte Zählung lvir/v) sowie auf den herausgeschnitten Blättern mit den Zeichnungen der ›Neun Helden‹. Er entstammte einem elsässischen Adelsgeschlecht mit Stammburg bei Gebweiler, ist 1489 als Bürger von Straßburg nachgewiesen und 1503 verstorben (Julius Kindler von Knobloch: Der alte Adel im Oberelsaß. Berlin 1882, S. 41; ders.: Oberbadisches Geschlechterbuch. Bd. 2. Heidelberg 1905, S. 176 f., dort auch sein Wappen, zu dem seiner Frau Agathe Reif siehe dass. Bd. 3. Heidelberg 1919, S. 423). Zweispaltig (bis auf einige einspaltige Nachträge), 40–42 und 47–53 (Hand III) Zeilen. Rubriziert, rote Lombarden.

Schreibsprache:

alemannisch, 63r–71r mit auf die Vorlage zurückgehenden mittelbairischen Spuren.

II. Bildausstattung:

Der Bildschmuck ist drei Entstehungsphasen zuzuordnen:

a)

In Kap. 5, das wohl noch im ausgehenden 14. Jahrhundert geschrieben wurde, zahlreiche Drolerien, Randillustrationen und Initialen (kolorierte Federzeichnungen), die wohl kurz nach Beendigung des Abschreibevorgangs angebracht wurden.

b)

Bei der Ergänzung der älteren Stücke der Chronik durch die ca. 1484–1492 tätige Schreiberhand I wurden in das Textlayout von Kap. 1 zwei Federzeichnungen mit Textbezug integriert.

c)

Hans von Hungerstein ließ – vermutlich bei der von ihm veranlaßten ersten Bindung des Codex – vor der Vorrede, am Ende von Kap. 2 und vor Beginn von Kap. 3 fünf oder sechs Blätter mit ganzseitigen unkolorierten Federzeichnungen einfügen.
Format und Anordnung, Bildaufbau und -ausführung, Bildthemen:

a)

Kolorierte Federzeichnungen, die meist die für Lombarden ausgesparten Räume nutzen. ccxiv: eine Lombarde D durch groteskes Gesicht mit Schelle an der Mütze ersetzt, eine zweite durch ein D in Form eines vielfach gefalteten Schriftbandes. ccxiiiiv: Die erste Lombarde D mit Feder in brauner und roter Tinte mit einem blühenden Zweig und Blütenkranz verziert. Neun weitere Lombarden auf dieser Seite wurden nicht ausgeführt und der dafür ausgesparte Raum mit Drolerien (Hund, hasenähnliches Fantasiewesen, groteske Gesichter) sowie einem d in Form eines vielfach gefalteten Schriftbandes gefüllt. Da in diesem Textabschnitt sonst keine Lombarden fehlen, müssen die Zeichnungen während der ersten Phase der Rubrizierung, die Lombarden und Strichelung umfaßte (die roten Zwischenüberschriften stammen von Hand I, also aus dem späten 15. Jahrhundert), angebracht worden sein. Am unteren Randsteg die Zeichnung eines Esels vor einem Tisch mit Broten und einem essenden Eselstreiber. ccxxxir: von der gleichen Hand Lombarde ersetzt durch Gesicht mit Gebende und Mütze mit Schellenkranz. ccxxxiir: Initiale D in Form eines gefalteten Schriftbandes. ccxxxiiir: Initiale D in Form eines Greifen mit Schriftband im Schnabel. ccxxxiiiv: Initiale D in Form eines grotesken Kopfes mit Tonsur; Initiale H in Form eines vielfach gefalteten Schriftbandes. ccxxxvv Initiale in Form eines gefalteten Schriftbandes mit durchgesteckter Blume (an der Stelle eines Z, obgleich die Form eher einem F entspricht, das dann durch die Blume unkenntlich gemacht wurde, vielleicht zum Entschärfen des Fehlers). ccxxxvir: Initiale H in Form eines vielfach gefalteten Schriftbandes. ccxxxviiiir: Zwei Lombarden D ersetzt durch ein Wesen mit Hundekörper und Menschenkopf mit Hut und Schelle um den Hals sowie durch die Figur eines Mönchs mit Schriftband und Würfeln in der Hand. Beginn des sechsten Kapitels (unfoliiert): Initiale H in Form eines Schriftbandes, verziert mit schellenförmigen Blüten.

b)

