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80. Losbücher

Bearbeitet von Franziska Stephan

KdiH-Band 8

Der Großteil der deutschen Losbuchhandschriften stammt aus dem späten 14. bis 15. Jahrhundert. Der Terminus ›Losbuch‹ ist erstmals in einer Übersetzung von Catos Distichen aus dem späten 13. Jahrhundert belegt. Die Verse Quid Deus intendat, noli perquirere sorte (Cato II, 12) werden hier mit Du solt mit lôzbuochen Gotes willen niht versuochen übertragen (Zarncke [1852] S. 40, V. 237–238). Bei Losbüchern handelt es sich um eine buchbasierte Methode der privaten Zukunftsvorhersage. Sie bestehen aus einer Sammlung prosaischer oder metrischer Orakelsprüche, die Antwort auf eine Frage zu fundamentalen Themen geben (Leben, Tod, Gesundheit, Krankheit, Arbeit, Liebe etc.) und durch verschiedene Losverfahren ermittelt werden können. Dabei gibt es sowohl Losbücher mit Fragen wie auch freiere Spruchsammlungen ohne fixierten Themenkanon. Ein grundlegender Bestandteil bei der Losermittlung ist der durch ein Losmittel generierte Zufall, der an unterschiedlichen Stellen innerhalb der oftmals mehrstufigen Verweisstruktur der Texte eingeschaltet sein kann. Zu den verbreitetsten Losmitteln gehören Würfel und Losräder, die meist vorangestellt sind und beispielsweise in die Innenseite des vorderen Buchdeckels eingelassen sein können. Diese wurden bei geschlossenem Deckel über einen nach innen führenden Zahnradmechanismus bewegt und das Losergebnis so erst mit dem Aufschlagen des Buches ersichtlich. Solche Losräder sind in vier Handschriften erhalten (Nr. 80.2.1., Nr. 80.3.2., Nr. 80.5.1., Nr. 80.5.3.). Bei diesen handelt es sich durchweg um Losbücher mit Fragen, zu denen wohl ein solches Losrad gehörte, das die entsprechenden Handschriften durch ihre Einbände damit bereits von außen als solche kennzeichnete (Heiles [2018] S. 252). Daneben werden für die zufällige Losermittlung auch stichomantische Verfahren angewendet, bei denen über ein bestimmtes Rechenverfahren spezifische Punktfiguren erstellt werden oder mit einem Stab oder der Hand direkt in das Buch gestochen wird. Durch das jeweilige Losinstrument wird der Benutzer also entweder direkt auf einen Losspruch verwiesen oder über mehrere Etappen sprunghaft durch den stufenweise systematisierten Text zu einer Antwort geleitet. Der so abgesteckte ›Schicksalsweg‹ durch das Buch wird von verschiedenen Referenzmächten begleitet bzw. gewiesen, die das mittelalterliche Schicksalsgefüge aus göttlichem Heilsplan, Astraldeterminismus und menschlicher Freiheit abbilden und dem Antwortsuchenden als Verkünder seines Loses schriftlich sowie in Form von Illustrationen visuell vergegenwärtigt sein können. Zu diesen Referenzmächten zählen astrologische Symbole wie der Zodiakus, die Planeten und Mondstände, Gottvater, Engel und Heilige sowie weltliche Autoritäten wie antike Philosophen und Gelehrte, alttestamentliche Propheten, Könige und Kirchenväter. Dabei wurzeln Losbücher in antiken Orakelformen, die sich ähnlicher Losverfahren zur Schicksalsermittlung bedienten. Hierzu zählen Orakelbretter, die in Heiligtümern oder auf öffentlichen Plätzen aufgestellt waren, sowie buchbasierte Orakel wie die ›Sortes Astrampsychi‹, die ›Sortes Sangallenses‹, die ›Sortes Homericae‹ und ›Sortes Vergilianae‹ sowie die christlichen Varianten der ›Sortes Apostolorum‹ und ›Sortes Biblicae‹, die meist keiner Vermittlung durch einen Priester oder anderer Experten mehr bedurften. Weiterhin gehören auch Praktiken aus dem arabischen Raum wie die stichomantische Konsultation des Korans, die Kunst der Geomantie und hebräische Losbücher zu den Vorläufern der deutschen Losbücher des Spätmittelalters.

