KdiH

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43.1.5. Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. I.3.8º 4

Bearbeitet von Regina Cermann

KdiH-Band 5

Datierung:

1. Hälfte 15. Jahrhundert (nach 1438, falls 1v der Reichsadler dargestellt ist).

Lokalisierung:

Österreich, Wien? (1v Wappen; Mundart).

Besitzgeschichte:

Erstbesitzer vermutlich ein männliches Mitglied aus dem Hause Habsburg (1v, 7v, 8v, 17r, 41r Stifter; 4r, 21r, 24r, 31v Krone in Bordüre oder Initiale). Supralibros von Fürst Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein (1748–1802). Verschiedene Bibliothekssignaturen des 19. Jahrhunderts im vorderen Innenspiegel (133; 1.i.16; e. 119). Seit 1980 in der Universitätsbibliothek Augsburg.

Reisegebetbuch eines Prinzen?

Inhalt:

1r

Nachtrag: Passionsgebet Gregors d. Gr., ›Adoro te in cruce pendentem‹, deutsch (fünfteilig)

1v–5r

Reisegebete, darunter ›In viam pacis‹, deutsch, Ps 53, deutsch, Suffragium zum hl. Julian als Patron der Reisenden

1v

Miniatur: Reiterzug in Berglandschaft, vorn ein Bote, der einem gekrönten Jüngling einen Brief überreicht. Wappen auf zwei Fahnen undeutlich (1.: geviert: 1., 4. österreichisches Bindenschild, 2., 3. Reichsadler?; 2.: Reichsadler?)

5r–7v

Drei Gnaden der Passionsbetrachtung: Exempel und zwei Gebete

6r

Miniatur: Kreuztragender Christus

7v–10r

Mariengebete

7v

Miniatur: Sitzende Madonna mit zwei musizierenden Engeln. Am Rand: Adorierender Prinz, hinter ihm ein Engel, der ein Tuch ausbreitet

8v

Miniatur: Thronende Maria, die das Jesuskind dem am Rand knienden Prinzen zur Anbetung entgegenhält, hinter ihm ein Engel, der ein Tuch ausspannt

10r–11r

Abendgebet O theos ain gedechtnuss vnbegreifflich weisheit vnwidersprechlich

10r

Miniatur: Thronender Gott mit Buch auf dem Schoß, umgeben von den sieben goldenen Leuchtern der Apokalypse

11r–12r

Morgengebet O gerechter Richter Jhu krist ain kunig der kunig vnd herr

11r

Miniatur: Jüngstes Gericht

12v–16r

Bitte um Erlösung, Segen, Ps 30,1–6, deutsch, Gebete um Frieden

12v

Miniatur: Gottvater, den Erlöser auf die Erde sendend

16v

leer

17r–39v

Anselm von Canterbury, Mariengebete (PL 158, aus Oratio 52 [955 C2–958 A14]; Oratio 53 [959–960]; Oratio 50 [948–950]; Oratio 51 [950–952]; Oratio 52, 1. Teil [952–954 B10]; Oratio 52, 2. Teil [958 B–959]; Oratio 46 [942–944]), auf die Wochentage verteilt (in anderer Übersetzung in einem Gebetbuch König Albrechts II., s. Nr. 43.1.192., 133r–141v)

17r

Miniatur: Mondsichelmadonna, wobei sich das Jesuskind dem am Rand knienden Prinzen zuwendet

40r

leer

40v–62v

Tagzeiten zur Passion, Papst Urban VI. von dem heiligen geist … gesanndt, mit Ablaß (auch in einem Gebetbuch König Albrechts II., s. Nr. 43.1.192., 162r–174r) O herre Allmechtiger Got O heilige vnd vnteiliche edliste Triualtigkeit …, 43r Zu der Metten. O kunig der Glori herre der tugent Allmechtiger Siger herre ihu christ … (andere Übersetzung in Nr. 43.1.41., 172r–245v)

41r

Miniatur: Gebet am Ölberg. Adorierender Prinz am Rand

43r

Historisierte Initiale: Gefangennahme (Mette)

45r

Historisierte Initiale: Christus vor Pilatus (Prim)

47v

Historisierte Initiale: Kreuztragung (Terz)

50v

Miniatur: Kreuzannagelung (Sext)

53v

Historisierte Initiale: Kreuzigung (Non)

58v

Miniatur: Pietà (Vesper)

61r

Historisierte Initiale: Grablegung (Komplet)

62v–64r

Gebet vom Mitleiden Mariens Allerheiligste vnd selige Maria durch des mitleiden willen

64r–66r

Nachtrag: Seelengebet Gott vatter sunn vnd heiliger geist in ainem gottlichen wesen der [!] personn

66v

leer
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, 66 Blätter, moderne Foliierung, 135 × 100 mm (beschnitten). Lagenformel: 2 IV16, V26, VI+139 (+39), V49, IV57, IV+166 (+66). Bastarda, eine Hand, einspaltig, 20 Zeilen, Versalien rot und gelb ausgemalt, Rubriken, rote und blaue ein-, selten zweizeilige Lombarden. 1r, 64r–66r Nachträge von zwei Händen des 16. Jahrhunderts.

Schreibsprache:

österreichisch, Raum Wien (Schneider [1988]).

