KdiH

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43.1.60. Frankfurt a. M., Universitätsbibliothek, Ms. germ. oct. 45

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

1503 (30r).

Lokalisierung:

Bayern, Ostschwaben (Mundart).

Besitzgeschichte:

Auf 67v und 101v männlicher weltlicher Stifter. Auf 59v Eintrag von einer Hand des 18. Jahrhunderts Ex libris Jos. Anton Schwarzenbold mahler in [Rest abgeschnitten], eines Augsburger Malers (vgl. im Stadtarchiv Augsburg die Bestände: StadtA A, Reichsstadt, Hochzeitsamtprotokolle 1563–1806 [Eheschließung 1796], StadtA A, Maler, Glaser, Bildschnitzer, Goldschläger [Malerbuch 54, pag. 49, 357]), dessen einziges gesichertes Werk eine Kopie nach Johann Evangelist Holzers 1738 entstandenem Fassadenfresko am Pfeffelschen Haus in Augsburg darstellt (Innsbruck, Ferdinandeum; vgl. Ringler [1973] S. 146). 1939 von der Stadtbibliothek erworben.

Mariengebetbuch, mit vielfältigen Bitten für einen guten Tod (z. B. 34r–38v, 45v–47r, 51v–54r, 73r–84v, 100v–108r, 120r–125r)

Inhalt:

1r–1v

leer

1r

›Pater noster‹, deutsch

1r

Historisierte Initiale: Taube des Hl. Geistes

1v–4r

›Ave Maria‹, deutsch, mit anschließendem Gebet Ich gruͤsse dich du aller hailigiste gottes gepererin Junckfraw Maria mit dem selben gruͦß da mit dich gegruͤst hat Gabriel

1v

Federzeichnung: Verkündigung, darunter geschrieben MARIA GIB RAT VND HILF

4r–13r

Drei Mariengebete: O Du allermechtigiste kaiserin aller wirdigkait O du edle künige aller miltikait O du magt aller keüschait …, andernorts als Ablaßgebet von Papst Innozenz VI. für König Albrecht II. von Österreich deklariert (s. Nr. 43.1.25., 407-2r–407-3v; Wien, Nationalbibliothek, Cod. ser. nov. 39035, 154v–164r; vgl. auch Nr. 43.1.9., 133r–135r; 43.1.53., 147v–154v; 43.1.73., 49r–51v; 43.1.192., 149v–150r; 43.1.202., 112r–113v), 7v O du vnuermailigter sarch des lebendigen hailtums …, 10v O du kostberliches gold des ewigen schatz

4v

Federzeichnung: Mondsichelmadonna, zu den Seiten je ein Engel, oben Taube des Hl. Geistes

13r–23r

Johannes von Indersdorf (?), ›Zehn irdische Freuden Mariens‹ (Erwählung, Lebensfühung, Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi, Anbetung der Hl. Drei Könige, Ostern, Himmelfahrt Christi, Pfingsten, Freuden Mariens im Himmel; s. Hilg [1981] S. 428, Nr. 71)

13v

Federzeichnung: Madonna mit Kind, umgeben von Engeln, in Anlehnung an einen Kupferstich vom Meister E. S. (Lehrs 76); zur 1. Freude

15v

Federzeichnung: Madonna mit Papagei, seitenverkehrt nach einem Kupferstich von Martin Schongauer (Lehrs 37 II), unten beschriftet O: MARIA: MVͦTER: DER: BARMHERCZIKAIT; zur 3. Freude

17v

Federzeichnung: Geburt Christi; zur 5. Freude

23v–25v

Gebet zur Himmelfahrt Mariens Maria du plüende roß nun man ich dich heüt der vnmessigen freüd die du an der sel hettest

23v

Federzeichnung: Himmelfahrt Mariens

25v–29v

›Sieben himmlische Freuden Mariens‹ (Überbietungs-Typus)

29v–34r

Zwei Gebete zur Himmelfahrt Mariens: O hailige vnd wirdige Junckfraw maria vnd muͦter gottes. Ich erman dich deiner seligen vnd loblichen schidung die du leiblichen hast gehabt auff erden …, 31v Sancta maria ewige Junckfraw Ich bitt dich durch die liebe deins suns

30r

Federzeichnung: Madonna mit Kind, als Halbfigur vor einem Brokatvorhang, vorn rechts Lilienvase, datiert 1503

