KdiH

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59.8.2. Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1108

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 7

Datierung:

1472.

Lokalisierung:

Wien oder Umgebung.

Besitzgeschichte:

Nicht identifizierter Besitzvermerk (Monogramm) von 1589 auf dem Vorsatzblatt: 1.5.ε 9 / E.T. / H.V.H.V.S.. Bis 1889 in der von Starhemberg’schen Bibliothek in Riedegg bzw. Efferding, Exlibris aus dem 17./18. Jahrhundert Blatt 1 oben, Wappenprägung auf dem Bucheinband; ältere Signaturen (I.37). 1889 von der Königlichen Bibliothek erworben (acc. 1889.36).

Inhalt: Historienbibel IIIb
1ra–232rb Alte Ee
1ra–1va Prolog
1va–232rb Genesis bis Makkabäer II
mit dem ›Hiob‹ des Österreichischen Bibelübersetzers und dem ›Prophetenauszug‹
232va–260va Neue Ee
232va Prolog I
232vb–233vb Prolog II
233vb–260va Leben Jesu und Papst-Kaiser-Chronik
I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, I + 260 + I Blätter (heutige Zählung, ein Blatt fehlt nach 62), 413 × 278 mm, zweispaltig, anfangs 69 Zeilen, später bis 40 Zeilen, Bastarda, eine Hand (laut Kolophon 260va vollendet am 5. September 1472), charakteristisch die oft rot verzierten Federranken und Blütenausläufer von Unterlängen an der unteren Zeile der Seite sowie die Kadellenzier von Majuskeln der oberen Zeile (was aber nach ca. 124r aufhört), rote Überschriften, Strichel, Caput-Zeichen, Unterstreichungen, rote und blaue Lombarden über zwei bis drei Zeilen, Kapitelinitialen über sieben bis acht Zeilen in Blau oder Rot mit Fleuronnée in der Gegenfarbe, Seitentitel nur bis 5r.

Schreibsprache:

bairisch-österreichisch.

II. Bildausstattung:

217 von 219 vorgesehenen Miniaturen, zwei historisierte Initialen, davon 195 Miniaturen und zwei Initialen zur Alten Ee, 22 Miniaturen zur Neuen Ee; dazu aufwändige vierseitige Deckfarbenranke mit Tierdrolerien 1r, kurze Ranke auch 148v. Wohl von mehr als einer Hand.

Format und Anordnung:

meist ungefähr quadratische, gelegentlich auch querrechteckige Bilder in der Breite der Textspalte, deren Format die Bilder nur selten überschreiten (z. B. 16vb erweitert in unteren Randsteg), in Kastenrahmen, ohne Beischrift, in möglichst unmittelbarer Nähe zur Bezugsstelle zwischen den Text platziert (Ausnahme 2v: Engelsturz, wo der Höllenschlund außerhalb des Bildrahmens an den unteren Blattrand gerückt ist). Ms. germ. fol. 1108 hat keine historisierten Initialen an den Buchanfängen, lediglich einfache Fleuronnée-Initialen; im Prophetenauszug jedoch Eingangsbilder mit Prophetendarstellungen!

Bildaufbau und -ausführung:

Bildaufteilung zielt auf Geschlossenheit und Ebenmäßigkeit. Charakteristisch der hochgeklappt wirkende Boden, der den Betrachter in eine Blickposition aus höherer Warte versetzt, nur selten ist darüber ein blauer Himmel mit weißen Wölkchen zu sehen, vielmehr herrscht eine altertümlich wirkende ornamentale Hintergrundgestaltung vor: Ranken-, Flächen- oder Blütenornamente in Pinselgold oder -farbe auf farbigem Grund, dazu Ton-in-Ton (durch Deckweiß- oder Gelbabtönung) profilierte Rahmen, gelegentlich zusätzlich ornamentiert (z. B. 44v–46r).

Modelliert wird durch Farbabtönungen und Deckweißübermalungen. Figuren gedrungen mit großen Köpfen, flachen Gesichtern, eher rundlichen, fast plumpen Körperformen, meist weich fallenden Gewändern; sie stehen steif oder in erzwungener Haltung, selbst im Sturz oder im Niedersinken werden Körper oft extrem gerundet (60rb, 68rb u. ö.). Meist nehmen die Figuren die volle Bildhöhe ein, überschreiten dabei sehr oft, aber immer nur minimal, den Rahmen, treten also gewissermaßen dem Betrachter entgegen. Oft stimmen weder Größenverhältnisse noch Körperproportionen, insgesamt jedoch sind die Miniaturen mit großer Sorgfalt ausgeführt. Eine etwas schwächere Hand ist vermutlich für die breiten, puppenhaften Gesichter verantwortlich (z. B. 79r).

