Project icon

KdiH

_ (der Unterstrich) ist Platzhalter für genau ein Zeichen.
% (das Prozentzeichen) ist Platzhalter für kein, ein oder mehr als ein Zeichen.

Ganz am Anfang und ganz am Ende der Sucheingabe sind die Platzhalterzeichen überflüssig.

ß · © ª º « » × æ œ Ç ç č š Ł ł ́ ̀ ̃ ̈ ̄ ̊ ̇ ̋ ͣ ͤ ͥ ͦ ͧ ͮ Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ σ ς τ υ φ χ ψ ω ͅ ̕ ̔

43.1.38. Cambridge, Fitzwilliam Museum, Ms. Marlay 9

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

1514 geschrieben (81v). Um 1520 illuminiert (Merkl [1999]).

Lokalisierung:

Augsburg.

Besitzgeschichte:

19v, 41v männliches Stifterporträt. 23r Nachtrag einer weiblichen Person vom Anfang des 16. Jahrhunderts o Jhsu Criste Duͦ vil Süesser got, duͦ hast deiner diern sel vnd leib fürsehen …; von derselben Hand ein mit R.R. unterzeichnetes Gebet auf 45r. Von Merkl ([1999] S. 243, 321 f.) mit einer Quelle in Verbindung gebracht, nach der der Augsburger Kalligraph Leonhard Wagner zwischen 1510 und 1515 ein Gebetbuch für eine domina de Seratin schrieb, die er auf Dorothea von Serntein, Frau des Tiroler Kanzlers und Hofkanzlers Kaiser Maximilians I. Zyprian von Serntein, bezog. 1912 dem Museum von Charles Brinsley Marlay vermacht.

Gebetbuch

Inhalt:

Ir–1r

leer

1v–3v

Gebet zum hl. Franziskus

 1v

Miniatur: Stigmatisation des hl. Franziskus

3v–4v

Gebet zum Hl. Geist (Haimerl [1952] S. 141, Anm. 869, Nr. 3)

4v–5v

Heinrich Seuse, ›Morgensegen zur Ewigen Weisheit‹ O Du aller schönste liechtreichiste ewige weißhait. Mein sele hat heinacht nach dir belanget … (Bihlmeyer [1907] S. 395f.)

6r–7v

Befehlnis in Gott O Got mein herr vnd mein schöpfer. vnd mein erlediger, du aller höchstes vnd böstes guͦt. Ich arme sinderin opfer mich dir hewt auf jn dein vätterlich arm … (s. 27v–32v)

7v–10r

Gebet zu Gott Ljeber herr ihu xpe. Ich stee vor dir als ain schuldiger mensch vor ainem gewaltigen richter … (Haimerl [1952] S. 53, Anm. 267, Nr. 3)

10r–11r

Gebet nach der Buße O Got der du vmb erlesung willen der welt hast wöllen geborn werden … (›Deus qui pro redemptione‹, deutsch)

11r–12v

Drei Paternoster Jn di angst vnsers herren. Den ersten opfer In die götlich lieb … O Hailiger ewiger got herr ihu xpe Ich gedenck den ellenden anfang … Im Anschluß Gebet aus dem zweiten Teil der Gebete Johannes’ von Indersdorf für Herzog Wilhelm III. von Bayern (Haimerl [1952] S. 156, Anm. 976, Nr. 2)

12v–13v

Fünf Paternoster und Ave Maria zu den fünf Wunden Christi, danach Herr himelischer vater vnd kinig. Jhs cristus vnser lieber herre hieng an dem creutz allain, mit lieber gothait, mit senftigkait der selen …

13v–14v

›Sechs Rufe Mariens unter dem Kreuz‹

14v–18r

Gebet von der Marter Christi und dem Mitleiden Mariens O Mein ausserwelter hertzenlieber hailland vnd erlöser ihu xpe. Ich armer vnd v̈bergrossindiger mensch. bit dich diemietgclich …

