63. Jüngstes Gericht
Bearbeitet von Ulrike Bodemann
KdiH-Band 7
Das Ende der irdischen Welt mit dem Jüngsten Gericht wird als Gegenstand der Offenbarung des Johannes nicht nur in deren volkssprachlicher Überlieferung und Bearbeitung als selbstständiges Werk (siehe Stoffgruppe 6. Apokalypse) oder in diversen biblischen Zusammenhängen thematisiert. Auch in zahlreichen chronikalischen, heilsgeschichtlich-katechetischen, visionären oder anderen Zusammenhängen wird es (oft ausführlich) behandelt, gelegentlich auch ins Bild gesetzt (etwa in der ›Niedersächsischen Weltchronik‹ des Hermann Bote, Hannover, Landesbibliothek, Ms XI 669 [Nr. 26A.13.2.], 454r–v, in der ›Tafel van den kersten ghelove‹ Dircs van Delft, Kap. 60–64 [Untergruppe 67.5. mit Nr. 67.5.1. und 67.5.2.], u. a.). Als Bildzusatz ohne unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang finden sich Weltgerichtsdarstellungen in Handschriften häufig in Gebets- und Meditationskontexten (siehe Stoffgruppe 43. Gebetbücher).
Zu eigenständigen, in der Regel umfangreicheren Bildzyklen in der handschriftlichen Überlieferung literarischer Texte kommt es dort, wo das Jüngste Gericht szenisch dargeboten oder wo es narrativ vorbereitet wird durch die Schilderung von Prophezeiungen, Vorzeichen und insbesondere durch das Auftreten des Antichrist, der nach mittelalterlichem Glauben vor Christi Wiederkunft als Weltenrichter in Erscheinung treten und besiegt werden muss. Die Figur eines Antichrist ist in der Offenbarung des Johannes nicht angelegt, sie gewinnt erst bei den Kirchenvätern Kontur; um 950 wird die Figur durch Adso von Montier-en-Der mit einer ›Vita‹ versehen (›Epistola ad Gerbergam reginam de ortu et tempore Antichristi‹, auch als ›Libellus de ortu et tempore Antichristi‹ bezeichnet; vgl. insgesamt
Denn zentral wird hier neben der Antichrist-Vita vor allem der Stoff der Fünfzehn Zeichen thematisiert, der auch in verschiedenen anderen Volkssprachen verbreitet ist; er geht in der Regel auf lateinische Traditionen zurück, nur die sogenannte anglo-normannische Form ist ausschließlich volkssprachig überliefert (zusammenfassend
Die größte Gruppe der hier zu besprechenden Überlieferung in Handschrift und Druck bildet der im 15. Jahrhundert sich konstituierende ›Antichrist- (oder: Endkrist-)Bildertext‹ (Untergruppe 63.3.), der die Vorstellung des Weltgerichts mit der Antichrist-Vita und der Prophezeiung der Fünfzehn Zeichen verbindet. Davor und daneben existieren verschiedene singuläre Text-Bild-Ensembles, die keine Verbindungen zueinander aufweisen. Die älteste deutschsprachige Version ist eine Versdichtung zu einem Bilderzyklus über die Fünfzehn Zeichen, die unikal in einer lateinischen Sammelhandschrift aus Kastl überliefert ist (Pommersfelden, Gräflich von Schönborn’sche Bibliothek, Cod. 215, siehe Untergruppe 63.2.) und hier (ohne die Antichrist-Vita) auf eine ebenfalls ausschließlich lateinisch beschriftete Miniatur des Jüngsten Gerichts hinleitet; bei der Handschrift handelt es sich um eine der drei ältesten vollständigen bildlichen Darstellungen der Fünfzehn Zeichen überhaupt (neben jener im sogenannten ›Holkham Bible Picture Book‹, London[?] um 1330 [London, The British Library, Add. 47682], und den nur in wenigen Fragmenten erhaltenen Wandmalereien Andrea Orcagnas aus Santa Croce, Florenz von 1344/45, dazu
Dass in der handschriftlichen Spiele-Überlieferung des 15. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum einzig das Weltgerichtsspiel (Untergruppe 63.4.) eine Bildtradition hervorgebracht hat, mag an der häufigen Präsenz von figurenreichen Weltgerichtsdarstellungen in mittelalterlichen Kirchenräumen liegen, die bis ins späte Mittelalter vorrangig die Aufführungsorte der Spiele waren. Zumindest punktuell hat auch die Wirkmächtigkeit der Fünfzehn-Zeichen-Überlieferung die ansonsten sehr schwach ausgeprägte Bildaffinität von Spiele-Handschriften verstärkt: In die Berliner Handschrift Ms. germ. fol. 722 (Nr. 63.4.1.) werden – augenscheinlich nach spielefremder Vorlage – Einzelbilder zu den Fünfzehn Zeichen eingefügt, was ohne Inspiration durch Bilderzyklen wie die des ›Antichrist-Bildertextes‹ wohl kaum geschehen wäre.
Der Anteil bebilderter Handschriften an der Fülle der Schriftüberlieferung der ›Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht‹ in deutscher Sprache bleibt dennoch recht gering. Nur singulär werden unterschiedliche Prosafassungen illustriert, die nicht immer in eschatologisch ausgeweitete Textzusammenhänge eingebettet sind (Untergruppe 63.5.). Der Zyklus des Münchener Cgm 522 (Nr. 63.5.3.) ist darunter, sowohl seine Kontextualisierung als auch die Genese seiner Bebilderung betreffend, besonders markant: Cgm 522 enthält eine planvoll angelegte, bislang nicht erschlossene Prosa-Kompilation zu den Letzten Dingen als das dritt puech einer unikal überlieferten Historienbibel; anhand der Illustrationen lässt sich eine Verbindung herstellen zu Drucken einer erweiterten deutschen Redaktion des ›Speculum humanae salvationis‹, des ›Spiegel menschlicher behaltnis mit den episteln und evangelien‹, der ab 1476 in acht Druckauflagen erschien (vgl.
Die jüngsten handschriftlich überlieferten Bildzyklen zu den Fünfzehn Zeichen stammen ebenfalls aus deutschsprachigem Gebiet, illustrieren aber lateinische Texte: Zum einen nahm Albrecht Glockendon die Zeichen in das 1522–24 entstandene Erbauungsbuch Hans (VI.) Imhoffs auf (Nürnberg, Stadtbibliothek, Cent. V, App. 76, 492r–494r); als Rahmenillustrationen bilden sie ein im Grunde selbstständiges heilsgeschichtlich-katechetisches Bildprogramm, das auf die ganzseitige Schlussminiatur der Handschrift hinführt (494v: Christus als Weltenrichter). Als Vorlage diente Glockendon ein gedrucktes französisches Stundenbuch (
Für Mitwirkung an der Stoffgruppeneinleitung danke ich Daniela Wagner, Tübingen.