KdiH

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43.1.18. Berlin, Staatliche Museen – Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, Cod. 78 B 11 (ehem. Hs. 46)

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

Ca. 1485 (de Winter [1981]), 1485–1490 (van Buren [1975]?), um 1500 (Winkler [1925]).

Lokalisierung:

Geschrieben in Crockau oder Trockau? (s. 142r; Brinkmann [1997] liest Trockau [Kirchdorf mit Schloß in Oberfranken, Landkreis Pegnitz], dort allerdings nur eine Schloßkapelle St. Oswald bezeugt), illuminiert und gebunden in Gent (Wescher [1931]; van Buren [1975]).

Besitzgeschichte:

1571 im Besitz von Schwester Kunner (Kunera?) van Coppen, aus der Nähe von Emmerich, die das Buch von ihrer Freundin Magdalena von Moers (1522–1567), geb. Gräfin von Nassau, erhielt (Eintrag auf dem hinteren Innenspiegel Dit buck hort toe suster kunner van coppen van ner emmerich en heft er ge geuen vrow magdalena een gebaren grefyn van nassun en fraw zoe mors myn besonder gude fryndyn Soe wie et kriget na mynen dot die bit got vor onser beider zil [?] dit heb ic geschreu Anno domini xvc en lxxj op des sonnen dachs vor sunte mychiels dach). 1835 mit der Sammlung Carl Ferdinand Friedrich von Naglers (1770–1846) erworben (Lugt [1921–1956] Nr. 2529).

Inhalt: Mariengebetbuch

1r–12v

Kalender (zwei Spalten: Sonntagsbuchstabe, Festtage, sparsam besetzt, darunter: 10.3. als maria magdalena bekeert was [Augsburg u. a.], unter dem 22.4. alda zu costacz, 23.4. Sant Jorgen tag [rot; Augsburg 24.4.], 15.5. Sant vyg tag [Augsburg u. a.], 29.7. Sant Simforians [?], 12.8. Sant claren, 28.8. Sant augustins, 6.9. Sant mangen tag [rot; Augsburg u. a.], 4.10. Sant franciscen, 16.10. Sant gallen tag [rot; Augsburg, Konstanz u. a.], 26.11. Sant conradis tag [rot; Konstanz])

13r

leer

13v–72r

Kleines Marienoffizium (vgl. Nr. 43.1.51., Nr. 43.1.118.; Antiphonen von Prim und Terz verrutscht: in der Prim die zur Terz, in der Terz die zur Sext, Doppelung zur Sext)

13v

Miniatur: Verkündigung (vgl. Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 73v; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 27v)

25r

leer

25v

Miniatur: Heimsuchung (vgl. Kassel, Landesbibliothek, 4º Ms. math. et art. 50, Bl. 16 [alte Zählung]; London, Add. 54782, 85v; München, Clm 23637, 60v; Stonyhurst, Stonyhurst College, Ms. LX, unfoliiert; Venedig, Biblioteca Marciana, Ms. lat. I,99, 610v; Wien, Cod. Ser. nov. 2625, 56v)

40r

Miniatur: Geburt Christi (vgl. Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 104v; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 66v)

40v

leer

45r

Miniatur: Verkündigung an die Hirten (vgl. Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 111v; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 72v)

45v

leer

49r

leer

49v

Miniatur: Anbetung der Hl. Drei Könige (vgl. Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 18v; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 78v)

54r

Miniatur: Darbringung im Tempel (vgl. Darmstadt, Landesbibliothek, Hs. 69, 42r; Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 122v; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 84v)

54v

leer

58r

leer

58v

Miniatur: Flucht nach Ägypten (vgl. London, Add. 54782, 131v; Stonyhurst, Stonyhurst College, Ms. LX, unfoliiert; Wien, Cod. Ser. nov. 13239, 90v)

67r

Miniatur: Bethlehemitischer Kindermord (vgl. Berlin, Kupferstichkabinett, Cod. 78 B 12, 158r; Dublin, Chester Beatty Library, MS Western 99, 22v; New York, Pierpont Morgan Library, MS 52, 43r; Wien, Cod. 1858, 83v)

67v

leer

72v–79r

Acht irdische Freuden Mariens, genannt das gekronnt gulden Aue maria …, das man vor vnser frawen pild sprechen soll. Fraw maria gots mueter Ich verman dich der grossn uͦberfluͦssigen freuden … (Erwählung Mariens [doppelt], Verkündigung, Geburt Christi, Anbetung der Hl. Drei Könige, Auffindung im Tempel, Auferstehung, Himmelfahrt Christi, Marienkrönung)

