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43.1.25. Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Hdschr. 407; ehem. London, Maggs Bros., Januar 1988, Nr. 19–22; ehem. Paris, Galerie Georges Petit, 10./11.5.1926, Nr. 49

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

Um 1480 (Christie’s 1987), 1500.

Lokalisierung:

Gent oder Brügge.

Besitzgeschichte:

Für einen österreichischen Auftraggeber? (407–2r). Die vier Berliner und die vier ehem. Londoner Blätter stammen aus der Sammlung Carlo Prayer (1826–1900), Mailand (Lugt [1921–1956] Nr. 2044). Die Berliner Blätter gelangten 1993 mit der Sammlung Dr. Jörn Günther, Hamburg, in die Staatsbibliothek (MS 26). Die 1988 in London angebotenen Fragmente waren als Teil der Sammlung Juan und Felix Bernasconi ein Jahr zuvor auf dem Markt aufgetaucht. Die beiden 1926 in Paris versteigerten Blätter gehörten zur Sammlung des Pariser Industriellen Jacques Auguste Boussac (vgl. Lugt [1921–1956] Nr. 729b).

Fragment eines Stunden- oder Gebetbuches

Inhalt:
Tagzeitengedicht

407–1r–407–1v

Vesper aus einem Tagzeitengedicht zur Passion (Versübersetzung des Hymnus ›Patris sapientia‹, deutsch) 1r zu vesperzeit: ad vs Ce vesperzeit ab dem [1v] kreucz genomen ward ihs krist der vill zart … Im Anschluß Gebet aus einem Zyklus von 38 Ermahnungen zum Leben und Leiden Christi Ain anders. Ich erman dich vnd dankch dir vil lieber herr ihus krist. Als du an dem osterleichen tag froleich erstuendts von dem tod: vnd marie Magdalena: vnd deinen lieben iungern … (vgl. Nr. 43.1.132., 60r–60v)

407–1r

Miniatur: Beweinung (Vesper)

Nr. 20r

Elf Zeilen Text (Schluß der Vesper?)

Nr. 20v

Miniatur: Grablegung (Komplet?)
Mariengebet

407–2r–407–3v

Mariengebet (Ablaßgebet von Papst Innozenz VI. für Herzog Albrecht II. von Österreich [1298–1358]) 2r dits gepet ist von venedig gen wienn gesandt worden herczog albrechten zu ainer schaukchung (vgl. Nr. 43.1.9., 133r–135r, 43.1.192., 149v–150r, Wien, Cod. Ser. nov. 39035, 154v–157v) 2v O Du almechtigiste kaiserin aller wirdikait. O du edle iunffraw aller miltikait. O du hoch geborne kunigin aller guttikait

407–2v

Miniatur: Einer der Hl. Drei Könige ist vor Maria und dem Jesuskind auf die Knie gesunken und bietet seine Gabe dar

407–3r

Miniatur: Die beiden anderen Könige treten zögernd näher
Heiligensuffragien: Johannes d. Ev., Georg, Antonius, Barbara

Nr. 49–1r

Mehrere Zeilen Text

Nr. 49–1v

Miniatur: Johannes auf Patmos

Von sand Johanns ewangelista antiffon.

Nr. 19r

leer

Nr. 19v

Miniatur: Georg vor der Madonna kniend

Item dits Hernach geschriben gepet ist ain antiffon von sannd Jorgen

407–4r–407–4v

Dits ist ain gesvare Martrer sand ior- [4v] ge er vorcht mit der richter troen. Er suecht auch nicht die er diser welt

407–4r

Miniatur: Georg im Kampf mit dem Drachen

Nr. 49–2r

Mehrere Zeilen Text

Nr. 49–2v

furst sol wegen. Durch xpm vnsern herren. Amen.
Miniatur: Versuchung des hl. Antonius

Von sand Anthonie antif.

Nr. 22r

Zehn Zeilen Text

Nr. 22v

Miniatur: Martyrium der hl. Barbara
Eine Zeile Text

Nr. 21r

Miniatur: Barbara
Zwei Zeilen Text

Nr. 21v

13 Zeilen Text
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, zehn Einzelblätter, 127–131 × 88–91 mm, die Berliner Blätter umgibt ein 6 mm breiter Rahmen aus schwarzem Buntpapier, Rotunda, eine Hand, einspaltig, 13 Zeilen, Rubriken, gelbe Strichel. König (1999) gebraucht eine andere Zählung bei den Berliner Blättern: 1r = 4r, 1v = 4v, 2r = 3v, 2v = 3r, 3r = 1r, 3v = 1v, 4r = 2r, 4v = 2v.