30v

Federzeichnung: Madonna mit Kind, als Halbfigur, zwei Engel halten Krone über ihr Haupt

34r–38v

Drei Mariengebete: Sancta maria du künigin der himel du muͦter vnsers herrnn Jhesu xp̄i in dein hend beuilch ich mein sele …, 36r Maria künigin aller eren Ich pit dich das du dich von mir nit woͤllest schaiden an meinen letzsten zeitten …, 36v O Maria du himel künigin du muͦter gottes du auserwelte Junckfraw Maria du gewaltige frau in himel vnd auff erd erhoͤr mich sundigen menschen

38v–40r

Ablaßgebet von Papst Sixtus IV. Bjs gegruͤst du aller hailigoste Maria ain muͦter gottes, ain künigin des himels … (›Ave sanctissima Maria‹, deutsch)

39r

Federzeichnung: Madonna, das Kind liebkosend, als Halbfigur, zwei Seraphen halten Krone über ihr Haupt

39v–41r

›Goldenes Ave Maria‹ Bjs gegruͤst maria ain dienerin der hailigen triualtikait … (›Ave ancilla trinitatis‹, deutsch)

39v

Federzeichnung: Durchpause von 39r, statt der beiden Seraphen ein adorierender Engel zu Häupten

41r–45v

Fünf Marianische Hymnen: ›Ave beatissima‹, ›Alma redemptoris‹, ›Ave regina celorum‹, ›Salve regina‹, ›Regina coeli‹, alle deutsch

45v–47r

Bitte um Mariens Beistand in der Sterbestunde O Junckfraw aller Junckfrawen vnd guͤttige fraw sancta maria thuͦ mit mir dein barmhertzigkait in der stund so sich mein zung vor dem aller herttesten tod nit bewegen mug

47r–51v

Ablaßgebet, St. Bernhard zugeschrieben O Ain Junckfraw ob allen Junckfrawen vnd ain gesegnete der Junckfrawen : ein geding zuͦflucht vnd hoffnung aller verzweifloten menschen

47v

Federzeichnung: Madonna auf der Rasenbank, zu Füßen ein Harfe spielender Engel, hinter einem Weidenzaun lehnend der hl. Joseph (weder den Kupferstichen Schongauers [lehrs 36], des Meisters BM [lehrs 6], des Meisters i e [lehrs 10] oder Dürers [bartsch 42, 44], noch dem Holzschnitt Dürers [bartsch 35] oder der Kaltnadelradierung des Hausbuchmeisters [lehrs 27] entsprechend)

51v–54r

Gebet für ein seliges Ende, an Maria adressiert O Du hailige troͤsterin der andechtigen, du helfferin der verlassen, du aͤrczney der krancken

54v–59r

Anselms Mariengebet in der Übersetzung Johanns von Neumarkt O Du selige keüsche gesegente Junckfraw maria O du hailiger wirdiger hochgelobter gottes tempel … (Klapper [1935] Nr. 19)

54v

Federzeichnung: Johannes auf Patmos erblickt Maria als apokalyptisches Weib (Strahlen und Sterne fehlen allerdings)

59r–67r

Ablaßgebet O Vnbefleckte vnd ewiglich in sonderhait gesegnet vnd vnschetzbarliche Junckfrawe gottes gebererin Maria aller genadenreicheste inwonung gottes sacramente heüslin des hailigen gaistes

59v

Federzeichnung: Maria mit Kind, auf einer Bank sitzend, rechts Lilienvase, hinten links musizierender Engel

60r

Historisierte Initiale: Taube des Hl. Geistes

67r–72v

Marienlitanei Kyrieleyson. Cristeleyson. Kyrieleyson. Hailant aller der welt richt mein leben wider die bekoͤrung vnd bis mein helffer an meinen lecztenn zeitten. Sancta maria bit vmd mich das ich gehes todes vnd vngewarnet von diser welt icht schaide

67v

Federzeichnung: Madonna mit Kind, das seine Ärmchen zu einem männlichen Stifter ausstreckt, der zu ihren Füßen kniend den Rosenkranz betet, vor ihm ein Stundenglas. Zwei Engel halten Krone über Mariens Haupt

73r–84v

Siebenteiliges Gebet vom Mitleiden Mariens, über die Woche vor einem Vesperbild zu verrichten, verspricht Mariens Beistand in der Sterbestunde Das erst gebette. O Junckfraw ob allen Junckfrawen: du aller hailigoste gebererin gottes maria: durch die beschwerung vnd pein: alls innerlichen geengst vnd gemartert ist worden dein gaist