79r–82r

Fünf Ermahnungen an das Mitleiden Mariens Chunigin fraw Ich man dich des leidens da du dein hertzen lieb kind sachst steen vnder allen seinen veinten … (Kreuztragung, Kreuzannagelung, Kreuzigung, Kreuzestod, Fürbitte)

82v–87v

Mariengebet Heylige vnd vnuermailigte Ersame Jungkfrau mueter Maria ein fraw der welt ein khunigin der enngl

87v–97v

›Goldenes Krongebet‹ (zehn irdische Freuden Mariens) Chunigin Maria Jch man dich der grossen freuden eren vnd wirden die du enphiengst … (Erwählung Mariens, Verkündigung, Geburt Christi, Anbetung der Hl. Drei Könige, Taufe Christi/Auffindung im Tempel, Auferstehung, Himmelfahrt Christi, Pfingsten, Marientod, Marienkrönung)

97v-98v

Mariengebet Gedenngk suezze mueter vnd frau des ellenden stands

98v–100v

›Virga Jesse‹, deutsch Dye gerth yesse hat gepluet daran ist erschynn die bluem des obristn Sun

99r

leer

99v

Miniatur: Wurzel Jesse

101r

leer

101v–104v

Fünf Schmerzen Mariens (Simeons Weissagung, Suche nach dem Zwölfjährigen, Gefangennahme, Kreuzigung, Beweinung)

101v

Miniatur: Kreuzigung (vgl. Berlin, Kupferstichkabinett, Cod. 78 B 12, 150v; München, Clm 28346, 178v)

104v–108r

Sequenz ›Ave praeclara maris stella‹, deutsch O Maria du klarer merstern entsprungen gotlich zu eynem liecht der welt …, Ambrosius zugeschrieben (zur Himmelfahrt Mariens)

108r–111r

Sequenz ›Salve mater salvatoris‹, deutsch Gegruesset seistu mueter des hailer ein auserweltes vas ein vas der eren

111r–113r

Sequenz ›Stirpe maria‹, deutsch O Maria gebornn von kuniglichem geslecht … (zur Geburt Mariens)

112r

Miniatur: Mariengeburt

112v

leer

113r–115r

Sequenz ›Mittit ad virginem‹, deutsch Der liephaber des menschen schikht zu der Jungkfrauen … (zur Verkündigung)

115r-117r

Sequenz ›Congaudent angelorum‹, deutsch Die khör der Enngl mit freuent sich … (zur Himmelfahrt Mariens)

117r–119r

Sequenz ›Quem terra pontus‹, deutsch Der versperrt pauch marie hat tragen den regirer … (zur Himmelfahrt Mariens)

119r–120v

Sequenz ›Gaude visceribus‹, deutsch Du heilige kirchen vnd muͦter freu dich … (zur Geburt Mariens)

120v–124v

Vier Suffragien zu Maria

124v–127r

Mariengebet Gegruest seist du kunigin der Jungkfrauen die du geborn hast den khunig der khunig … (s. 148v–152v)

127v

leer

128r–129v

Mariengebet Gegruest seistu aller säligiste Jungkfrau maria ein gepererin gots ein kunigin der enngl ein fraw der himel

129v–131r

Zehn irdische Freuden Mariens Ich man dich maria gots mueter der grossen freuden da dir der enngl kuͦndet … (Verkündigung, Geburt Christi, Auffindung im Tempel, Erblicken der Hl. Dreifaltigkeit, Taufe Christi, Erwählung Mariens, Mutter des Weisesten, Mutter des Gewaltigsten, Himmelfahrt Mariens)

131r–137v

15 Freuden Mariens Ich man dich Maria der freuden die du emphiengst da dir der Enngl Sannd Gabriel die potschafft bracht … (Verkündigung, Geburt Christi, Anbetung der Hl. Drei Könige, Auffindung im Tempel, Anblick des Auferstandenen, Ankündigung von Tod und Himmelfahrt, Himmelfahrt Mariens, Empfang durch den ersten Chor der Engel, neunten Chor der Engel, der Engel, Johannes d. T., Anna und Joachim, das himmlische Heer, Gottvater, Sohn, Hl. Geist)

137v–141r

Mariengebet O Du heilige keusche gesegente Jungkfrau maria O du heiliger wirdiger hochgelobter templ

