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63.3.2. Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1714

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 7

Datierung:

Um 1450.

Lokalisierung:

Bayern/Niederösterreich.

Besitzgeschichte:

Besitzeintrag auf ehemals losem, nun im Vorderdeckel aufgeklebtem Blatt: H: D+: M: G: H: Wolff Christoff Veldendorff Geherd diss Puch. hat mier Her Hans Pfarher zu Friderspach vererdt im 1613. Jar (Ir erneut von jüngerer Hand). Eine weitere verschollene Handschrift aus dem Besitz von Wolfgang Christoph Freiherr von Velderndorf zum Neidenstein [Neutenstein]/Niederösterreich ist im Handschriftencensus unter Privatbesitz [...] Velderndorf (Nr. 75508) verzeichnet. – Bleistifteintrag im Hinterdeckel: 389.2. Wegen eines Bleistifteintrags 11318 im Vorderdeckel wurde die Herkunft aus der Bibliothek der Grafen Wilczek in Kreuzenstein bei Korneuburg/Niederösterreich vermutet (von Schipke [2007, S. 92] hingegen angezweifelt, da weitere Zuordnungsindizien fehlen). 1953 erstmals auf dem Antiquariatsmarkt (Nicolas Rauch. Catalogue N.S. 5: Manuscrits enluminés. Incunables [...]. Vente aux enchères à Genève [...] mardi 24 et mercredi 25 novembre 1953. Genf 1953, S. 5f. Nr. 3), danach im Besitz des Sammlerehepaars William Stuart Spaulding Jr. und Angèle Maggi-Spaulding, deren Kollektion in mehreren Auktionen 2005 versteigert wurde (Western Manuscripts and Miniatures. Sothebyʼs Auction, London 6.12.2005. London 2005, Nr. 35). 2007 aus dem Antiquariat Dr. Jörn Günther, Hamburg, von der Berliner Staatsbibliothek angekauft (1v: acc.ms. 2007/7).

Inhalt:
1. 1r–37v ›Konstanzer Weltchronik‹, unvollständig
2. 38r–54v ›Antichrist-Bildertext‹, unvollständig
38r–50v Vom Antichrist, es fehlen insgesamt fünf Blätter
51r–54v Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht, Schluss fehlt (zwei Blätter)
3. 55r–67r, 69v–79v, 89r–v, 81r–88r, 94r–99v Johannes von Gmunden, Kalender, mit Voll- und Neumondtafeln für die Zyklen 1439, 1458, 1477, 1496, unvollständig Mit Berechnungstafeln, z. T. quer geschrieben, einem Kreisdiagramm (64v), Kalender, Monats- und Aderlassregeln
Darin eingeschoben:
67v–68v ›Arbor consanguinitatis‹, deutsch, graphische Darstellung mit Begleittext, quer geschrieben
67v–68v, 88r–v, 80r–v, 90r–91r Auslegung des Messverlaufs
91v–93v Komplexionenlehre, Inc. Sangwinea. Der mensch der der selben Complexion ist der ist milt ...
4. 100r–111r Fürstenspiegel Wye ein werltleich fürst (›Der Tugend Regel‹)
5. 111r–118v ›Buch von den vier Angeltugenden‹
6. 119r–132r ›Interrogatio Sancti Anselmi de Passione Domini‹, deutsch, unvollständig
7. 133v Zahlentabelle 1-100
I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, noch I + 133 + I Blätter (Wasserzeichen siehe Schipke; alte Zählung bis 119 [= CLI], zahlreiche Blattverluste: je ein Blatt fehlt nach 2, 7, 10, 12, 14, 16, 19, 20, 22, 43, 64, 65, 80, 90, 130, je zwei Blätter fehlen nach 5, 59, 68, 118, 132?, je drei nach 37, 44, 54; miteinander vertauscht sind die Blätter 80 [CXVII] und 89 [CVII], 69r leer mit nachträglichem Benutzergekritzel, 70v, 133r leer), 267 × 182 mm; einspaltig, 25 Zeilen, ein Schreiber, Bastarda, 1r Fleuronné-Initiale über sechs Zeilen (Blau mit Rot) mit Fratze, davon ausgehend schlichte zweiseitige Rankenbordüre in Rot und Blau; ähnliche Zierinitialen, doch nur über drei Zeilen und ohne Randleisten ehemals zu Beginn weiterer Texte der Sammlung, erhalten ist 38r und 119r (teilweise); deutlich schlichter 100r, ohne Zierrat 111r; rote Lombarden über zwei Zeilen, in Text 5 über drei Zeilen, rote Überschriften, Strichel, Unterstreichungen.