73v

Federzeichnung: Maria, von einem Schwert durchbohrt, hält den vom Kreuz abgenommenen Leichnam Christi, hinter ihr der trauernde Johannes

74r

Historisierte Initiale: IHS-Monogramm

84v–90r

›Stabat mater dolorosa‹, deutsch Gestanden ist muͦter mit schmertzen bey dem creütz zaͤher dem hertzen … (Krass [1995] Nr. I,7)

85v

Federzeichnung: Maria bricht unter dem Kreuz zusammen und wird von Johannes und Maria Magdalena gestützt

90r–92r

St. Bernhard zugeschriebenes Mariengebet Gedenck bit ich dich susse muter vnd fraw des wirdigen beystans alls du deinem lieben sun beystiendest hangend … (vgl. Klapper [1935] Nr. 82)

92r–100v

Johannes von Indersdorf (?), Ermahnungen Mariens an ihre Leiden O Maria du hailige Junckfraw ain kron der keusch: du wirdige muͦter gottes Ich ellends kind Eue ruͤff dich an … (Hilg [1981] S. 431, Nr. 81; Haimerl [1952] S. 154, Anm. 955)

92v

Federzeichnung: Drei Marien und Johannes unter dem Kreuz Christi

100v–108r

Gebet mit Ablaß von Papst Innozenz, vorweg Exempel von einer Äbtissin Sancta maria: du hoͤchste kayserine. Ain muͦter aller hailigkait. Ain muͦter vol aller guͤttigkait. Ain künigin aller mechtikait des hoͤchsten küniges tochter in der ewigkait

101v

Federzeichnung: Maria, durchbohrt von zwei Schwertern, wird von einem links knienden männlichen Stifter betend angerufen O Maria, links oben schwebt huldigend ein Engel

108r–109r

Reimgebet O Rose in dem himel taw Ich bit dich maria du edle Junckfraw … (Wackernagel [1864–1877] Bd. II, Nr. 668)

109r–112v

Gebet vom Mitleiden Mariens O Allerliebste maria edle suͤsse künigin Ich vnwirdiger aller creatur naige mich zuͦ deynen genaden vnd falle für dein fuͤsse

109r

Randminiatur: Maria, durchbohrt von zwei Schwertern, als Halbfigur. Am linken Rand Merkfinger

112v–114r

›Sechs Rufe Mariens unter dem Kreuz‹ O Du aingeborens kind trost dein ainige muter … (vgl. Kornrumpf [1987] Sp. 1272, Nr. II)

114r

›Recordare virgo mater‹, deutsch Gedenck Junckfraw muͦter wann du steest in dem angesicht gottes das du woͤllest reden für vns

114v–120r

Drei Gebete vom Mitleiden Mariens unter dem Kreuz: Eya raine vnd zarte muͦter gottes Ich erman dich des grundlosen herczenlaydes hewt das du empfiengest in dem ersten anplick …, 116r Ach auserwelter trost aller súnder suͤsse künigin. Bis hewt ermanet da du vnder dem creutz stuͤndest …, 117r Gedenck maria deyner grossen clag da du also sprachst mitt senfftem hertzen. O du fliessender prunn der ewigkait … (vgl. Kornrumpf [1987] Sp. 1270, Version A), im Anschluß zwei Bitten Mynigliche muͦter maria bis hewt ermant der grossen clag …, Eya du raine Junckfraͮ des seyst du hewt ermant: das du seyest alles meines leyden ain huͤtterin

114v

Federzeichnung: Maria kniet vor dem von einem Engel gehaltenen Leichnam Christi, hinter ihr Johannes, im Hintergrund Kreuz mit Marterwerkzeugen

120r–122v

Zwei Bitten um Mariens Beistand in der Todesstunde Eya ain muͦter aller genaden Behuͤt mich muͤterlich in allem meinem leben. Bewar mich genediglich in meinem tod …, 121r O Junckfraw ob allen Junckfrawen vnd milte kayserin sancta maria. Beweys mir dein barmhertzigkait an meinen letsten zeiten

122v–125r

Gebet, St. Bernhard von einem Engel gegeben, mit Ablaß von Papst Gregorius, sichert vor unvorbereitetem Tod O allerliebste fraw muͤter vnsers herren Jhesu christi, erwirdige Junckfraw maria, dir empfilch ich hewt meine sel