141r–142r

Mariengebet Suezze kuͦnigin Ich man dich der eerenn das dich got hat aus erwelt

142r–147v

Mariengebet, ist gefunden worden zu Crockauͦ in vnser frawen kirchen, mit Ablaß von Papst Bonifatius. Das ist ein kuͦnigin der Jungkfrauen die geperet hat die kuͦnig aller khuͦnig die khum zehilff vmb die suͦnd als volks. Magnificat anima Dein seel hochlobt den herren. Heilige mueter vnsers herren ihu xpe ich bit dich durch dein Sun ihesum xpm das du für mich pitst … (Auslegung des ›Magnificat‹)

148r

leer

148v–152r

Mariengebet Gegruͦst sey kuͦnigin aller Jungkfrauen die du gepert hast den kuͦnig aller kuͦnig … (s. 124v–127r)

149r

Miniatur: Vermählung Mariens (Marienfigur aus Darbringung im Tempel entnommen, vgl. Cleveland, Museum of Art, Inv. Nr. CMA 63.256, 141v; Kassel, Landesbibliothek, 4º Ms. math. et art. 50, Bl. 22 [alte Zählung]; London, Add. 54782, 125v und Egerton 1147; Los Angeles, Getty Museum, Ms. Ludwig IX. 19, 43v; München, Clm 28346, 82v und Clm 28345, 61v [Halbfigur]; Venedig Biblioteca Marciana, Ms. lat. I,99, 514v)

149v

leer

152r–161v

Auslegung des ›Ave Maria‹ Gegruest pist maria du vilschöne vnd rayne magt on alles mail

161v–163r

Mariengebet Fraw Sannd Maria mueter der parmhertzigkait prunn der gutikait

163r–165r

Sechs Bitten an Maria In allen meinen trubsalen vnd anngsten kum mich zehilff … (in Trübsal und Angst, um Gnade, Versöhnung, für Leib und Seele, ein seliges Ende [zwei])

165r–166r

Mariengebet Fraw sannt Maria bey der gepurt vnd menschhait deins lieben Suns vnsers herren ihu xpi Emphilch ich dir mein Seel

166v–167r

leer

167v–177r

Drei Mariengebete: O du heilge maria ein mueter vnsers herren ihesu xpi in den puesn deiner guetigkait emphilch ich meinen leib …, 169v O du heiligiste Jungkfrau maria wen du hast verdiennt zetragn den kunig vnd hailer …, 170v O aller guͦetigiste vnd suezziste heiligiste Jungkfrau maria ein muter gots

167v

Miniatur: Beweinung Christi (vgl. Krakau, Biblioteka Czartoryskich, Ms 3025 I, S. 70; Madrid, Museo Lázaro-Galdiano, Inv.-Nr. 15503, 59v)

177v–210r

Edmund von Canterbury, ›Marienpsalter‹ (AH 35 Nr. 10) Gegruesset seist du Jungkfrau ein mildes holtz du hast gebn die frucht des lebns

210r

Nachtrag: Rasur, neun Zeilen, letzte lesbar jren hemelfart

210v

Nachtrag: Rasur, zwei Zeilen die he[…] auff tag onser / lieuer fraw hemelwart

211r–212v

Nachtrag: Passionsgebet Gregors d. Gr., ›Adoro te in cruce pendentem‹, deutsch (siebenteilig)
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, 213 Blätter, ein Vor- und ein Nachsatzblatt, moderne Bleistiftfoliierung, 151 × 107 mm. Lagenformel: 2 III12, II+218 (+13, 18), III24, III+131 (+25), III37, III+245 (+ 40, 45), III+152 (+49), III+260 (+54, 58), III+167 (+67), 2 III89, 2 III+1–191 (+/– vor 83, 88), III97, III+3–1105 (+99, 101, +/– vor 105), III+1112 (+112), III+2–2118 (+/– vor 114, 115), III124, III+2–2130 (+/– vor 125, 128), 2 III142, III+1149 (+149), 2 III161, III+1168 (+167), 7 III210, I212. Bastarda, einspaltig, drei Hände: I. 1r–12v flämische Bastarda, 18 Zeilen, Rubriken; II. 14r–210r Haupthand, süddeutsche Bastarda, 15 Zeilen, im Marienoffizium zwei Schriftgrößen, rote Strichel, Rubriken; III. 211r–212v Nachtrag: niederdeutsche Bastarda, 15 Zeilen, rote Strichel, Caputzeichen, Unterstreichungen, Rubriken, einzeilige rote und blaue Lombarden, eine vierzeilige blaue Fleuronnéeinitiale mit ausgespartem Ornament (211r).