Die Textgeschichte der deutschen Losbücher wurde erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts von Sotzmann untersucht, der eine systematische Bibliografie deutscher Losbuchhandschriften und ab 1539 publizierter Drucke vorlegte (Sotzmann [1850.1851]). Aufbauend auf dieser Zusammenstellung behandelte Anfang des 20. Jahrhunderts Bolte das Thema (Bolte [1903]; Bolte [1925]). Neben den deutschen Losbüchern behandelte dieser ebenso griechische, indische, arabische, hebräische, italienische, französische, spanische, türkische und polnische Losorakel von der Antike bis ins 18. Jahrhundert. Zudem schloss er erstmals die Gattung der Punktierbücher in seine Betrachtungen ein. Seine Losbuch-Bibliografie schloss einige Lücken von Sotzmann und gilt bis heute als grundlegend für die Beschäftigung mit Losbüchern. Andere Bibliografien zum Thema behandeln die deutschen Losbücher nur am Rand oder beschränken sich auf die gedruckte Losbuchliteratur (Hayn [1890]; Rosenfeld [1961]; Palmer/Speckenbach [1990] S. 169–183; Zollinger [1996]). Die jüngste Publikation zur Textgeschichte deutscher Losbücher stammt von Heiles, der eine fast vollständige Liste der erhaltenen Handschriften und ihren Übergang in die Drucktradition dokumentiert (Heiles [2018]).

Heute sind 51 Losbuchhandschriften und 19 Drucke bekannt, von denen 19 Handschriften illustriert sind und mit den fünf bis 1530 publizierten Drucken in dieser Stoffgruppe beschrieben werden.

Bei den illustrierten Losbuchhandschriften und -drucken stehen Text und Bild in einem engen inhaltlichen und systematischen Verhältnis. Jeder Spruch bzw. jede Verweisetappe ist einem anderen Kanon von Referenzmächten zugewiesen. Format und Anordnung der Illustrationen variieren von Etappe zu Etappe und tragen damit der stufenweise organisierten Textsystematik optisch Rechnung. Die Etappen können einzeln als Bild-Text-Schemata gestaltet sein oder als Doppelseiten zusammenhängen. Innerhalb eines Textes werden durch die Verweise auch seitenübergreifende visuelle Zusammenhänge gebildet. Auch die Textgestaltung ist eng auf die Etappen-Systematik der Losbücher mit oft nur kurzen Verweisen und Reimstrophen abgestimmt. Dabei erfüllt die figurativ-diagrammatische Struktur des Abbildungsapparats neben einer rein deiktischen Qualität auch eine didaktische Funktion. Die spezifische Text-Bild-Struktur der Losbücher motiviert den an lineare Texte gewöhnten Benutzer zu einer dechiffrierenden und retardierten Form des Lesens, die gleichsam zur meditativen Verinnerlichung des Schicksalsweges anleitet. Die Auswahl der Bild-Text-Kombinationen hat damit eine ordnende und strukturgebende Funktion einerseits sowie einen belehrenden Gehalt andererseits. Sie helfen beim Auffinden der richtigen Verweise und Lossprüche, unterstützen das Memorieren der Weisungen und verknüpfen diese mit ausgewählten Autoritäten. Dabei bilden die Referenzmächte innerhalb einer Textüberlieferung einen relativ feststehenden Kanon mit einheitlichen Bilderfolgen, von denen nur vereinzelt abgewichen wird. Durch die komparatistische Analyse der einzelnen Textdenkmäler eines Losbuchs lassen sich so Traditionen und Abweichungen der Ausstattung feststellen und fragmentarische oder nicht ausgeführte Bildprogramme sowie unklare Losmechanismen rekonstruieren (z. B. Losbuch mit 22 Fragen: Nr. 80.7.1., 80.7.2.; Losbuch der Beginen und Begarden: Nr. 80.10.1.).