124v–130v

Bittgebet zu Maria Nider gestrewet vor den fuͤssen deiner hailigkait mit hertzen vnd leibe bit Ich diemuͤtiglich suͤssiste Junckfraw maria woͤllest ettwas lernen mich bitten dich

124v

Federzeichnung: Madonna auf der Rasenbank, leicht verändert nach Dürers Kupferstich (Bartsch 42: ohne Affe, dafür von oben rechts herbeischwebender Engel)

130v–136v

Marianische Hymnen: ›Gaude dei genitrix virgo immaculata‹, deutsch, 131r ›Ave maris stella‹, deutsch, 132r ›Ave praeclara maris stella‹, deutsch

132v

Federzeichnung: Madonna, nach einem Kupferstich vom Meister E. S. (Lehrs 65; unter Hinzufügung von zwei Engeln, die eine Krone über das Haupt Mariens halten)

137r–149r

Jakob Sprenger, ›Rosenkranz Mariens‹ (50 Artikel; vgl. 500 Jahre Rosenkranz [1975] S. 118–121), nach zehn Artikeln jeweils am linken Rand eine Gebetsschnur, am rechten eine Rose, Schlußgebet

137v

Federzeichnung: Maria lactans im Rosenhag, zu ihren Seiten je ein Engel

149v–151v

›Magnificat‹, deutsch

149v

Federzeichnung: Madonna mit Kind, von zwei Engeln gekrönt

151v–154r

Zwei Mariengebete: O Du keüsche Junckfraw maria, O du troͤsterin aller betruͤbten menschen …, 153v O Du erkennerin vnser bloͤden natur vnd menschait Bis gegruͤst du zweyg dar auß gewachsen ist der war edel gilig

154v–162v

Gebet zu allen Heiligen O Herr Jhesu criste Ich bit dich: das du mich tailhafftig machest vnnd in mein verdienlichait kummen thuest das erlich verdienen aller deyner hailigen

154v

Federzeichnung: Mondsichelmadonna als Halbfigur, über ihr Gottvater und Taube des Hl. Geistes, unter ihr Christus am Kreuz, dahinter in fünf Rängen Engel und Heilige

163r

Johannes von Indersdorf, Dictum von allen gläubigen Seelen, dem hl. Gregorius zugeschrieben Mit sollichen trewen alls wir hie in diser zeit zehilff kumen den gelaubigen selen wirt vns auch geholffen … (Haimerl [1952] S. 156, Anm. 972, Nr. 6)

163v–170v

Zwei Seelengebete: Got vater: sun: vnd hailiger gaist in ainem goͤtlichen wesen der [!] person … (s. Nr. 43.1.62., 70r–72v), 168r Ich erman dich: vnd danck dir himlischer vater der vnmessigen mynn vnd lieb die dein mynnreichs hertz darzuͦ zwang

163v

Federzeichnung: Gnadenstuhl, unten aus dem Höllenfeuer emporstrebende Seelen, oben aus den Wolken zu Hilfe eilende Engel
I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 170 Blätter, ein modernes Vorsatzblatt, zwei Nachsatzblätter, 81 × 62 mm, beschnitten, moderne Bleistiftfoliierung oben rechts. Ursprüngliche Lagenordnung durch Neubindung im 19. Jahrhundert zerstört (Fälze angesetzt; nach der mit Bleistift notierten neuzeitlichen Lagenzählung auf 18r [3], 24r [4], 33r [5], 42r [6], 52r [7], 58r [8], 67r [9], 75r [10], 83r [11], 91r [12], 99r [13], 107r [14], 115r [15], 126r [16], 131r [17], 140r [18], 147r [19], 164r [21] ergeben sich widersprüchliche Lagenzäsuren, zudem fehlt eine Lage zu Beginn der Handschrift), heutige Lagenformel: 4 IV32, V42, 16 IV170. Bastarda, eine Hand, einspaltig, 13–15 Zeilen, rote Strichel, Rubriken, ein- bis vierzeilige rote Lombarden, gelegentlich mit grünem Fleuronnée.

Schreibsprache:

ostschwäbisch (Weimann [1980]).