5r (= ir): Die Darstellung einer Wurzel Jesse ist kunstvoll mit dem Textlayout der gesamten Seite verwoben, Schreiber und Zeichner müssen sich dabei abgestimmt haben: Aus der Brust des am unteren Seitenrand liegenden Jesse wächst zwischen den Textspalten der Baum, in dessen Windungen zwölf Brustbildnisse der Vorfahren Jesu zu sehen sind. Der oberste ist König David, über dem aus einer Blüte Maria wächst. Der aus ihrem Bauch sprießende Zweig, der den oberen Seitenrand einnimmt, wird zum Kreuz Christi, das die Initiale M des Textbeginns der Twinger-Chronik bildet. Darüber ein Pelikan, der mit dem Blut aus seiner Brust seine Kinder nährt, typologisches Bild des Opfertodes Christi. Von einer anderen Hand auf 15r (=11r): Eroberung Trojas, die unteren zwei Drittel der Seite einnehmend, ohne Rahmenlinie, der Berg mit Steinbock auf der linken Seite und die Fahne Trojas umfassen die unteren Zeilen der linken Spalte und verzahnen so Text und Bild. Dargestellt ist gleichzeitig das Heranrollen des hölzernen Pferdes, das hier allerdings nicht als Versteck der Krieger, sondern als offener Kampfwagen fungiert, und ein blutiger Kampf der Belagerer, die die Mauern schon überwunden haben, mit den Verteidigern. Das Bild war an dieser Stelle geplant, denn das Rubrum darüber (von Hand I, auch Schreiber dieser Textpassage) kündigt an: Ein figure wie Troye die stadt gebuͦwen vnd zerbrochen wart. Ausgeführt wurde nur die Zerstörung, nicht aber der Bau der Stadt. Der zugehörige Textabschnitt beginnt auf der folgenden Seite.

c)

Auf zwei Blättern (346–349 × 268 mm und 385–388 × 262 mm), die einst liiii = 59 und lv = 60 bildeten: Die ›Neun Helden‹ in drei ganzseitigen Dreiergruppen. Jede Gruppe in einem fast seitenbreiten, von einer Rahmenlinie eingefaßten Bildfeld von ca. 226 × 248 mm. Die Männer, die breitbeinig auf einem angedeuteten Fliesenboden stehen, tragen teils antikisierende Phantasierüstungen und in den Händen jeweils ein Schwert und einen Schild. Unter jeder Figur eine Spalte mit zugehörigem Text (11–13 Zeilen) von der Hand Hans von Hungersteins, der eine kurze Charakterisierung des jeweiligen Helden in der ersten Person gibt. Eine Holzschnittfolge der ›Neun Helden‹ aus der Zeit um 1480 bietet dieselbe Textfassung, doch mit kleinen Abweichungen, die es fraglich erscheinen lassen, ob es sich dabei um die direkte Vorlage handelt (Schreiber 1947m, eingeklebt in Bern, Burgerbibliothek, Cod. A 45, vgl. zur Handschrift Nr. 26A.14.5., dort die Literatur zu den Drucken). Unter Alexander die Datierung 1492. Inv.-Nr. 2003.102.1: recto (ehemals verso) Hektor, Alexander der Große und Julius Caesar. Die sonst leere Rückseite (ehemals recto) trägt die Foliierung des 15. Jahrhunderts liiii (entspräche der neuzeitlichen Zählung 59). Inv.-Nr. 2003.102.2: Josua, David und Judas Makkabäus (ehemals lvr = 60r gemäß der Beschreibung von 1869, in der heutigen Montierung aber die Verso-Seite, Inv.-Nr. 2003.102.2.b); auf der anderen Seite König Artus, Karl der Große und Gottfried von Bouillon (ehemals lvv = 60v, Inv.-Nr. 2003.102.2.a).

lviv (= 61v) bekrönter Wappenschild Maximilians I. mit Reichsadler und goldenem Vlies, umgeben von 35 Wappen seiner Herrschaftsgebiete. Ganzseitig, das Binnenfeld von einer doppelten, die ganze Komposition von einer einfachen Rahmenlinie (258 × 169 mm) eingefaßt. Die Wappen von Hans von Hungerstein beschriftet.