18v–19r

Gebet, um Ablaß in einer Kirche zu erlangen O Almechtiger barmhertziger himelischer vatter. hailige vnnd vngetailte triualtigkait. Ich arme sinderin dein arme creatur bin komen an die gegenwirtige stat …

19v-25v

Gebete zur Messe O Schöpfer himels vnd der erden. Du kinig aller kinig, vnd herr aller herren (s. Nr. 43.1.7., 46v-71r; 43.1.124., 12r-25v; München, Cgm 178, 27r–31v)

 19v

Miniatur: Messe, mit männlichem Stifter

25r–27v

Anfang des Johannesevangeliums (Io 1,1–14)

 25r

Miniatur: Johannes d. Ev.

27v–32v

Sonntagsgebet O Mein herre mein got mein schöpffer. vnd mein erlediger. du aller höchsts vnd böstes guͦt. Ich sindiger mentsch opffer mich gantz vnd gar Jn dein väterlich arm … (s. 6r–7v)

32v–33v

›Sieben himmlische Freuden Mariens‹ (Überbietungs-Typus)

34r–35v

Zwei Mariengebete: O Du ewige tochter des ewigen vaters. O du ewige muͦter des ausserwelten suns. O du aller liebster gemahel des hailigen gaists … 35r In dein hend, du hailigiste säligiste ersamiste gietigiste keuschiste senftmietigiste wirdigiste vnd barmhertzigiste Junckfraw muͦter maria Ich beuilch dir mein leib …

 34r

Miniatur: Strahlenkranzmadonna, nach einem Kupferstich von Lucas van Leyden (Bartsch 80); vgl. Nr. 43.1.197., 33r

36r–59v

Heiligengebete und -suffragien: Anna, Elisabeth, Schutzengel, Eigenapostel, Christophorus, Barbara, Hl. Drei Könige, Erasmus (drei), Dorothea, alle Heiligen (zwei)

 36r

Miniatur: Anna selbdritt

 38v

Miniatur: Elisabeth verteilt Almosen

 41v

Miniatur: Stifter im Betstuhl, vor ihm sein Schutzengel

 43v

Miniatur: Christus als Salvator mundi im Kreis der Apostel

 45v

Miniatur: Christophorus, nach einem Kupferstich von Albrecht Altdorfer (Hollstein 21; datiert 1511), vgl. Nr. 43.1.197., 157v

 48r

Miniatur: Martyrium der hl. Barbara

 50r

Miniatur: Anbetung der Hl. Drei Könige, nach einem Holzschnitt aus Dürers Marienleben (Bartsch 87)

 52v

Miniatur: Martyrium des hl. Erasmus. Turbanträger aus Dürers Kupferstich-Passion (Bartsch 7)

 55r

Miniatur: Martyrium der hl. Dorothea

 56v

Miniatur: Dreifaltigkeit, umstanden von weiblichen und männlichen Heili-gen

59v-62v

Seelengebet In ainem götlichen wesen drey person, got vater. got sun, got hailiger gaist, hailige vnd getailte driualtigkait …

 59v

Miniatur: Engel erretten Seelen aus dem Fegefeuer

62v–78r

›Geistliches Almosen‹, über die Woche zu beten

78v–79v

Befehlnis zu Gott und Maria Das ewig vaterlich wort, das da flaisch ist worden. Jn der aller hailigisten Junckfrawen maria, enpfangen von dem hayligen gaist, Sey zwischen mir vnd aller meiner feund …

 78v

Miniatur: Geburt Christi, nach einem Kupferstich von Dürer (Bartsch 2; datiert 1504)

79v–81r

Passionsgebet, unterteilt durch drei Paternoster und Ave Maria Herr ihu xpe. das gebet sey dir zuͦ lob, deinen lesten zigen, vnd allen deinen wunden, vnd Jn sonderhait deinem pluͦtigen schwais