Losbücher haben nicht immer eine figürlich-bildhafte Textillustration hervorgebracht. Neben Schemata und Diagrammen, die den vermeintlich wissenschaftlichen Anspruch der Texte unterstreichen sollten, begleiten den Text oftmals nur einfache Würfelzeichen oder Punktfiguren, die zur Auffindung des richtigen Losspruchs dienen. Solche Losbücher, die abgesehen von diesen systematischen Angaben keine Illustrationen aufweisen, wurden nicht in den Katalog aufgenommen. Hierzu zählen vor allem einige Würfelbücher (siehe Nr. 80.9.) sowie verschiedene Versionen der ›Sandkunst der 16 Richter‹ (Textzeugen siehe Heiles [2018] Nr. 14–20). Die Verweisstruktur dieses Losbuchs ist durchgängig in Tabellen, Listen und Punktfiguren organisiert. Dabei entsprechen die verwendeten Punktfiguren den sechzehn aus der Geomantie bekannten Punktsymbolen. Diese sollten unter astralem Einfluss durch das Werfen von vier Punktreihen in den Sand oder auf Papier sowie unter Einbezug eines spezifischen Rechenverfahrens erstellt werden und sind jeweils mit einer eigenen symbolischen Bedeutung besetzt (siehe Stoffgruppe 103a. Prognostiken). Die durch die Punktfiguren suggerierte Verwandtschaft der beiden Prognosetechniken sollte wohl einen äquivalenten wissenschaftlichen Anspruch auf die Zukunftsvorhersage mittels des Losbuchs übertragen, wie auch durch die Aufforderung zum Gebet in den Prologen einiger Textzeugen nahegelegt wird. Bei der ›Sandkunst der 16 Richter‹ handelt es sich damit um eine zum reinen Spiel degenerierte Praxis der Zukunftsbefragung, in der die Punktfiguren nur den Zufallsmechanismus für das Auffinden des richtigen Losspruches stellen. Deutlich wird dies auch durch die Möglichkeit, diese mittels Würfeln zu erstellen, wie in einigen Prologen der ›Sandkunst der 16 Richter‹ deklariert wird. Des Weiteren wurden auch solche Losbücher nicht in den Katalog aufgenommen, die aufgrund ihres fragmentarischen Erhaltungszustandes nicht nachweislich illustriert gewesen sind (Textzeugen siehe Heiles [2018] Nr. 1, 2, 13, 24, 50). Auch ein Großteil der bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts erschienenen Drucke ist nicht illustriert, stark fragmentarisch, oder es handelt sich um zwischen 1530 und 1550 entstandene Neuschöpfungen (eine ausführliche Bibliografie europäischer Losbuchdrucke findet sich bei Zollinger [1996]).

Die älteste illustrierte, vollständig erhaltene deutsche Losbuchhandschrift mit dem Losbuch in deutschen Reimpaaren stammt aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und konserviert Teile des ehemaligen Losmechanismus im Einband (Wien, Cod. Ser. n. 2652, Nr. 80.2.1.). Aus derselben Zeitspanne stammen auch das Losbuch ›Salomonis Los‹ in der neu gebundenen Handschrift Cod. 504/a der Admonter Stiftsbibliothek (Nr. 80.1.1.) sowie drei ältere Losbuch-Fragmente, die jedoch keine Illustrationen überliefern (Niederdeutsches Losbuch aus dem 14. Jahrhundert: Berlin, Ms. germ. quart. 1531 [Fragment]; ›Prenostica Socratis Basilei‹, deutsch: Augsburg, Cod. II.1.2° 123 [Fragment als Falze]; Lunares Losbuch: München, Universitätsbibliothek, Fragm. 130 [verbrannt]). Der oftmals reiche Illustrationsapparat der Losbücher zeugt von ihrem hohen Anspruch und meist höfischen Entstehungskontext und Rezipientenkreis. So entstand beispielsweise einer der zehn Losbuchtexte aus der Sammelhandschrift des Konrad Bollstatter in der Kanzlei des Grafen Ulrich von Öttingen auf Schloss Baldern, der damit auch als Auftraggeber des Textes in Frage kommt (Nr. 80.11.1., Text 2). Auch die Ausstattung anderer Losbücher legt ein primär höfisches Umfeld von Auftraggeber und Benutzer der Handschriften nahe. So kann Nr. 80.2.1. durch ein eingeklebtes Urkundenfragment vermutlich mit der gräflichen Kanzlei am Hof des Limburger Bischofs sowie durch einen Schreibervermerk mit einem adeligen Besitzer aus dem 15. Jahrhundert in Verbindung gebracht werden. Weiterhin kommt als Besitzer für die Sammelhandschrift Berlin, Ms. germ. fol. 244 mit einem Losbuch mit 21 Fragen der Erzbischof und Kurfürst von Mainz oder das Mainzer Stadtpatriziat in Frage (Nr. 80.6.1.). Besitzverhältnisse wie die des sogenannten Ortenburger Losbuchs (Nr. 80.4.1.), aus dem Nachlass eines in Regensburg tätigen Berufsastrologen, deuten hingegen auf die ernsthafte Konsultation von Losbüchern zur Zukunftsbefragung zu Beginn des 15. Jahrhunderts hin.