Schreibsprache:

bairisch, 211r–212v niederdeutsch.

II. Bildausstattung:

13 Miniaturen (13v, 25v, 40r, 45r, 49v, 54r, 58v, 67r, 99v, 101v, 112r, 149r, 167v), sieben weitere herausgeschnitten (vor 83, 88, 105, 114, 115, 125, 128). 33 vierseitige Gent-Brügger Streublumen-Bordüren (13v+14r, 25v+26r, 39v+40r, 44v+45r, 49v+50r, 53v+54r, 58v+59r, 66v+67r, 82v, 87v, 99v+100r, 101v+102r, 105r, 111v+112r, 113v, 115v, 125v, 128v, 148v+149r, 167v+168r), um die Miniaturen und auf den gegenüberliegenden Textseiten. Zahlreiche, vom Dekor her altertümliche Buchmalerinitialen (gehören traditionell zu Akanthusbordüren): vier- bis siebenzeilige blaue Initialen auf Pinsel- oder Blattgoldgrund, gefüllt mit Dreiblattranken oder Pinselgoldfiligran auf rotem Grund, ein- bis dreizeilige Pinsel- oder Blattgoldinitialen auf rot-blauem Grund, gehöht mit weißem Filigran. Von Winkler (1925) als grobe Werkstattarbeit des Meisters der Maria von Burgund eingestuft, bei Biermann (1975) Werkstatt des Sanders Bening, bei van Buren (1975) »Ghent Associates«, bei de Winter (1981) Meister des älteren Gebetbuchs Maximilian I. bzw. bei Brinkmann (1997) Umkreis des Maximilian-Meisters genannt (vgl. zur Genese der Umbenennungen die knappe Zusammenfassung bei Krieger [1994] S. 66 f. und Brinkmann [1996] S. 737 sowie den Forschungsüberblick bei Brinkmann [1998] S. 133–143).

Format und Anordnung:

Ganzseitige Miniaturen, 90–98 × 50–60 mm, mit Rundbogenabschluß oben, als Einzelblätter zwischen den fortlaufend geschriebenen Text eingeschaltet (Fälze sorgfältig angeleimt), wobei die Miniaturen abhängig vom Textanfang recto oder verso erscheinen (Rückseiten leer). Brinkmann (1997) hat die Verstöße gegen die Layout-Vorstellungen flämischer Buchproduzenten plausibel mit der Dislokation von Schreib- und Illuminierwerkstatt erklärt. Wenn auch die süddeutsche Bastarda am stärksten die optische Einheit stört (an sich würde man eine flämische Bastarda oder Rotunda erwarten), so weisen doch auch die Miniaturen, Bordüren und Initialen leicht heterogene Stilelemente auf, die auf eine Umbruchsphase hinweisen: Während in den Miniaturen mehr oder minder standardisierte Bilderfindungen reproduziert worden sind, führte man mit den trompe-l’œil-Bordüren die neueste Errungenschaft der Gent-Brügger Buchmalerei vor, die jedoch mit den konventionellen, flächigen Initialen wenig harmonieren.

Bildaufbau und -ausführung:

Die Miniaturen wiederholen meist vergröbert Kompositionen aus dem Umkreis des Meisters der Maria von Burgund (s. o.). Teilweise sind die Vorzeichnungen auf den Rückseiten gut sichtbar, so 67v, 101r, 112v, 149v, 167r. Auf den Seiten 112r und 149r verändert sich das Verhältnis von Raum und Figur merklich: In den anderen Miniaturen sind püppchenhafte Figuren üblich, die oftmals über keinen sicheren Stand verfügen (13v, 25v, 40r, 167v). Sie wurden – wie de Winter ([1981] S. 361), Kren ([1983] S. 27) und Brinkmann ([1988] S. 97 f.) exemplarisch aufgezeigt haben – offenbar isoliert in verschiedene Raumarchitekturen und Landschaften hineinprojiziert. Auf 112r und 149r fallen die Gestalten plötzlich größer, schwerer aus, besitzen eine raumfüllende Präsenz, die vordem fehlte. Das Gewand vollzieht die Formen des Körpers organisch nach, der Faltenwurf wirkt nicht mehr formelhaft von außen angetragen; die Gesichter sind prägnanter und weniger stereotyp ausformuliert. Möglicherweise wurden hier andere Vorlagen herangezogen.