81r

Kolophon Finit per fratrem Leonhardum 1514

81v–83v

leer
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, 83 Blätter, moderne Bleistiftfoliierung, 150 × 115 mm (beschnitten). Lagenformel: 4 IV32, IV–139 (vor 35), 5 IV79, II83 (Kustoden auf 8v, 16v, 24v, 32v, 39v, 55v, 63v, 79v). Späte Bastarda, eine Hand, laut Kolophon (81r) geschrieben von einem Bruder Leonhard, in dem Wormald/Giles (1966 und 1982) und Merkl (1999) den Augsburger Schreibmeister Leonhard Wagner (1453–1522) von St. Ulrich und Afra vermuten (wofür auch die Mundart spräche; vgl. Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod. 149, z. B. 117r, 219r, 313v), einspaltig, 16 Zeilen, Rubriken.

Schreibsprache:

ostschwäbisch.

II. Bildausstattung:

16 Miniaturen (1v, 19v, 25r, 34r, 36r, 38v, 41v, 43v, 45v, 48r, 50r, 52v, 55r, 56v, 59v, 78v), umgeben von vierseitigen Streublumenbordüren. Soweit die Miniaturen auf verso-Seiten plaziert sind, befinden sich bis auf 39r auf den gegenüberliegenden Textseiten zwei- (20r, 42r, 44r, 46r, 53r, 57r, 60r, 79r) bzw. zu Beginn der Handschrift eine vierseitige Streublumenbordüre (2r). Eine isoliert stehende zweiseitige Bordüre auf 35r deutet auf den Verlust einer Miniatur hin (zwischen 34/35 kein Textverlust). 31 einseitige Streublumenbordüren (4r, 4v, 6r, 7v, 10r, 11r, 13r, 14v, 18v, 21v, 23r, 23v, 24v, 25v, 27v, 32v, 33r, 33v, 49v, 53v, 54v, 58v, 62v, 64v, 65v, 67r, 70v, 72v, 76r, 77v, 79v). Eine sieben- (2r), zahlreiche ein- bis dreizeilige Buchmalerinitialen. In den Bordüren zwei Puttenspiele (56v vier Putti mit Steckenpferden und Windrädchen; 78v drei Putti, wobei einer auf einer Schale sitzend von einem anderen gezogen wird), auf 41v ein Löwe, entlehnt aus Dürers Hieronymusstich (Bartsch 60). Auf 41v Ligatur NP bzw. NR auf der Rückenlehne des Betstuhls. Von Wormald/Giles (1966 und 1982) als NP gelesen und gemäß Nagler ([1858–1879] Bd. 4, Nr. 2501) mit einem Monogrammisten gleichgesetzt, der im ›Freydal‹, einem Turnierbuch Kaiser Maximilians I., eine Federzeichnung auf dieselbe Weise und mit der Jahresangabe 1515 signiert hat (Wien, Kunsthistorisches Museum, Waffensammlung, Inv.-Nr. P 5073, 116r). Diesen Künstler hat man mit dem nur dokumentarisch belegten Innsbrucker Maler Nikolaus Pflaundler zu identifizieren gesucht. Merkl (1999) schlug alternativ NR als Lesart vor, um das Werk für Narziß Renner in Anspruch nehmen zu können. Da dieser erst 1501/1502 geboren worden ist, kann die Ausmalung erst einige Jahre nach Abschluß der Schreibarbeiten erfolgt sein.

Format und Anordnung:

Fünf ganzseitige Miniaturen (1v, 41v, 45v, 52v, 78v), 90–98 × 58–65 mm, sieben mit drei Zeilen Text darüber (19v, 43v) oder darunter (33r, 36r, 38v, 48r, 50r), 70–83 × 58–60 mm, eine mit fünf (56v), 70 × 58 mm, eine mit sechs Zeilen Text darüber (59v), 65 × 60 mm, eine mit zwei Zeilen Text darüber und darunter (55r), 67 × 58 mm, eine oben links in den Textspiegel eingerückt (26r), 63 × 36 mm. Alle fest im Lagenverbund.