Schreibsprache:

bairisch-österreichisch.

II. Bildausstattung:

Erhalten sind zahlreiche kolorierte Federzeichnungen zu Text 1 (etliche Ausfälle wegen Blattverlusts, zudem freigebliebene Leerräume ab 33v) sowie 51 kolorierte Federzeichnungen zu Text 2; in Text 3 waren 67r zwei Freiräume evtl. für einzufügende Schemazeichnungen vorgesehen.

Format und Anordnung:

In Text 2 in der Regel zwei Bilder pro Seite, manchmal (nach umfangreicheren Textpassagen) auch nur eines, als ungerahmte Streifenbilder zwischen dem Text, dem Bezugstext zunächst stets nachfolgend. Mehrere Fehler führen aber zu Abweichungen: 40v oben war vom Schreiber mit einem Freiraum begonnen worden, da er offenbar den Platz auf 40r unten für zu knapp für ein hier einzufügendes Bild hielt; der Zeichner nutzte diesen Platz aber doch und setzte das nächstfolgende Bild in den Freiraum 40v oben, der nun jedoch dem Bezugstext vorausgeht; durch Überspringen des folgenden Freiraums 40v unten wurde der Fehler wieder ausgeglichen. Vom Schreiber waren im Folgenden nur zwei Folterszenen vorgesehen, der Zeichner fügte jedoch (evtl. nach einer abweichenden Bildvorlage) ein drittes Bild ein, und zwar falsch zum Text vom Verbergen der Christen im Gebirge (45v), wodurch die Text-Bild-Zuordnung erneut gestört wird. Ab 45v sind die Bilder deshalb stets um eine Szene nach hinten versetzt, somit zu spät in den Text eingefügt; dies wird 47r zunächst dadurch bereinigt, dass zur Episode vom hungrigen Rückkehrer, dem die Antichrist-Anhänger das Brot verweigern, einfach das Bild übersprungen wird (stattdessen ist hier die Freude der Antichrist-Anhänger über den Tod von Elias und Henoch zu sehen). 47v passierte allerdings der nächste Fehler, zwei Szenen wurden in einen Freiraum gepresst, fortan geht das Bild immer dem Text voraus, deshalb blieb der überflüssig gewordene Freiraum 50r ungenutzt (zwischen dem Text, wie bei den meisten anderen Textzeugen des ›Bildertextes‹ in unmittelbarer Nähe zum lateinischen Zitat Erit vnus pastor et vnum ouile). – Bei den Fünfzehn Zeichen geht das Bild jeweils dem Text voraus, allerdings erschwert die Textanlage den intendierten Text-Bild-Zusammenhalt des jeweiligen Ensembles erheblich, indem der Text zum jeweils auf der unteren Seitenhälfte platzierten Bild erst auf der nächsten Seite folgt. Ein neuer Fehler bringt 54r die Text-Bild-Zuordnung wieder durcheinander: In den einzigen Freiraum auf der Seite wurden zwei Bildstreifen für gleich zwei anschließend folgende Zeichenbeschreibungen platziert, damit ist das Bild des 12. Zeichens dem Text des 11. Zeichens vorgeordnet und so weiter.

Bildaufbau und -ausführung:

Ungerahmte Streifenbilder, erkennbar nach der Textanfertigung eingefügt (v. a. die Lavierung überschneidet den angrenzenden Text gelegentlich). In der Antichrist-Vita Figuren freistehend oder auf einem zeichnerisch nur knapp angedeuteten, aber durch Lavierung in Braun oder Olivgrün gekennzeichneten schmalen Bodenstück, kein Hintergrund, oft mit einem Gebäudekomplex auf gleicher Ebene, der nur durch seine proportional geringere Größe als Hintergrund markiert ist. Räumlichkeit wird durch Schrägstellung angedeutet, Schatten durch flüchtige Schraffen. Nicht ungeschickt modellierend und den weißen Papiergrund einbeziehend in sehr wässrigen Farben laviert.