Schreibsprache:

bairisch.

II. Bildausstattung:

Zehn Miniaturen, umgeben von vierseitigen Gent-Brügger Streublumenbordüren (407–1r, Nr. 20v, 407–2v, 407–3r, Nr. 49–1v, Nr. 19v, 407–4r, Nr. 49–2v, Nr. 22v, Nr. 21r), in vier Bordüren leeres Wappenschild mit Helm darüber (Nr. 20v, Nr. 19v, Nr. 49–2v, Nr. 22v [zwei]). Ein- bis zweizeilige Buchmalerinitialen (so auf 407–1r, 407–1v, 407–2v, 407–4r, 407–4v, Nr. 21r).

Format und Anordnung:

Eine ganzseitige Miniatur (Nr. 20v), 90 × 54 mm, acht mit ein bis drei Zeilen Text darunter (407–1r, 407–2v, 407–3r, Nr. 49–1v, Nr. 19v, 407–4r, Nr. 22v, Nr. 21r), 70–80 × 54–55 mm, eine mit zwei Zeilen Text darunter und einer darüber (Nr. 49–2v), ca. 58 × 54 mm. Bis auf die letzte alle mit Rundbogenabschluß oben. Sollte die obige Rekonstruktion richtig sein, stünden sich beim Mariengebet und bei zwei der Heiligensuffragien jeweils zwei Miniaturen gegenüber (407–2v+407–3r; Nr. 19v+407–4r; Nr. 22v+Nr. 21r). Solch einen Aufbau kennt man aus einigen besonders reich illustrierten Gebetbüchern, z. B. dem Stundenbuch von Maria von Burgund und Kaiser Maximilian I. (Berlin, Kupferstichkabinett, Cod. 78 B 12), wo das Marienoffizium mit einem Passions- und Kindheits-Zyklus ausgestattet worden ist (verso Voll-, recto Kopfminiatur); der Meister Jakobs IV. von Schottland (Gerard Horenbout?) verdoppelte dagegen in einem Stundenbuch die Passionsszenen zum Kreuzoffizium auf 14 Darstellungen (London, Add. 35313, 18v–31r; vgl. Kren [1983] S. 63–68). Der Wechsel von recto- und verso-Seiten bei den Miniaturen zum Tagzeitengedicht (407–1r, Nr. 20v) läßt darauf schließen, daß sich auch hier einmal zu Beginn einer Hore zwei Passionsszenen gegenübergestanden haben. In einem weiteren Schritt spiegelte der Meister Jakobs IV. von Schottland das Layout der rechten Miniatur-Seite auf der linken Seite, so daß ihm zwei gleich große Bild- und Textfelder zur Verfügung standen, die – wie hier beim Mariengebet (407–2v+407–3r) – es ihm ermöglichten, eine Szene auf zwei Seiten zu verteilen (Los Angeles, Getty Museum, Ms. Ludwig IX 18, 39v+40r: Anbetung des Lammes; vgl. Plotzek [1982] S. 256–285; Brinkmann [1997] S. 325–329).

Bildaufbau und -ausführung:

Zwischen Bordüre und Miniatur- und Textfeld klafft eine Lücke, in der eine Umrahmung mit Flechtwerkornamentik an den Ecken und in den Mitten der Geraden mit brauner Feder vorgezeichnet ist, die in einem etwa zwei Jahrzehnte zuvor entstandenen Brüsseler Stundenbuch in ausgeführtem Zustand zu betrachten ist (Bibliothèque Royale, ms. IV 542; vgl. Dogaer [1976] S. 33–44; Marrow [1991] S. 62 f., Abb. 51, 54, 57). Es ist nicht recht nachvollziehbar, warum dieser Dekor, der offensichtlich verworfen wurde, dennoch durchgehend sichtbar belassen worden ist. Die qualitativ hochwertigen trompe-l’œil-Bordüren sind denen in der Brüsseler Handschrift durchaus vergleichbar (obgleich dort mehrheitlich noch Akanthusbordüren begegnen). Die Miniaturen hingegen, die zusammen mit den Blattwerkinitialen und der gewählten Schriftform modernere Züge zeigen, fallen deutlich hinter den Bordürenschmuck zurück. Bordüren und vorgezeichnetes Flechtband sind vielleicht in einer ersten Arbeitsetappe entstanden, als für die Miniaturen noch ein Bildfeld mit eingezogenem Rundbogenabschluß vorgesehen war ( 407–3r, 407–4r). Die Arbeit blieb möglicherweise unvollendet liegen, um erst später von einem anderen Buchmaler wieder aufgenommen zu werden, der mit dem ursprünglichen Schema nicht vertraut war oder dieses angesichts eines veränderten Zeitgeschmacks nicht mehr als adäquat empfand. In den Bildern herrscht eine gewisse Ödnis vor, zum einen bedingt durch kompositionelle Spannungslosigkeit, zum anderen durch nachlässige Zeichnung und stumpfe Farbgebung: Sie wirken zum Teil, als fehle die oberste Farbschicht, als seien sie nur grundiert und mit einer grobmaschigen Schraffur versehen, die noch nicht durch feine Farbübergänge gemildert und mit Glanzlichtern aufgehellt ist. Möglicherweise sind sie aber durch Wasserschaden beeinträchtigt und später retuschiert ( 407–1r, 407–2v). Temperament versprüht nur Blatt 407–4r, wo sich der hl. Georg auf seinem Pferd feurig in den Kampf mit dem Drachen stürzt. Die leeren Wappenfelder und einige unausgemalte Partien in den Hintergründen (407–2v, Nr. 49–1v, Nr. 49–2v) dokumentieren, daß die Handschrift nie vollendet wurde. Mundart und Textauswahl deuten darauf hin, daß das Gebetbuch für einen süddeutschen, möglicherweise österreichischen Besteller vorgesehen war; diese besonderen Eigenheiten machen es unwahrscheinlich, in den Fragmenten Übungsblätter zu erblicken, die die Werkstatt nie verlassen haben. Arbeiten aus hochkarätigen Gent-Brügger Ateliers für Auftraggeber, die deutschsprachige Gebetstexte wünschten, sind mehrfach erhalten (vgl. Nr. 43.1.18., 43.1.107., 43.1.108., 43.1.156., 43.1.166., 43.1.191., 43.1.194.). Die in den Londoner Verkaufskatalogen von 1987 und 1988 vorgenommene Zuschreibung an den Meister des älteren Gebetbuchs Kaiser Maximilians I. bzw. an dessen Umkreis ist aufgrund des eklatanten Qualitätsunterschiedes jedoch zu hoch gegriffen (zumal offenbar auch kein Vorlagenmaterial aus diesem Kreis rezipiert worden ist).

Bildthemen:

Sollte jede Hore des Tagzeitengedichts mit zwei Miniaturen eingesetzt haben, wäre vor der Beweinung eine Kreuzabnahme, nach der Grablegung das Schließen des Grabs denkbar. Die ungewöhnliche Doppelpräsenz zweier Heiliger (Nr. 22v+Nr. 21r; Nr. 19v+407–4r) könnte aus dem Wunsch heraus resultieren, das Layout-Konzept der Doppelseiten konsequent fortzuführen. Erstaunlicherweise hat man beim Verteilen von einer Szene auf zwei Miniaturfelder (407–2v+407–3r) auf durchgehenden Hintergrund keinen Wert gelegt.

Farben:

Rot, Blau, Grün, Ocker, Grau, Braun, Rosa, Gelb, Türkis, Hellblau, Weiß, Schwarz, Pinselgold. Stellenweise Farbabplatzungen (z. B. 407–1r Kentaur in der Bordüre, 407–4r Drache, 407–1v, 407–4v Initialen) und Farbabrieb (deutlich beim Rot zweier Mäntel [407–1r, 407–3r], dem blauen Fond einer Bordüre [407–1r] oder dem Braun der Leiste auf 407–4r), wohl durch Wasserschaden verursacht. Schriftseiten ausgeblichen, teilweise durch Tintenfraß gefährdet (407–3, 407–4).

Literatur:

König (1999) 2 Seiten. – Galerie Georges Petit, Paris, 10./11.5.1926: Sammlung J. Boussac, Nr. 49, Taf. 6 (1v, 2v); Christie’s, London, 24.6.1987: The Bernasconi Collection, S. 21, Nr. 249, Abb. von Nr. 19v; Maggs Bros. Ltd., London, January 1988. European Bulletin No. 14: Illuminated Miniatures, Manuscripts and Single Leaves, Nr. 19–22, S. 25–27, Farbabb. S. 24 (Nr. 19v, 20v); Becker/Brandis (1993) S. 270, Farbabb. 9/10 (407–2v, 407–3r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 7: 407–4r. Kampf des hl. Georg mit dem Drachen, Buchmalerinitiale, Rankenbordüre.

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Abb. 7.