KdiH

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43.1.27. Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. oct. 489

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

Letztes Viertel 14. Jahrhundert (Wegener [1928], Achten [1987]), um 1400 (Ochsenbein [1988]).

Lokalisierung:

Prag (Meister der Paulus-Briefe); Obersachsen, Leipzig? (Wegener [1928], Achten [1987], Ochsenbein [1988]), Brandenburg (Stange [1934–1961]).

Besitzgeschichte:

1r Erstbesitzerin als Adorantin (62r ich arme, 75r mir armen). Nach einer undatierten Teilabschrift von der Hand Wilhelm Grimms (1786–1859) einst im Besitz von Ludwig Achim von Arnim (1781–1831) (Berlin, Ms. germ. quart. 909, 5ar–7br; 7br Ms. besitzt L. A. von Arnim). 1901, 1905 im Kunsthandel. 1914 von der Königlichen Bibliothek erworben.

Gebetbuch einer Fürstin?

Inhalt:

1r–12v

24-teiliger Bilderzyklus vom Leben und Leiden Christi

1r

Miniatur: Anna selbdritt mit kniender Stifterin

1v

Miniatur: Verkündigung (vgl. Zittau, Christian-Weise-Bibliothek, Mscr. bibl. sen. Zitt. A VII, 279r)

2r

Miniatur: Geburt Christi (vgl. Zittau, ebd., 22v)

2v

Miniatur: Anbetung der Hl. Drei Könige (seitenverkehrt Zittau, ebd., 31r)

3r

Miniatur: Darbringung im Tempel (vgl. Zittau, ebd., 272r)

3v

Miniatur: Palmsonntag

4r

Miniatur: Letztes Abendmahl

4v

Miniatur: Gebet am Ölberg

5r

Miniatur: Gefangennahme

5v

Miniatur: Christus vor Pilatus

6r

Miniatur: Geißelung

6v

Miniatur: Dornenkrönung

7r

Miniatur: Kreuztragung

7v

Miniatur: Kreuzannagelung

8r

Miniatur: Kreuzigung (vgl. Brno, Státní Vědecká Knihovna, R 398, 100v)

8v

Miniatur: Beweinung

9r

Miniatur: Grablegung

9v

Miniatur: Christus in der Vorhölle

10r

Miniatur: Auferstehung (vgl. Zittau, ebd., 142v)

10v

Miniatur: Himmelfahrt Christi (vgl. Zittau, ebd., 165v)

11r

Miniatur: Pfingsten (vgl. Zittau, ebd., 172v)

11v

Miniatur: Marientod (vgl. Zittau, ebd., 319r)

12r

Miniatur: Marienkrönung

12v

Miniatur und Bordüre: Schmerzensmann mit Arma Christi

13r–22v

Sequenz ›Ave praeclara maris stella‹, deutsch (Lipphardt [1978] Nr. 5)

23r

Antiphon ›Regina coeli‹, lateinisch

23r–25v

Zwölf Ehren Mariens verbunden mit zwölf Ave Maria, vorweg Exempel Ich manen vnd loben maria daz, daz du bist ein eynige dochter des ewigen vatters. Aue maria

25v–30v

15 Ermahnungen an die Kreuzigung Christi Barmhercziger drost herre ihu xpe ich manen dich des trurigen ganges vnd der sweren burden

31r–32r

Fünfgliedrige Gebetsbetrachtung zu Maria Magdalena, unterbrochen jeweils durch fünf Paternoster

32r–34v

Zweigeteiltes Gebet, zur Dreifaltigkeit und zu Christus Ich loben dich hoch gelobete drivaldekeit du vnsprechlichz vnbegrifliches vngehugentliches gut der gotheit

34v–58v

100 Paternoster und Ave Maria, 130-teiliger Gebetszyklus (Menschwerdung bis Kreuzestod), nach jeweils zehn Ermahnungen und einem Schlußgebet unterbrochen von ein bis drei Gebeten zum Mitleiden Mariens Daz erste pr nr. Herre ich dancken dir vnd manen dich daz du her abe qweme vnd mensliche nature an dich neme