Obwohl recht kleinteilig und detailliert, ist die Linienführung unruhig und flüchtig, manchmal fast skizzenhaft; manche Bildpartien, vor allem die Gesichter, wirken eher wie Vorzeichnungen. Dabei sind einerseits durchaus ausdrucksstarke Gestik und Mimik sowie bewegte Körperhaltungen (z. B. 41r bis 43v) angelegt, andererseits werden Figuren oft unstimmig und versatzstückhaft in die Szene hineinmontiert (51v unten der Mann über dem Wasser, 53r unten das quer im Bild »schwebende« Menschenpaar), manchmal ist die Komposition gänzlich widersprüchlich (39r), manchmal wird die Linienführung korrigiert (42r oben, 44v).

Renate Schipke (in: Erwerbungen 1997 bis 2015) bemerkt mit Recht den disparaten Charakter der Bildausstattung insgesamt, die vermutlich nicht mit der Textabschrift koordiniert entstanden ist, sondern – eventuell abgesehen von den ersten Bildern zu Text 1 – in einem gänzlich davon unabhängigen Arbeitsschritt nachgetragen worden zu sein scheint (hierfür sprechen auch die oben genannten Zuordnungsfehler).

Bildthemen:

Siehe Bildthementabelle Einleitung der Untergruppe 63.3. Der disparate Charakter der Bildausstattung setzt sich in der Ausgestaltung der Bildthemen fort, bei denen mehrfach kein Textbezug zu erkennen ist, wohl aber Bezüge zu verwandten Bildprogrammen aus dem Überlieferungskontext der ›Konstanzer Weltchronik‹. Zur Geburt des Antichrist etwa wird eine ausgemergelt im Bett liegende Frau dargestellt, nichts weist auf eine Entbindung hin (39v); zur Szene der Erweckung der Propheten Elias und Henoch von den Toten wird das Motiv eines Kanzelpredigers beigefügt (47r, vgl. auch Klosterneuburg [Nr. 63.3.4.], 157r), zum 1. Zeichen wird eine Frau als Betrachterin in die Szenerie eingeführt (51v, vgl. aber erneut Klosterneuburg, 160v, wo die betrachtende Figur ebenfalls eine Frau sein könnte), zum 2. Zeichen ein Mann, der in den schmalen Wasserlauf zwischen zwei Bergen zu springen scheint (ebd., vgl. Klosterneuburg, 160v und München, Cgm 426 [Nr. 63.3.5.], 80v, wo ein männlicher Betrachter in den trocknenden Wasserlauf blickt). Zum 9. Zeichen (53v) zeigt die Handschrift eine mit ausgebreiteten Armen stehende Frau (vgl. erneut Klosterneuburg, 161v). Die Berliner Handschrift hat jedoch nicht die für ›Weltchronik‹-Handschriften Klosterneuburg, Cod. 1253 (Nr. 63.3.4.) und München, Cgm 426 (Nr. 63.3.5.) sowie für Berlin, Ms. germ. fol. 773 (Nr. 63.3.1.) charakteristische Darstellung der Libyer und des Gefolges von Gog und Magog als wundersame Völker.

Farben:

Braun- und Ockertöne, Grün, sehr blasses Blau, gelegentlich Rot.

Literatur:

Fifty Manuscripts & Miniatures. Catalogue 8, Dr. Jörn Günther, Antiquariat Hamburg. Hamburg 2006, S. 64–67, Nr. 18 mit Abb.; Renate Schipke: Weltende und Antichrist. Berliner Staatsbibliothek erwirbt illustrierte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Bibliotheks-Magazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München 3 (2007), S. 21–24 mit Abb.; dies.: Ein neuer Textzeuge der ›Konstanzer Weltchronik‹ etc. (Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1714). ZfdA 137 (2008), S. 89–96; Erwerbungen von 1997 bis 2015 [Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz], nur online: http://staatsbibliothek-berlin.de/fileadmin/user_upload/zentrale_Seiten/handschriftenabteilung/abendlaendische_handschriften/pdf/Erwerbungen.pdf, Ms. germ. fol. 1714 [Renate Schipke]; Wagner (2016) S. 32, 35f., Abb. 7 (54r), 8 (54v), 32 (52v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Taf. XIIIb: Berlin, Ms. germ. fol. 1714, 49v. Antichrist wird der Hölle zugeführt / Elias und Henoch predigen.

Taf. XIXa: Berlin, Ms. germ. fol. 1714, 53v. 9. Zeichen: Einebnung der Erde.

Taf. XIIIb.
Taf. XIXa.