de Winter (1981) hat diese und noch andere Veränderungen dennoch alle unter einer Künstlerpersönlichkeit zusammengefaßt: Für ihn war bei der Zusammenstellung des Œuvres vom Maximilian-Meister (S. 424, Anm. 20) die Verwendung identischer Vorlagen ausschlaggebend; in der Tat konnte er zeigen, daß die Maria in der Vermählung (149r) einer Darbringung im Tempel entnommen ist (London, Add. 54782, 141v). Brinkmann ([1988] S. 95) hat außerdem auf die exakt übereinstimmenden Maße und die identische Linienführung bei Maria und Joseph in der Flucht nach Ägypten im Berliner (58v) und im zweiten Hasting-Stundenbuch hingewiesen (London, Add. 54782, 131v). Neben einigen Zeichnungen, die den Motivschatz dieser Handschriftengruppe überliefern (Brinkmann [1988] S. 105, Anm. 16), sollte man aber auch Kupferstiche als Vermittler in Erwägung ziehen: Für eine Miniatur von der Hand Simon Benings, der aus diesem Kreis hervorgegangen ist, läßt sich zumindest ein solcher Nachweis erbringen (s. Nr. 43.1.108., 119v; vgl. Testa [1986] S. 153, Abb. 25). Dieses frei zirkulierende Medium aber läßt die von Brinkmann ([1988] S. 92–95) formulierten Zweifel an einem allein aufgrund desselben Vorlagenmaterials konstituierten Œuvre umso berechtigter erscheinen.

Bildthemen:

Die Motive der verlorenen Miniaturen sind schwierig zu rekonstruieren, da das Buch zur Gänze Maria gewidmet ist und nur wenige Gebete spezifische Vorgaben enthalten. Bei den Sequenzen zu den Marienfesten (104v–120v) wird vor 105 die Himmelfahrt, vor 114 die Geburt und vor 115 der Tod Mariens geschildert gewesen sein. Der Bildzyklus zum Marienoffizium entspricht mit dem Bethlehemitischen Kindermord und der Flucht nach Ägypten am Schluß flämischem Brauch, wobei allerdings die Reihenfolge sonst gewöhnlich umgekehrt ist (Vanwijnsberghe [1995] S. 287).

Farben:

Gedämpfte Farben, nur wenige Töne (Blau, Rosa, Grün, Orange), die die verhaltene Grundstimmung aus Grau, Beige, Ocker, Weiß, Hellblau, Violett, Braun, Pinselgold durchbrechen (oftmals auch Grau für das Inkarnat). Zwei Miniaturen abweichend: 13v lichte Pastellfarben, 49v kräftigere, bunte Töne (Rot, Blau, Grün, Orange). Für die Bordüren und Initialen lebhaftere, kontrastreichere Farben (auch Rot und Gelb): Fonds der Bordüren in Oliv, Ocker, Hellbraun, Orange, Graublau, Rosa oder Blau; bis auf 13v+14r, 53v+54r und 66v+67r gegenüberliegende Seiten farblich im Gleichklang. Für Initialen wurde auch Blattgold verwendet (poliert), sofern diese nicht Miniaturen gegenüberzustehen kamen (um diese nicht zu überstrahlen).

Literatur:

Wescher (1931) S. 172. – Winkler (1925) S. 103, 113, 158; van Buren (1975) S. 307 (laut Brinkmann [1997] fälschlich unter der Signatur 78 B 14); Biermann (1975) S. 63, 65, Abb. 57 (54r), S. 67, Abb. 63 (67r), S. 92 f., Abb. 113 (101v), S. 118 f., Abb. 155 (25v), S. 274, Anm. 293; de Winter (1981) S. 388, Abb. 93 (149r), S. 424; Testa (1986) S. 135, Anm. 2; Dogaer (1987) S. 149; Brinkmann (1988) S. 94 f.; Brinkmann (1991) S. 119, 134 f., Abb. 27 (167v), 33 (44v); Brinkmann (1997) Textbd. S. 181, Anm. 120, S. 375 f., Textabb. 106 (44v+45r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Taf. X: 39v+40r. Textseite mit Buchmalerinitiale, Gent-Brüggener Streublumenbordüre. Geburt Christi, Gent-Brüggener Streublumenbordüre.

Taf. XI: 111v+112r. Textseite mit Buchmalerinitiale, Gent-Brüggener Streublumenbordüre. Geburt Mariens, Gent-Brüggener Streublumenbordüre.

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Taf. X.
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Taf. XI.