59r–60r

Anfang des Johannesevangeliums, lateinisch (Io 1,1–14)

60v

leer

61r

Miniatur: Stigmatisation des hl. Franziskus

61v

Miniatur: Christus als Weltenrichter in der Mandorla, darunter Maria und Johannes d. T. als Fürbitter (Halbfiguren)

62r–63r

Bitte um Fürsprache Mariens O du milte maget maria vnd mutter vnd barmhertzige konnigynne han ich arme erzornet dyn kint mit dot sunden oder mit degelichen sunden

63r–64r

›Sieben himmlische Freuden Mariens‹ (Überbietungs-Typus, Plenitudo-Fassung in Ich-Form)

64r–65r

Gebet, um die Strafen der Hölle bzw. des Fegefeuers zu mindern Ich dancken dir lieber herre daz du dyn dure martel begunnest krefftilichen, vnd drugde dyn crutze demudiglichen

65r–65v

Kommuniongebet Herre ihu xpe bereyde vns wirdeclichen zu enphaen dynen heyligen lychnam

65v–67v

Reuegebet Herre mynneclicher vader eynige zuuersichte mynes vngetrosten hertzen, Ich loben dich vnd sagen dir gnade

67v–74r

Neun Kommuniongebete: Ich enphahen dich hude heyliger gewarer froner lycham … (Klapper [1935] Nr. 59), 69r O herre ich byn nit wirdig dz du gest vnder myne dache …, 69r Wol mir daz ich enphangen han die spise der ich vmmer leben sal …, 69v Herre ihu xpe hie myede eren ich dynen heyligen lijp …, 70v Herre ihesu xpe ich bieden dich daz dyn heyliger lycham den ich enphangen han myner selen geruͦche zuͦ syn eyn ewige sußekeit …, 71v Herre ihu xpe ich armer sundiger mensche kommen hude geladen zu dyner wirtschafft …, 71v Herre ihesu xpe myne droste vnd myne heylant zu dir kommen ich nu beflecket …, 72v Ich loben dich hymmelscher konig vnd gewelliger schopper hymmelriches vnd ertriches …, 73v Herre ihu xpe kumme zu mir dyn heylige gotheit die wone by mir

74r–77r

Zwei Gebete zur Elevation, davon eines zu Maria, mit Ablaß Ich großen dich herre mynneclich vnd dynen heyligen lycham werlich …, 75r Ich bieden vnd manen dich konygynne von hiemelrich daz du heißest vnd bist eyn mutter der barmhertzekeyde

77r–77v

Ablaßgebet O herre laß mich iamern nach dir, O herre laß mich rowen yn dynen wonden

78r

Miniatur: Marienvision. Maria im Strahlenkranz (ohne Kind, Arme übereinandergeschlagen, rechte Hand mit Zeigegestus), von einem Engel herangeführt, erscheint kniendem Mönch (in schwarzer Kutte, bärtig, Mitra zu Füssen), nach Degering (1925–1932) Nikolaus von Tolentino
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, II + 78 Blätter, moderne Bleistiftfoliierung, 142 × 105 mm (beschnitten). Lagenformel: III, 2 III12, 6 IV60, I–161 (– nach 61), IV69 (lose), V–277 (– nach 77), 178 (Innenspiegel). Kustoden 28v, 36v, 44v, 52v. Zwei Hände: I. 13r–60r Textura, einspaltig, 13 Zeilen, Rubriken, rote Strichel, Caputzeichen, ein- bis zweizeilige rote Lombarden. II. 62r–77v Textura, 18 Zeilen (Textspiegel identisch, bei den Blättern 70–77 Außenränder punktiert), Rubriken, rote Strichel, ein- bis dreizeilige rote Lombarden.

Schreibsprache:

mittelrheinfränkisch (Suolahti [1909]; dagegen Wegener [1928], Ochsenbein [1988]: sächsisch bzw. obersächsisch).