Ehemals lviir (Einzelblatt, 385–388 × 262 mm, Inv.-Nr. 2006.11.16) König Maximilian I. umgeben von den 24 Wappen seiner bzw. der von ihm beanspruchten Herrschaftsgebiete (andere Zusammenstellung als auf lviv). Ganzseitig, äußere Rahmenlinie 370 × 252 mm. Im Binnenfeld, umgeben von einer doppelten Rahmenlinie, der Herrscher im Harnisch auf einem nach rechts sprengenden Pferd, darunter in einem eigenen Feld in fünf Zeilen Aufzählung einiger seiner Herrschaftsgebiete, geschrieben von Hans von Hungerstein. Von seiner Hand auch die Schriftbänder herzog zu osterich und E vive Burgonie rechts der Figur und die Beschriftung der Wappen in der ganz umlaufenden Rahmenleiste. Für die Datierung relevant ist die Krönung Maximilians zum Erzherzog von Österreich 1493. Rückseite leer. Das Blatt befand sich – im Unterschied zu den beiden Blättern mit den ›Neun Helden‹ – gemäß der Beschreibung im Auktionskatalog von 1972 noch in dem Band. Der Textbezug ist in der Position der auf Maximilian I. bezogenen Bilder zwischen dem Kaiserkapitel der Twinger-Chronik und der Abschrift eines Druckes über die Krönung Maximilians zum König zu sehen. Die Einbindung der ›Neun Helden‹ als Repräsentanten von Herrschertugenden dürfte ebenfalls im Zusammenhang mit der besonderen Verehrung Maximilians durch Hans von Hungerstein zu sehen sein.

118v Kreuzigung, ganzseitig, mit einfacher, unten doppelter Linie gerahmt, das Bildfeld geteilt (oben 224 × 233 mm, unten 111 × 233 mm). Oben Christus am Kreuz mit drei Engeln, die sein Blut auffangen, umgeben von Maria, Johannes, Petrus und einem weiteren, nicht identifizierbaren heiligen Papst. Unten kniend Hans von Hungerstein, seine Frau Agnes und drei Kinder um ihr Allianzwappen gruppiert, im Gebet nach oben blickend. Oben der devisenartige Schriftzug l•l•h–a•l•l, dessen Zentrum die mit einem Band verschlungenen und gekrönten Initialen von Hans und Agnes bilden. Textbezug: Am Beginn des nachfolgenden Papstkapitels wird Christus als der oberste bobest bezeichnet, die Darstellung der beiden Päpste verbindet ebenfalls mit dem Inhalt des folgenden Kapitels.

Das Berliner Blatt (KdZ 26132) befand sich im Jahr 1869 nach der dänischen Beschreibung (siehe oben zur Besitzgeschichte) nicht in dem Band. Für die ursprüngliche Zugehörigkeit sprechen die auch auf dem Kreuzigungsbild 118v auftauchenden Wappen und die Initialen des Auftraggebers und seiner Frau, die stilistische Nähe zu den anderen von Hungerstein eingefügten Blättern (Koreny [siehe unten: Literatur] S. 96 konstatiert zwar gewisse Unterschiede, doch steht ein enger Zusammenhang nicht in Frage), die Maße (343 × 257 mm, das Blatt ist beschnitten, doch läßt sich das Papierformat des Washingtoner Bandes rekonstruieren) und die Ikonographie. Unmittelbar vor dem Beginn der Chronik eingefügt, würde die Wappenseite recto als Besitzerbild, die Darstellung Gottes inmitten der Werke der Schöpfungstage verso als Illustration des unmittelbar gegenüberstehenden Beginns der Schöpfungserzählung Twingers genau passen. Auch die Breslauer Handschrift (26A.28.7.) hat an dieser Stelle ein Bild sehr ähnlicher Ikonographie.

