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KdiH

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13.0.20. Paris, École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Collection Masson ms. 106

Bearbeitet von Norbert H. Ott

KdiH-Band 2

Datierung:

1450.

Lokalisierung:

Westliches Bayern.

Besitzgeschichte:

Kaufeintrag 1r oben: Mir Matheus Swartzen geherig 1531 / vom allten michel ertel [?] erkaufft. 1933 mit der Collection J. Masson in die Sammlung der École des Beaux-Arts gekommen.

Inhalt:
1ra–70vb Jacobus de Theramo, ›Belial‹, deutsch

Übersetzung A

I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 70 Blätter, 294 × 200 mm, Bastarda, eine Hand (finis huius libri [...] / Anno dm̄ 1450. / Anthonius Rüttel de pair/menchingen [Merching an der Paar, östlich des Lech, bayerischer Regierungsbezirk Schwaben] hoc scripsit / dn̄o suo Gabrieli müller / [...]), zweispaltig, 36–44 Zeilen, zweizeilige rote Lombarden, rote Überschriften, Strichelung, Verweise auf Dekretal- und Bibelstellen rot unterstrichen.

Schreibsprache:

westmittelbairisch.

II. Bildausstattung:

35 kolorierte Federzeichnungen (5r, 5v, 6v, 8v, 9v, 10v, 12v, 15r, 17r, 18v, 19v, 21r, 22r, 24v, 30r, 41r, 42v, 43v, 44v, 45r, 49v [2], 50v, 51v, 52r, 53r, 60v, 61v, 63r, 64v, 66r, 66v, 67r, 68r, 68v), ein Zeichner.

1r siebenzeilige I-Initiale: Buchstabenkörper in oxydiertem Silber, rotes und blaues Fleuronée.

Format und Anordnung:

Quadratische bis hochrechteckige, ca. ⅗ des Schriftraums hohe, oben (und seitlich) oft über den Text ragende Zeichnungen (ca. 150–170 × 170–185 mm), meist am Kopf der Seite, seltener auch unten, von einfacher, häufig von Figuren, Bodenfläche und Gegenständen durchschnittener Federlinie gerahmt; zwei ganzseitige Illustrationen (6v, 66r), eine links bis an den Blattrand reichende, den Bildrahmen überschneidende querrechteckige (150 × 170 mm, 8v) und eine spaltenbreite Zeichnung, deren den Rahmen überschneidendes Bodenstück auch die linke Spalte einnimmt (49v unten).

Bildaufbau und -ausführung:

Die Szenen spielen in der Regel auf einem flachen, mitunter nach hinten durch eine Zinnenmauer begrenzten Bodenstück vor sich nach unten aufhellendem Himmel; die das Bild begrenzende Federlinie wird oft durch Architekturen oder Personen überschritten, ist aber meist (auch als Bleistiftvorzeichnung) noch erkennbar; 19v und 67r ersetzt der von vorne gesehene Höllenrachen den Bildrahmen. Vorliebe für architektonische Gestaltungen: der Richtersitz als säulen- oder pfeilergestütztes, aus Rund- und Spitzbögen, Fensterdurchbrüchen und einer Balkendecke konstruiertes Gebäude oder als stets variierter Architekturthron; Christus steht, das Ladungsschreiben entgegennehmend, vor einem Palasteingang (9v); Gottvater sitzt mit seinen Räten auf einer langen, mit krabbenverzierten Säulchen geschmückten Bank (6v), der Gerichtsort häufig als nach vorne offener, zentralsymmetrischer Innenraum (z. B. 17r, 41r), ebenso der Ort der Höllenversammlung (5v); die Schiedsleute beraten in einem pfeilergestützten, sich in drei Rundbögen nach vorne öffnenden Gebäude (51v). Trotz dieser räumlichen Elemente drängt sich das Handlungspersonal jedoch im relativ flachen Vordergrund der Bildbühne.