Ältere Auffassungen stellten die Miniaturen in den Zusammenhang werkstattmäßiger Augsburg-Salzburger Buchmalerei (Wegener; Becker/Brandis) oder nahmen ihre Herstellung in Kremsmünster an (Holter). Inzwischen dürfte erwiesen sein, dass sie in Wien oder Umgebung entstanden sind, denn einen Schreiber der in Wien hergestellten New Yorker Handschrift der ›Concordantiae caritatis‹ (Pierpont Morgan Library, M. 2045) kann Roland in der Berliner Handschrift nachweisen (Roland/Opll [2006] S. 48). Dafür spricht auch die besondere Nähe zu Wien, Cod. 2766 (Nr. 59.8.6.), deren außerordentlichem Ausstattungsaufwand die Berliner Handschrift sich nähert (Großfolioformat, Deckfarbenmalerei, Ranken u. a.), vgl. insbesondere die Eingangsseite 1r mit der prachtvollen, von Engeln gehaltenen Dreifaltigkeitsinitiale und dem kunstvoll ineinander verschlungenen Akanthusrankenwerk, in das Goldpollen, Einzelblüten, Tierdrolerien eingebettet sind.

Bildthemen:

(Bildthemenliste siehe Wegener [1928]): Die Bildauswahl der Berliner Handschrift hat größte Parallelen zu der des Wiener Cod. 2766 (Nr.59.8.6.); neben sehr vereinzelten Plus- oder Minusbildern hat Berlin vor allem dort andere Bildthemen, wo eine Miniatur zwischen zwei Episoden platziert ist (z. B. zeigt Berlin 68vb die Eroberung von Ai, an gleicher Position hat Wien 79vb die Darstellung, wie der gehängte König von Ai vor die Stadt geworfen und mit Steinen überschüttet wird; ähnlich Berlin 246ra Josefus und seine Bücher, an gleicher Position hat Wien 245rb die Darstellung, wie die Juden, die Jerusalem wieder aufbauen wollen, vom Feuer verschlungen werden). Für die besondere Nähe zwischen beiden Handschriften spricht auch die gleich gehandhabte Entscheidung zwischen Initialen und Eingangsbildern: Mit Ausnahme der Dreifaltigkeitsinitiale, die Berlin an den Anfang der Alten Ee setzt (1ra), Wien an den Anfang der Neuen Ee (231vb), beginnen beide die einzelnen biblischen Bücher nicht mit historisierten Initialen; erst zum Buch Jeremia haben beide eine historisierte Initiale (Berlin: 206vb, Wien: 207rb; Jeremia mit Schriftband), im Folgenden haben beide weiterhin keine historisierten Initialen, jedoch stattdessen neben der Ornamentinitiale jeweils ein Eingangsbild.

Auffallend einige einzelgängerische Motivvarianten: 147va Rafael offenbart sich Tobit: Tobit und seine Frau auf Knien vor einem leeren Tisch; 161va Nebukadnezzar im Wahnsinn: dargestellt als kriechender Mensch mit Tierkopf.

Farben:

vielfältige, jedoch nicht kontrastreich bunte, eher gedeckte Palette mit sorgfältigen Abtönungen und Höhungen: auf leuchtendes Karmin wird weitgehend verzichtet, auch Blau ist seltener klar-leuchtendes Lapislazuli (51v Hintergrund), häufiger dagegen abgetönt. Mit Blatt- und Pinselgold, Silber.

Literatur:

Degering 1 (1925) S. 154. – Vollmer (1908) S. 50 f.; Vollmer (1912) S. 148– 150, Nr. 59; Wegener (1928) S. 107–109, Abb. 84 (10rb oben). 85 (80va oben). 86 (80vb). 87 (236va); Gotik in Österreich (1967) S. 170 f.; Holter (1972) S. 247; Kurt Holter: Beiträge zur Geschichte der Buchkunst im Stift Kremsmünster. Cremifanum 777–1977. Festschrift zur 1200-Jahr-Feier des Stiftes Kremsmünster. Linz 1977 (Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs 12), S. 151–188, hier S. 178 f. 183; Becker/Brandis (1988) S. 180 f., Nr. 84 mit Abb. (33r); Kornrumpf (1991) S. 360 u. ö.; von Bloh (1993) S. 308 f. u. ö., Abb. 10 (1r). 11 (2r). 12 (2v). 13 (3v). 14 (4r). 15 (4v). 16 (5r); Ferdinand Opll und Martin Roland: Wien und Wiener Neustadt im 15. Jahrhundert. Unbekannte Stadtansichten um 1460 in der New Yorker Handschrift der Concordantiae caritatis des Ulrich von Lilienfeld. Wien 2006 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 45 / Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs. Reihe C, Sonderpublikationen 1), S. 48.

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 34: 161v. Nebukadnezzar im Wahnsinn kriecht umher / Nebukadnezzars Leichnam wird zerstückelt.

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Abb. 34.