Der Zeichner dieser sechs von Hans von Hungerstein eingefügten Blätter wurde von Anzelewsky und später Koreny (siehe unten: Literatur) mit guten Gründen in Zusammenhang mit der Straßburger Glasmalerei (Zeichnungen der sog. Straßburger Werkstattgemeinschaft) gebracht. Besonders das Kreuzigungsbild weist Bezüge zur oberrheinische Druckgraphik auf (Meister E. S. und Martin Schongauer), kopiert diese aber nicht direkt. Die Art und Weise, in lockerer Anlehnung mit diesen Kompositionen umzugehen, deckt sich mit der Praxis der Vorlagenverwendung der Straßburger Werkstattgemeinschaft, ebenso der besonders bei der Kreuzigung auffallende kupferstichartige Stil, die Konturen scharf und ohne Absetzen zu ziehen und die Schraffuren sehr regelmäßig und klar definiert anzulegen. Von der Hand dieses Zeichners stammt auch die Wurzel Jesse auf 5r, während die Troja-Szene auf 15r einem plumperen und räumlich ungeschickteren Zeichner zuzuweisen ist. Die Tatsache, daß der bessere Zeichner auf 1r mit dem Schreiber (Hand I) zusammengearbeitet haben muß, um die präzise Koordination des Layouts zu erreichen, wirft die Frage auf, ob nicht Hans von Hungerstein – der sich bei den ›Neun Helden‹ selbst als Schreiber mit dem Zeichner abgesprochen haben muß – der Auftraggeber der Vollendung eines älteren Chronik-Fragments durch den professionellen Schreiber I war. Hungerstein hätte dann nach der Fertigstellung von dessen Arbeit selbst noch Nachträge angebracht und den Codex unter Einbezug der ganzseitigen Zeichnungen binden lassen. Dies kann erst ab 1493 erfolgt sein (Hungersteins Datierung 118r und terminus post quem der Zeichnung Maximilians als Erzherzog); die Zeichnungen sind also zwischen 1492 und 1493 mit zeitlichem Abstand entstanden, und nicht alle müssen von vorneherein für diesen Zweck geschaffen worden sein.

Farben:

Federzeichnungen mit dunkelbrauner Tinte, unkoloriert. Nur die Randzeichnungen der ältesten Dekorationsphase mit roter Tinte ergänzt und teils mit Grau, Ocker, Grün und Rot laviert.

Literatur:

Schilter (1698) § XXII; Julius Rathgeber: Die handschriftlichen Schätze der früheren Straßburger Stadtbibliothek. Ein Beitrag zur elsässischen Bibliographie. Gütersloh 1876, S. 46; Six Centuries of Graphic Arts. William Schab Galleries. Catalogue 38. New York 1965, Nr. 155; Christie’s London, June 28, 1972, S. 30 (lot 31); Fedja Anzelewsky: Straßburger Meister um 1490. In: Vom späten Mittelalter bis zu Jacques Louis David. Neuerworbene und neubestimmte Zeichnungen im Berliner Kupferstichkabinett. [Ausstellung Berlin, Kupferstichkabinett]. Berlin 1973, S. 11 f.; Woodner Collection II: Master Drawings from the XV to the XVIII Century [Ausstellung New York, William H. Schab Gallery, Los Angeles, Los Angeles County Museum, Indianapolis, Indianapolis Museum of Art, 1973]. New York 1973, Nr. I; Master Drawings from the Woodner Collection [Ausstellung Malibu, The J. Paul Getty Museum, Fort Worth, Kimbell Art Museum, Washington, National Gallery of Art, 1983/1984]. Malibu 1983, S. 100–102, Nr. 39; Die Sammlung Ian Woodner. Meisterzeichnungen aus sechs Jahrhunderten [Ausstellung Wien, Graphische Sammlung Albertina, München, Haus der Kunst, 1986]. Wien 1986, S. 108–110; Dibujos de los siglos XIV al XX: Collection Woodner [Ausstellung Madrid, Museo del Prado, 1986/87]. Madrid 1986, S. 149; Souren Melikian: A Master Collector. Ian Woodner: An Eye for the Future. In: Art & Auction X, no. 4 (November 1987), S. 80–87, dort S. 81. 83; Woodner Collection. Master Drawings [Ausstellung New York, Metropolitan Museum of Art, 1990]. New York 1990, S. 144–146; Fritz Koreny: Two Pages from the Strasbourg Chronicle. In: The Touch of the Artist [Ausstellung Washington, National Gallery of Art, 1995/96]. New York 1995, S. 92–99; Antiquariat Dr. Jörn Günther, Katalog 5: Handschriften und Miniaturen aus dem deutschen Sprachgebiet. Hamburg 1997, S. 168–173, Nr. 32; Blicke in verborgene Schatzkammern. Mittelalterliche Handschriften und Miniaturen aus Hamburger Sammlungen [Ausstellung Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe. 26. Juni–26. Juli 1998]. Hamburg 1998 (Schriften aus dem Antiquariat Dr. Jörn Günther 1), S. 120 f., Nr. 54.

Abb. 183: 5r. Wurzel Jesse.

Abb. 184: 118v. Kreuzigung und Familie des Auftraggebers Hans von Hungerstein.

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Abb. 183.
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Abb. 184.