59. Historienbibeln
Bearbeitet von Ulrike Bodemann
KdiH-Band 7
Bei der Eingrenzung der Stoffgruppe »Historienbibeln« kann sich der ›Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters‹ auf die grundlegenden Studien von Hans Vollmer berufen. Er definierte den seit dem 14. Jahrhundert auftretenden Texttyp ›Deutsche Historienbibeln‹ in einer auch heute noch als verbindlich empfundenen Form und versammelte in seinen ›Materialien‹ deutsche Prosatexte, »die in freier Bearbeitung den biblischen Erzählstoff möglichst vollständig, erweitert durch apokryphe und profangeschichtliche Zutaten und unter Ausschluss oder doch Zurückdrängung der erbaulichen Glosse darbieten« (
Hauptkriterium für
Für die meisten anderen deutschen Historienbibeln, zumal die bebilderten, war dagegen der reiche Strom deutscher Weltchroniken stärker Vorbild gebend. Mit ihnen, der ›Weltchronik‹ Rudolfs von Ems oder Chronikkompilationen bis hin zu Heinrich von München, die neben anderen universalhistorischen Quellen Inhalte der ›Historia scholastica‹ bereits seit dem 13. Jahrhundert in die Volkssprache vermittelt hatten, wird im späten 14. und im 15. Jahrhundert die lateinische ›Historia scholastica‹ selbst als Quelle in den Hintergrund gedrängt. Weltchroniken lagen, als die Historienbibeln aufkamen, in zahlreichen opulenten, oft reichhaltig bebilderten Handschriften vor, die in manchen Fällen wohl auch der Illustration von Historienbibelhandschriften als Vorbild gedient oder zumindest Anhaltspunkte geliefert haben. Im Besonderen dürfte dies für die österreichischen Handschriften der Historienbibel IIIb gelten (Untergruppe 59.8.). Gerade diese Handschriften sind in ihrem Anspruchsniveau besonders eng verwandt mit Weltchronikhandschriften; andererseits zeigen sich aber hier mit der – wenn auch nicht konsequent durchgeführten – Aufnahme von historisierten Initialen, die die biblischen Bücher mit Darstellungen der entsprechenden biblischen Gestalten einleiten, auch Anklänge an die Vulgata-Illustration, denn Prophetenbilder etwa fehlen in der Weltchronistik gänzlich.
Je nach Entstehungszeit, Verbreitungsregion und Adressatenschicht der jeweiligen Historienbibel-Redaktion entstehen daneben Bilderzyklen sehr unterschiedlichen Umfangs und Niveaus. Nur zum Teil bilden sich hierbei versionsspezifische Besonderheiten heraus. Sehr heterogen sind die Handschriften der frühen Nürnberger Historienbibel Ia bebildert (Untergruppe 59.1.). Dagegen ergeben die Handschriften der Elsässischen Historienbibeln IIa (59.4.) und Ib (59.2.) ein jeweils ausgesprochen homogenes Bild, was nicht allein darauf zurückzuführen ist, dass nahezu alle Handschriften im Werkstattzusammenhang Diebold Laubers, dessen Umfeld und dessen Nachfolge entstanden sind, sondern auch darauf, dass hier offenbar versucht wurde, textspezifische Signale zu setzen, und zwar besonders markant dort, wo es um die Verklammerung des neutestamentlichen mit dem alttestamentlichen Teil der Historienbibel geht: In den IIa-Handschriften ist dies zum Beispiel die Kreuzigungsdarstellung mit Ecclesia und Synagoge (
Mit Ausnahme der Einzelhandschriften (
Viel ausgeprägter als in der französischen und niederländischen Historienbibeltradierung ist in der deutschen das Bedürfnis, die Erzählung biblischer Geschichte nicht nur bis zur Zerstörung Jerusalems, sondern weit über das neutestamentliche Geschehen hinaus bis in die mittelalterliche Papst-Kaiser-Geschichte hinein fortzusetzen, bzw. sie im eschatologischen Sinne bis zur Endzeit zu verfolgen. Schilderungen über das Jüngste Gericht und den Antichrist enthalten die Historienbibeln Ia, Ib, IIc und die Einzelhandschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 522 (59.12.3., 59.13.3.). Sie rücken hiermit in die Nähe einer Sonderform deutschsprachiger Weltchronistik, der sogenannten ›Konstanzer Weltchronik bis 1370‹ nämlich, die mit einem beträchtlichen alttestamentlichen Anteil beginnt und an den realhistorischen Schluss mit dem Bericht über das Erdbeben von Basel 1356 und die jüngste Geschichte des Bistums Konstanz die Apokalypse, den ›Endkrist-Bildertext‹ und die ›Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht‹ anschließt (acht Handschriften, darunter die neuerdings in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrte Bilderhandschrift Berlin, Staaatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1714).
Auch die Entstehung einer nur auf den neutestamentlichen Geschichtsteil beschränkten ›Neuen Ee‹ (59.13.) beschreibt einen deutschen Sonderweg. Das Marienleben und das Leben Jesu werden um Berichte zum Leben des Herodes, des Judas, des Pilatus ergänzt; neben dem Bibelgeschehen liegt der Akzent deutlich auf der Verquickung von jüdischer und römischer Geschichte. Bilderzyklen reichen bis zur Zerstörung Jerusalems im Bar-Kochba-Aufstand und zum Neubau Jerusalems als römische Stadt. Nur diese Historienbibelversion wurde unverändert in den Druck übernommen und erreicht, meist gekoppelt an die Übersetzung der ›Historia trium regum‹ des Johannes von Hildesheim, mit acht bekannten Ausgaben eine bedeutende Breitenwirkung bis ins 16. Jahrhundert hinein.
Hinweise zur Benutzung:
1. Die Schreibweise biblischer Namen richtet sich zwecks besserer Recherchierbarkeit nach der ›Einheitsübersetzung‹ der Bibel und nicht nach dem Wortlaut der jeweiligen Historienbibelversion. Gleiches gilt für die Bezeichnung der biblischen Bücher, sofern die Vulgataeinteilung gemeint ist. Dies kann in Einzelfällen dazu führen, dass mehrere Namenformen nebeneinander stehen: z. B. ›Ijob‹ als biblischer Name neben dem ›Hiob‹ des Österreichischen Bibelübersetzers.
2. In den Handschriftenbeschreibungen wurde angesichts des Umfangs der meisten Bilderzyklen darauf verzichtet, sämtliche Blattangaben der Bildstellen aufzulisten.
3. Angesichts der vielfältigen Digitalisierungsprogramme der Bibliotheken wurde ebenfalls darauf verzichtet, auf Voll- oder Teildigitalisate der beschriebenen bebilderten Handschriften hinzuweisen, die zum Zeitpunkt der Bearbeitung im Netz zugänglich waren.
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