Bereits Bolte versuchte eine Klassifizierung der Losbücher nach ihrem Zweck. Ausgehend von der zehn Losbücher umfassenden Sammlung Konrad Bollstatters aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Nr. 80.11.1.) unterschied er drei Klassen von Losbüchern: Solche mit dem ernsten Anspruch, dem Fragenden die Zukunft zu enthüllen, solche, die ein scherzhaftes Spiel aus der Befragung machten und solche, die scherzhaftes Spiel und einen moralisierenden Zweck kombinierten (Bolte [1903] S. 310f.). Diese Einteilung ist von der jüngeren Losbuchforschung als zu starr kritisiert worden, da ein Losbuch gleichzeitig ernsten Glauben ausdrücken wie spottende bis zotige Prognosen abgeben und damit Merkmale mehrerer Klassen vereinen kann (Abraham [1973] S. 17; Rosenstock [2010] S. 55). In manchen Texten wird die Losbefragung zudem durch die Auflage von verschiedenen ritualhaften Handlungen begleitet und dieser damit offensichtlich ein gewisser Ernst beigemessen, darunter etwa die Einschränkung der Befragung auf bestimmte Wochentage oder Stunden sowie das Sprechen eines Gebets vor der Losermittlung. Beispielsweise weist der Prolog eines in Augsburg erhaltenen Würfelbuchs (Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 2° Cod 25, Nr. 80.9.1.), dessen Sprüche christlichen Autoritäten in den Mund gelegt sind, in seinem Prolog mit der Aussage Das haist ain los puech [...] Es ist nicht vill gelogenns darann (77r) auf den spielerischen Sinn der Sprüche hin, verweist in seinem Epilog jedoch gleichzeitig auf den Ernst der Zukunftsbefragung mittels des Textes: Wann du werffen wilt dar in, tu es in aim gottleichen sinn (81r). Losbücher dienten vor allem auch als Rekreationsspiel und zur gesellschaftlichen Unterhaltung. Der Verweis auf den Unernst der Losbefragung fungierte gleichzeitig als Schutz und Legitimationsgrund der kirchlichen Kritik, die den Versuch der menschlichen Einsichtnahme in den göttlichen Heilsplan im Sinne des durch Augustinus geprägten Begriffs der ›vana curiositas‹ sowie mantische Praktiken im Allgemeinen als dämonisch motivierte Magie diskreditierte. Die zahlreichen kirchlichen Verbote und zeitgenössischen Polemiken gegen Losbücher dokumentieren gleichzeitig deren weite Verbreitung in allen Gesellschaftsschichten. Exemplarisch ist hier das 1456 verfasste ›Buch aller verbotenen Kunst‹ des Münchner Arztes Johannes Hartlieb zu nennen, der hierin in enzyklopädischer Weise die sieben verbotenen Künste Nigromantie, Geomantie, Hydromantie, Aeromantie, Pyromantie, Chiromantie, Spatulamantie behandelt. Die weite Verbreitung der Losbücher wird im zweiten Kapitel zur Geomantie deutlich, in dem Hartlieb diese als ain gemain buch anspricht und als ungelaub und vast wider got verdammt (Ulm [1913] S. 51). Mit dem aufkommenden Buchdruck variieren Losbücher weiterhin stark im Hinblick auf Ausstattung, Konzeption und Glaubwürdigkeitsanspruch der ›magischen‹ Zukunftsermittlung. Nur ein Bruchteil der Texte aus der illustrierten Handschriftentradition werden in den Druck übernommen. Jedoch erschienen vor allem um die Mitte des 16. Jahrhunderts einige neue Losbücher auf dem Markt, bei denen es sich um Neuschöpfungen oder um Texte handelt, deren handschriftliche Vorlagen heute nicht mehr erhalten sind.

Die Textüberlieferung der deutschsprachigen Losbuchliteratur ist nur selten an Autorpersönlichkeiten gebunden oder mit Werktiteln versehen. Daher orientiert sich die Gliederung der Stoffgruppe an strukturellen Merkmalen der Texte, wie dem Vorhandensein eines fixierten Fragenkatalogs (Nr. 80.1.80.8.) oder dessen Fehlen (Nr. 80.9.80.10.). Die Sammelhandschrift Konrad Bollstatters mit zehn Losbüchern vereint verschiedene Texte beider Losbuchtypen (Nr. 80.11.), während ein in München erhaltenes Fragment aufgrund seines Erhaltungszustandes keiner Textfamilie oder einem bestimmten Losbuchtyp zuzuordnen ist (Nr. 80.12.).