II. Bildausstattung:

27 Miniaturen (1r–12v, 61r, 61v, 78r). Meister der Paulus-Briefe (benannt nach Wien, Cod. 2789), tätig in Prag 1380–1411, schwächerer Mitarbeiter der Wenzelswerkstatt (Œuvrezusammenstellung bei Krása [1971] S. 276, Anm. 343, ohne Kenntnis dieser Handschrift; zur Charakterisierung vgl. Kletzl [1933] S. 68–77); wohl Schüler eines seinerzeit fortschrittlichen Meisters, der 1360–1361 43 historisierte Initialen im Vorauer Antiphonar ausgemalt hat (Bibliothek des Chorherrenstifts, Cod. 265 [259/I–IV]).

Format und Anordnung:

Ganzseitige Miniaturen, 100 × 70 mm. 24 Bilder als autonomer Zyklus dem Gebetbuch vorangestellt, drei im hinteren Teil der Handschrift ohne direkten Textbezug (fraglich, ob Originalposition). Miniaturen von einer schmalen farbigen oder goldenen Leiste eingefaßt, auf 1r–12v zudem in 10 mm Abstand grüne bzw. rosafarbene Umrandung, an den Ecken großlappige Blätter, die nach außen hin abstehen.

Bildaufbau und -ausführung:

Das Schwergewicht liegt auf den Figuren, der Buchmaler kam mit wenig Beiwerk aus: So genügten ein Thron (1r, 5v, 6v, 12r), Stall (2r), Altar (3r), Palmbaum (3v), Tisch mit Bänken (4r), der Bach Kidron (4v), die Martersäule (6r), ein Grab (9r, 10r, 12v) oder eine Bettstatt (11v), um die Situation kurz zu umreißen. Schilderungen von Räumlichkeiten fehlen. Der Hintergrund wurde bis auf 1v (Blattgold) und 61v (Rot) mit einem durchdringenden Blau verschlossen, dessen von der Wirklichkeit abgehobener Charakter durch ein zartes, weißes Ornamentband, das den Bildrand säumt, zusätzlich betont wird. Allein in der unteren Zone des Bildes wurde stets ein naturalistischer Erdstreifen in verschiedenen Grau-, Grün- oder Brauntönen angedeutet. Einige modische Details – wie Kruseler und Gebende bei den Frauen, Schecke und Beinlinge, Eisenhut oder Beckenhaube mit Halsbrünne bei den Schergen – verleihen den Bildern etwas Zeitkolorit. Ungewöhnlich sind die farbigen Heiligenscheine (neben Blattgold Rot, Blau, Rosa, Grün). Gesichter, Hände und Haare wurden mit brauner Feder prägnant gezeichnet, die Stoffe dagegen weich modelliert. Die Gewänder umschließen die Körper eng, werfen aber innerhalb der Konturen reiche Falten. Die Blutstropfen auf dem Leib Christi auf 6r–8r und 12v dürften eine spätere Zutat sein.

Stange (1934–1961) brachte die Handschrift zwar richtig mit dem Zittauer Missale Pragense in Verbindung, an dem der Meister der Paulus-Briefe unzweifelhaft mitgewirkt hat (Zittau, Christian-Weise-Bibliothek, Mscr. bibl. sen. Zitt. A VII; zwischen 11.11.1987 und 20.4.1988 gestohlen. 1998 im Kunsthandel aufgetaucht; 1999 von der Staatsanwaltschaft Frankfurt a. M. beschlagnahmt), zugleich suchte er aber eine Verbindung zum Flötzer Altar herzustellen (Berlin, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1878), der seiner Ansicht nach nur ein von böhmischer Kunst abgeleitetes Werk war, dessen Provenienz ausschlaggebend für seine Lokalisierung nach Brandenburg sein sollte. Die von Wegener (1928), Achten (1987) und Ochsenbein (1988) angenommene Herkunft aus Sachsen mag sich aus der Geschichte des Missale Pragense erklären, das durch die Flucht des Prager Dom- und Metropolitankapitels vor den Hussiten bereits im Jahr 1421 nach Zittau gelangt war. Zwar läßt sich die Berliner Handschrift durch die Zuschreibung an den Meister der Paulus-Briefe eindeutig mit Prag verknüpfen, die Mundart jedoch steht hierzu im Widerspruch. Wie das Gebetbuch Nr. 43.1.93. belegt, muß schon vor Ausbruch der Hussitenkriege mit der Dispersion böhmischer Buchkunst gerechnet werden. Ob dem äußerst konservativen Meister, der inmitten höfischer Eleganz und Pracht ungerührt einstmals Gelerntes weiter tradiert hat, eine solche Mobilität zuzutrauen ist, bleibt allerdings zweifelhaft. Möglicherweise haben die Miniaturen im vorliegenden Gebetbuch eine Zweitverwendung erfahren.