II. Bildausstattung:

25 Federzeichnungen (1v, 4v, 13v, 15v, 17v, 23v, 30r, 30v, 39r, 39v, 47v, 54v, 59v, 67v, 73v, 85v, 92v, 101v, 114v, 124v, 132v, 137v, 149v, 154v, 163v). Eine Randminiatur (109r). Auf 1r, 2r, 5r, 138r Blütenzweige. Drei historisierte Initialen (1r, 60r, 74r). Dekaden des Rosenkranzes am Seitenrand durch eine am Nagel baumelnde Gebetsschnur und eine Rosenblüte markiert (140r, 142r, 144r, 146r, 148r). Zwei vierzeilige Initialen aus Rosenzweigen geformt (48r, 138r), sechs drei- bis vierzeilige Initialen mit Blütenstengeln (Rosen, Maiglöckchen, Erdbeeren) umspielt bzw. gefüllt (2r, 5r, 14r, 24r, 38v, 55r). Acht drei- bis fünfzeilige Initialen aus Muschelgold (1r, 2r, 5r, 14r, 24r, 74r, 125r, 155r), eine vierzeilige Initiale in Blau (133r). – Eine Hand.

Format und Anordnung:

Ganzseitige Federzeichnungen, 68–77 × 47–55 mm, von schmalen farbigen Leisten gerahmt, gelegentlich zusätzlich mit roten Punkten umgeben (4v, 17v, 30v, 39v, 67v). Fast alle Darstellungen befinden sich auf verso-Seiten, zwei Blätter wurden allerdings beidseitig bemalt (30r, 30v, 39r, 39v). In diesen Fällen beginnt der Gebetstext auf der vorausgehenden verso-Seite, während gewöhnlicherweise das Incipit oder die einleitende Rubrik oben auf einer recto-Seite anhebt (nur auf 125r setzt ein neues Gebet erst in Zeile sechs ein). Warum man auf 30v und 39v nicht einfach mit dem Text fortgefahren ist, sondern das Motiv der Vorderseite modifiziert wiederholt hat, ist nicht ersichtlich. Die Bilder betonen zwar zahlreiche Textanfänge, zugleich werden durch sie aber auch erst Zäsuren geschaffen bzw. verschliffen (wenn sie fehlen). Inkonsequenz zeigt sich beispielsweise bei der Bebilderung der ›Zehn irdischen Freuden Mariens‹ (13r–23r), von denen offenbar willkürlich die erste, dritte und fünfte illustriert wurden. Davon abgesehen bieten die Bilder aufgrund der geringen Themenbreite nur wenig Orientierung im Kodex.

Bildaufbau und -ausführung:

Auch wenn bislang erst vier Kupferstiche als Vorlagen identifiziert wurden (13v, 15v, 124v, 132v), ist wegen der vorsichtigen Zeichenweise, bei der in nicht gerade flüssigem Duktus Kontur und Binnenstruktur festgelegt und vorzugsweise mit Parallelschraffur weiter ausgearbeitet worden sind, sowie wegen einer gewissen stilistischen Uneinheitlichkeit doch anzunehmen, daß auch die übrigen Bilder von Graphiken abhängen. Das benutzte Material speist sich aus unterschiedlichen Quellen, es reicht vom Meister E. S. über Martin Schongauer bis zu Albrecht Dürer. Vom Typus her erinnern die Marienfiguren auf 1v an den Meister E. S. oder den Meister der Berliner Passion, auf 4v an Veit Stoß (vgl. Lehrs 5), auf 47v, 59v an Martin Schongauer. Ein herberes Marienbild als das vom Colmarer Stecher entworfene übermitteln die Darstellungen auf 30v, 39r und 39v; hier könnten aufgrund der gröberen Zeichnung auch Holzschnitte als Vorlagen gedient haben. Recht aktuell zur Entstehungszeit des Kodex ist Dürers Madonna mit der Meerkatze (Bartsch 42; um 1497/98). Am modernsten aber wirkt die leicht gedrungene Madonna auf 149v, die sich stilistisch deutlich vom Rest der Zeichnungen absetzt, da hier das gedrechselte gotische Figurenideal bereits aufgegeben wurde. Für die Ausschmückung des Gebetbuchs dürfte man auf einen Fundus von Graphiken zurückgegriffen haben, in dem die Marienikonographie breit vertreten war. Der unselbständige, doch nicht ungeschickte Zeichner – das sehr kleine Format des Bändchens erzwang eine beträchtliche Reduzierung der Vorlagen (Meister E. S. 153 × 109 mm bzw. 89 × 61 mm; Schongauer 137 × 108 mm; Dürer 191 × 123 mm) – wußte sein Repertoire durch Hinzufügen bzw. Weglassen von Beiwerk zudem stets etwas abzuwandeln (13v Laute spielender Engel, 15v zwei flankierende Engel, Taube des Hl. Geistes, Maßwerkbogen, Rosen – kein Kissen, 39r zwei Seraphen, 39v adorierender Engel, 124v herbeischwebender Engel, zwei Hasen – kein Äffchen, 132v zwei Engel mit Krone). Eine ökonomische Vorgehensweise zeigt sich auf 39v, wo das Motiv der Vorderseite einfach duchgepaust wurde. Falls der Schongauer-Stich Lehrs 37 II nicht in einer Kopie vorgelegen hat, wurde er seitenverkehrt übertragen, um eine Wendung Mariens zum Buchinneren zu erzielen (15v).