Teilweise sehr eigenwillige, vom Kompositionsmodell der übrigen Handschriften abweichende Bilderfindungen: Während Salomo den Ladbrief an Jesus diktiert, ist dieser vor Gericht anwesend (8v); Azahel übergibt Jesus das Ladschreiben in Anwesenheit Mosis (9v); Gottvater im Kreise der Berater (6v); Jüngstes Gericht über Juden (60v), Heiden (61v), weltliche Herren (63r) und Christen (64v) im Stil einer Gerichtsverhandlung (links Christus auf dem Richterthron, rechts die Beklagten), 66r Christus auf Wolkenband, flankiert von den zwölf Aposteln, darunter links Petrus den Gerechten die Himmelspforte öffnend, rechts ein Teufel die Ungerechten an einer Kette in den Höllenrachen schleppend.

Wie der Richtersitz variiert auch stets die Kleidung Salomos und Josephs (Brokatmäntel, Untergewand, Krone) und die der übrigen Prozessbeteiligten (verschiedenartige Kopfbedeckungen). Die Handlungsszene bleibt nicht auf die Protagonisten beschränkt, sondern, ist durch vielerlei Assistenzfiguren (Schreiber, Schwertträger usw.) genrehaft erweitert. Mitunter können die Klagschriften in den Händen Belials und Mosis fehlen, in der Illustration des Urkundenbeweises (24v) jedoch legt Moses ein Buch vor, während der Schreiber ein Blatt auf den Knien hat. Belial in knielangem Rock mit Klauenhänden und Pferdehufen, Knopfaugen und Eselsohren.

Sichere, lockere Umrißlinien, Parallel- und Kreuzschraffen in Schattenpartien. Runder Faltenwurf, Haken- und Röhrenfalten, Modellierung auch durch stärkeren Farbauftrag und freigelassenen Papiergrund. Untersetzte Gestalten in ruhiger Körperhaltung, doch mit lebhaften Handgebärden, runde Köpfe mit runden Augen und hohem Lidbogen. Der Bildaufbau, die lockere, z. T. mehrfach ansetzende Strichführung und die großzügig lavierende Farbgebung stellen die Illustrationen in die Nähe von Augsburger Handschriften der ›Chronik‹ Sigismund Meisterlins (Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4o Cod. Aug. 1; Codex discissus mit 21 erhaltenen Einzelblättern [acht in Berlin, Kupferstichkabinett, Min. Nr. 1050, 4073–4079; eines in Frankfurt a. M., Städelsches Kunstinstitut; sechs in Paris, École Nationale Supérieure des Beaux-arts, Coll. Masson dessins 204–209; sechs in der ehem. Sammlung Robert von Hirsch, jetzt deutscher Privatbesitz] und einem verschollenen [ehem. Haarlem, Sammlung Koenigs], siehe Stoffgruppe 26. Chroniken).

Bildthemen:

Außer den Illustrationen des Gerichtsverfahrens und des Schiedsprozesses selbst mehrere Darstellungen der Zwischenstationen (Christi Descensus 5r; Höllenberatung 5v, 19v, 49v, 67r; David als Vermittler der Schiedsinstanz 49v, 50v) und des von den Schiedsleuten geschilderten Jüngsten Gerichts (60v–66r); als Schlußbild der Auferstandene, den Jüngern durch die verschlossene Tür erscheinend (68v).

Farben:

Ocker, oft grünlich oder bräunlich, Zinnober, Karminrot, Preußischblau, bläuliches und violettes Grau, Dunkelbraun, selten Moosgrün und helles Gelb, stets laviert; zuweilen deckendes Gelb für Stoffmuster; Musivgold, z. T. silbrig oxydiert, für Kronen, Nimben und Kleidungsornamente.

Literatur:

École Nationale Supérieure des Beaux-Arts. L’Art graphique au Moyen-âge. Exposition de dessins, manuscrits enluminés, gravures et incunables conservés dans les collections d’École et tirés en majeure partie de la Donation J. Masson. Paris 1953, Nr. 95; nicht bei Ott (1983).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 36: 19v. Belial berichtet der Höllengemeinde vom bisherigen Prozessverlauf. Abb. 37: 6v. Belial bittet Gott mit Salomos Apostelbrief in Händen um eine zweite Instanz.

Abb. 35.
Abb. 36.