Bildthemen:

Bei der Erstbesitzerin dürfte es sich um eine Dame aus dem Hochadel gehandelt haben, da diese sich in einem Mantel mit Hermelinbesatz (ein Pelz, der Fürsten vorbehalten war) und modischem Kruseler darstellen ließ (1r). Der anschließende Bilderzyklus mit vier Stationen aus der Kindheit Jesu und 16 aus der Passion wurde am Schluß noch um zwei Szenen aus dem Marienleben (11v, 12r) und ein abstraktes Andachtsbild (12v) erweitert. Für die im hinteren Teil der Handschrift befindlichen Bilder (61r, 61v, 78r) ist der originale Kontext nicht gesichert; die Stigmatisation des hl. Franziskus, die Achten (1987) als frühen Beleg für Deutschland wertete, ist in ihrem Bedeutungszusammenhang daher gar nicht so recht zu ermessen. Schwierigkeiten bereitet darüberhinaus die Interpretation des letzten Bildes (78r): Degering (1925–1932) identifizierte den Mönch als Nikolaus von Tolentino, wozu die schwarze Tracht passen würde, die den Dargestellten als Augustinereremiten ausweist. Allerdings wurde dieser erst 1446 kanonisiert; zudem deutet die zu Füßen liegende Mitra gewöhnlich auf ein ausgeschlagenes Bischofsamt hin, was auf Nikolaus von Tolentino nicht zutrifft.

Farben:

Dominierend ist ein Dreiklang aus Blau, Grün, Rotorange. Hinzu kommen helles Inkarnat, Ocker, Braun, Schwarz, Grau. Blattgold auf schwarzem Bolus. Die Gewänder der Figuren in zwei Farbstufen modelliert, entweder mit Weiß stark aufgelichtet oder mit roter Tinte abgedunkelt. Konturlinien zum Schluß mit brauner Feder auf die Farbschichten gezeichnet. Bildseiten vorn abgegriffen (insbesondere Grün stark abgerieben); auf den hinteren drei Miniaturen Farben deutlich frischer erhalten.

Literatur:

Degering (1925–1932) Bd. III, S. 161 f.; Wegener (1928) S. 130 f., Abb. 116–118 (8v, 9r, 78r). – Jacques Rosenthal, München, [1901]. Katalog 27: Bilderhandschriften und illustrierte Bücher, S. 23, Nr. 57, Taf. 8 (1r); Jacques Rosenthal, München, 1905. Katalog 36, S. 59, Nr. 246; Suolahti (1909) S. 512–514; Stange (1934–1961) Bd. 2, S. 76 f., 86; Kroos (1970) S. 90, 103, Anm. 110, Abb. 318 (6v); Achten (1987) S. 38, 76 f., Nr. 36, Abb. 61r; Ochsenbein (1988) S. 384, Nr. 1, S. 390–395; Hilg (1992) Sp. 1166; Kornrumpf (2000) Sp. 193.

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 17: 1r.

Anna selbdritt mit Stifterin.

Abb. 18: 12v+13r. Schmerzensmann mit Arma Christi. Textseite.

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Abb. 17.
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Abb. 18.