Bildthemen:

Mit Ausnahme der letzten Federzeichnung (163v) widmen sich alle Darstellungen Marienthemen. Im Text schälen sich verschiedene inhaltliche Schwerpunkte heraus: Marienpreis, Erinnerung an irdische und himmlische Freuden, Maria als Mittlerin, Erinnerung an ihre Leiden, Maria als Patronin des guten Todes. Vordringliches Anliegen des ganzen Buchs ist der Beistand Mariens in der eigenen Sterbestunde und ihre Fürsprache beim Jüngsten Gericht. Zwar läuft alles auf das große Finale hinaus (163v), vor dem zuletzt noch alle Heiligen mitsamt dem himmlichen Heer aufgeboten werden (154v), doch entwickelt sich vordem in den Bildern kaum eine darauf zusteuernde Dynamik. Zumeist werden verschiedene Variationen von Andachtsbildern geboten: stehende Madonna mit Engeln (149v), stehende Madonna bzw. Mater dolorosa mit Engeln und Stifter (67v, 101v), Mondsichel- bzw. Strahlenkranzmadonna mit Engeln (4v, 132v), sitzende Madonna mit Engeln (13v), Madonna auf der Rasenbank mit Engeln (47v, 59v, 124v, 137v), Madonna als Halbfigur mit Engeln (15v, 30r, 30v, 39r, 39v), schmerzensreiche Maria unter dem Kreuz (73v, 85v, 92v, 114v). Bis auf die letztgenannten behandeln nur drei andere Federzeichnungen klassische Szenen des Marienlebens (1v, 17v, 23v). Eine Heimsuchung oder Anbetung der Hl. Drei Könige, die man ebenfalls hätte gebrauchen können (vgl. 13r–23r), waren offenbar nicht zur Hand. Die Zuordnung zu den Texten ist darüber hinaus z. T. etwas wahllos: Zum Beispiel gesellte man zum Ablaßgebet von Papst Sixtus IV. nicht die obligate Strahlenkranzmadonna (39r). Ungewöhnlich ist auch das Motiv Johannes auf Patmos für das Gebet ›O intemerata‹ (54v–59r), das sich zu gleichen Teilen an Maria und Johannes richtet, die von Christus am Kreuz einander anempfohlen werden.

Farben:

Zeichnung in brauner Feder, kräftig mit Wasserfarben koloriert: Leuchtendes Gelb, durchdringendes Blau (stark abgerieben), Lindgrün, Grün, Rot, Rosa, Braun, Ocker, Grau, Schwarz, Grauviolett, Rotorange, Muschelgold.

Literatur:

Weimann (1980) S. 139–143. – Powitz (1984) S. 49, Abb. 263 (29v–30r); Bergmann (1986) S. 481; Krass (1995) Sp. 212; Krass (1998) S. 168, 174 f., 186 f., 188, 191 f., 198 f., 233, 257–261, 298, Anm. 1, S. 329, 332 mit Anm. 3 f., 334, Anm. 2, S. 335, 336, Anm. 2, S. 337 mit Anm. 6, 339, 342, Anm. 2, S. 343 mit Anm. 1 und 3, Abb. Umschlag (85v); Eisermann (2004) Sp. 6; Krass (2011) S. 190–199, Abb. 1 (132v+133r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 90: 137v+138r. Maria lactans im Rosenhag. Textseite mit Rosenranken.

Abb. 91: 67v. Madonna mit Kind und Stifter.

Abb. 92: 149v. Madonna mit Kind.

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Abb. 90.
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Abb. 91.
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Abb. 92.