II. Bildausstattung:

Eine ganzseitige Miniatur (1v), eine zehn- (17r), sieben acht- (6r, 7v, 8v, 10r, 11r, 12v, 41r), zwei dreizeilige Miniaturen (50v, 58v). Fünf dreizeilige historisierte Initialen (43r, 45r, 47v, 53v, 61r). 76 ein- bis dreizeilige Buchmalerinitialen mit üppigen Akanthusausläufern, die zumeist von Knotenpunkten ausgehen und sich heftig bewegt (entweder um die eigene Achse drehend oder um schlanke Goldstäbe windend) über die Seitenränder erstrecken, angereichert mit Goldpunkten oder -tropfen, schwarzgrundigen Ornamentbändern (6r), schweren Phantasieblüten und naturalistischen Vögeln (41r, 43r). Eine Hand.

Format und Anordnung:

Ganzseitige Miniatur 100 × 65 mm; zehnzeilige 53 × 47 mm. Sieben kleinere, fast quadratische Miniaturen 40 × 35–40 mm, bis auf 11r linksbündig in den Schriftspiegel eingelassen. Die beiden dreizeiligen Miniaturen (15 × 15–25 mm) waren vom Schreiber als historisierte Initialen geplant, die Buchstabenkörper wurden jedoch vom Illuministen vergessen. Der Text, der bis auf eine größere Lücke fortlaufend geschrieben ist (39v–40v), erhält erst durch die Miniaturen und Initialen eine Struktur, die die einzelnen Gebetseinheiten hervorkehrt. Auf 61r blieb am Seitenrand eine Maleranweisung stehen (in das grab).

Bildaufbau und -ausführung:

In den kleinen Bildchen ist der Hintergrund in der Regel mit Blattgold ausgefüllt, nur auf der ganzseitigen Miniatur eröffnet sich dem Blick eine weite Landschaft mit bewaldeten Berghängen und Ortschaften, die sich nach oben hin ins Blaue auflöst. Die Miniaturen auf 7v, 8v, 10r, 11r, 17r sind vom Typus her eher statische Andachtsbilder, wobei einige durch den seitlich positionierten Adoranten szenisch erweitert werden. Die frontale Ausrichtung Gottvaters auf 12v wird durch die Bewegungsrichtung des Sohnes, der seitlich vom Schoße seines Vaters gleitet, aufgehoben. Die schleppende Bewegung des einsam an einem Mäuerchen vorbeiziehenden Christus auf 6r wird durch das den Rahmen unten links durchbrechende Kreuz verstärkt. In den historisierten Initialen wird der Betrachter näher an das Geschehen herangeführt, da in den kleinen Bildfeldern nur Dreiviertelfiguren Platz fanden. Innerhalb der Wiener Buchmalerei läßt sich diese Handschrift nicht ohne weiteres einordnen: Sie verfügt nicht über die Feinheit der Kontur und die Brillanz der Farben der Hofminiatorenwerkstatt, sondern weist eine poröse Oberfläche und derbere Linienführung auf.

Bildthemen:

Die Handschrift enthält einige Hinweise auf den Ersteigentümer, der sich als gekrönter, blondhaariger Jüngling zu Pferde mit Gefolge in der Eröffnungsminiatur (1v) und viermal als Adorant am Seitenrand abbilden ließ (7v, 8v, 17r, 41r). Das wohl prominenteste Beispiel für einen Reiterzug in einem Gebetbuch befand sich einst im Turin-Mailänder Stundenbuch (ehem. Turin, Biblioteca Nazionale, K.IV.29, 59v), wo ebenfalls ein Fürst – diesmal allerdings im übertragenen Sinn – Gott um ein gutes Geleit bat. Eigentümlich ist die Darstellung des endzeitlichen Gottes zum Abendgebet (10r), parallel dazu erscheint zum Morgengebet das Jüngste Gericht (11r); die beiden Schreckensvisionen werden jedoch durch die Entsendung des Erlösers im nachfolgenden Gebet gemildert (12v). Drei Mariengebete sind mit verschiedenen Madonnenbildnissen geschmückt (7v Marienidyll, 8v thronende Maria, 17r Mondsichelmadonna); die Tagzeiten wurden mit einem achtteiligen Passionszyklus illustriert (Gebet am Ölberg bis Grablegung).

Farben:

überwiegend helle Pastelltöne (wässrige Farben): Blau, Rosa, Grün, Ocker, Pinselgold, Weiß, lichtes Violett, Grau; aber auch durchdringendes Orangerot, etwas Gelb, Schwarz (für Ornamentgründe und Flächen). Poliertes Blattgold (sehr dick), zum Teil gepunzt (10r, 11r, 12v) oder geritzt (7v), goldenes und schwarzes Federwerk. 1v, 17r partiell verschmiert.

Literatur:

Schneider (1988) S. 125–128, Farbabb. 6 (7v). – Raff (1987) Nr. 18, S. 74, Farbabb. S. 75 (41r); Von der Augsburger Bibelhandschrift zu Bertolt Brecht (1991) Nr. 21, S. 110, Farbabb. S. 109 (7v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Taf. XIVa: 1v. Briefübergabe an einen berittenen Prinzen (Friedrich III. von Habsburg?) im Reiterzug.

Taf. XIVb: 6r. Textseite mit historisierter Initiale: Kreuztragender Christus, Bordüre.

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Taf. XIVa.
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Taf. XIVb.