Bildaufbau und -ausführung:

Wormald/Giles (1966 und 1982) wollten in vier Miniaturen eine andere, bessere Hand erkennen (1v, 19v, 50r, 78v). Merkl (1999) konstatierte bei vier Miniaturen geringfügige Abweichungen (1v, 45v, 48r, 50r), von denen nur zwei mit Wormald/Giles übereinstimmen. Nachweislich wurde bei fünf Miniaturen (34v, 45v, 50r, 52v, 78v) und einer Bordüre (41v) auf zeitgenössische Graphik zurückgegriffen, wobei Details zum Teil leicht modifiziert wurden: So wurde die eng anliegende kurze Hose des Christophorus in ein knielanges Gewand (45v) und der kurze Mantel des dritten Königs in einen modisch plissierten Rock (50r) verwandelt. Qualitative Schwankungen und stilistische Inkonsistenz könnten daher ebensogut auf unterschiedliche Vorlagen zurückzuführen sein. Eine derartige eklektizistische Arbeitsweise entsprach durchaus Narziß Renners Gepflogenheiten (s. Nr. 43.1.6., 43.1.17., 43.1.80., 43.1.197.; Merkl [1999] S. 168f., Nr. 38, S. 338–341). Auch kehren zwei Drolerien in den Bordüren (2r: Vogelbauer mit davorhockender Henne samt Kücken, 78v: spielende Putti) wörtlich in einer für ihn gesicherten Handschrift wieder (s. Nr. 43.1.17., 10v, 26r). Die bislang entdeckten graphischen Vorlagen, die in den Jahren 1503 bis 1514 entstanden sind, helfen nicht, die problematische Datierungsfrage zugunsten Narziß Renners zu entscheiden.

Bildthemen:

Elf der 16 Miniaturen entfallen auf Heiligengebete (1v, 36r, 38r, 41v, 43v, 45v, 48r, 50r, 52v, 55r, 56v), wobei Franziskus zu Beginn des Gebetbuches auffällig hervorgehoben ist. Von ihm wird eigens erwähnt, er habe gestift säligclichen die drey orden. Dem dritten für Weltleute gehörte auch Elisabeth von Thüringen an. Dieser wiederum wird in der Reihe der Heiligen bereits an zweiter Stelle gedacht (38v–41r); an sie ist die Bitte adressiert: Erlang mir ain sollich giettig, senftmietig vnd barmhertzig hertz zuͦ armen leutten, als du gehabt hast … das du nit verschmecht hast zuͦ waschen vnd zuͦ küssen die wunden vnd grossen offen schaden der menschen In dem spital … Zu erwägen wäre daher, ob die Erstbesitzerin möglicherweise eine Elisabethinerin gewesen ist. Die Diskrepanz zwischen einer mutmaßlich weiblichen Auftraggeberin (s. o.) und der Darstellung eines männlichen Stifters auf 19v und 41v suchte schon Merkl (1999) mit dem plötzlichen Tod der Frau zu erklären, so daß die Arbeiten für ihren Mann vollendet worden wären.

Farben:

Bordeaux, Rosa, Karminrot, Orange, Blau, Hellblau, Graublau, Grau, Violett, Dunkelbraun, Hellbraun, Ocker, Türkis, bräunliches Hellgrün, Blaßgelb, Weiß, Schwarz, Blattgold.

Literatur:

Wormald/Giles (1982) Bd. 1, S. 65–70, Bd. 2, Abb. 86f. (1v, 19v+20r). – Wormald/Giles (1966) S. 50f., Nr. 119, Taf. 32 (19v+20r); Fabich (1972) S. 145, Nr. 14; Robinson (1988) Textbd., S. 69, Nr. 213, Tafelbd., Abb. 355 (20r); Merkl (1999) S. 51f., 54, 123, Anm. 34, S. 320–322, Nr. 31, Abb. 231–233 (19v+20r, 41v+42r, 59v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 8: 48r. Martyrium der hl. Barbara, Buchmalerinitiale, Rankenbordüre.

Abb. 8.