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KdiH

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13.0.13. Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter pap. 36

Bearbeitet von Norbert H. Ott

KdiH-Band 2

Datierung:

Kurz nach der Mitte des 15. Jahrhundert.

Lokalisierung:

Oberrheingebiet.

Besitzgeschichte:

Im hinteren Spiegel Ausgabenverzeichnis eines oberrheinischen Klosters (erwähnt werden die elsässischen, schweizerischen und badischen Orte Wattwiller, Sennheim bei Thann, Lutterbach und Sausheim bei Mühlhausen, Pfirt bei Altkirch, Gliers, Konstanz, Speyer).

Inhalt:
1r–123v Jacobus de Theramo, ›Belial‹, deutsch

Übersetzung A
Schluß fehlt (... vnd sprach singet Gott ein nüwes gesange Wann er hett wunder geton)

I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 123 Blätter, Blattverluste zwischen den Blättern 2/3, 9/10, 104/105, 115/116, 119/120 und am Schluß, 285 × 210 mm, Bastarda, eine Hand, einspaltig, 26–28 Zeilen, zweizeilige rote Lombarden, Anfangsbuchstaben rot gestrichelt, Stellenangaben zu Rechtsbücher- und Bibelzitaten rot unterstrichen.

Schreibsprache:

alemannisch.

II. Bildausstattung:

55 kolorierte Federzeichnungen (6r, 10v, 12r, 14r, 15v, 16v, 17v, 18v, 19v, 22v, 25v, 26v, 27v, 29v, 30v, 31v, 32v, 35r, 36r, 37v, 40r, 41v, 42v, 46r, 47r, 49v, 50v, 52v, 64v, 66v, 67v, 70r, 72r, 74r, 75v, 77r, 79r, 80r [79r und 80r in der Reihenfolge vertauscht], 88r, 88v, 89v, 90v, 92r, 93r, 94r, 94v, 97r, 103r, 104r, 106v, 109v, 112r, 113v, 117v, 121r), ein Zeichner. Eventuell auch Bildverluste durch fehlende Blätter.

Format und Anordnung:

Schriftspiegelbreite, querrechteckige bis quadratische Illustrationen (ca. 100–120 × 115–120 mm), von dünner, zuweilen doppelter Federlinie gerahmt, am Kopf, am Fuß oder in der Mitte der Seite, kaum über den Schriftraum ragend. Die Illustrationen stehen meist direkt vor der illustrierten Textpassage.

Bildaufbau und -ausführung:

Die Gerichtsszenen spielen in einem stets gleich komponierten Innenraum, bei dem lediglich die Form der Decke (zuweilen Balkendecken) und des Fußbodens (z. T. plattenbelegte Böden) wechselt. Der Sitz des Richters – ein mit einem krabbenbesetzten Eselsrückenbogen bekrönter Baldachinthron – befindet sich immer, schräg ins Bild gedreht, in der rechten Bildhälfte, Belial, Moses und das übrige am Prozess beteiligte Personal steht links davor. Der Illustrator achtet konsequent auf die unverwechselbar konstante und wiedererkennbare Anordnung des Handlungsorts und die Identifizierbarkeit der Personen, die immer gleich gekleidet und mit den gleichen Attributen ausgestattet sind. Trotz perspektivischer Ungeschicklichkeiten gute räumliche Wirkung der Handlungsbühne.

Textnähe ist auch in Details, vor allem bezüglich der rechtsverbindlichen Einzelheiten, angestrebt: Neben dem Richterthron sitzt an einem eigenen Pult der am Rechtsvorgang mitwirkende Schreiber oder Notar; die Personen halten immer die für den kanonischen Zivilprozess notwendigen Schriftstücke in Händen; auch die Rechtsgestik scheint bewußt eingesetzt. So starr die Mimik der runden, nur mit wenigen Strichen charakterisierten Gesichter ist, so durchgebildet sind die Gebärden der schlanken und anatomisch genau beobachteten Hände.

Belial mit großen Knopfaugen, gebogener spitzer Nase und Klauenfüßen ist mit einem kurzen, seitlich geschlitzten und von einer Borde eingefaßten Rock bekleidet, die übrigen Figuren tragen lange, faltenreiche, am Boden aufstoßende Gewänder mit eckigen Faltenbrüchen. Modellierung durch kurze Parallelschraffen – auch in Rot und Blau –, Kreuzlagen und dunkleren Farbauftrag in den Schattenpartien, selten durch ausgesparte Lichter. Schräge Parallelschraffuren auch am Richterthron. Die in freier Landschaft angesiedelten Szenen (Jüngstes Gericht) auf flachem Bodenstück vor einem durch waagrechte Pinsellinien am oberen Bildrand angedeuteten Himmel. Bei einigen Illustrationen sind die Köpfe der Teufel und Belials aus dem Papier gerissen.

Bildthemen:

Außer den vier dem traditionellen frontalsymmetrischen Modell folgenden Bildern des Jüngsten Gerichts (109v, 112r, 113v, 117v) ausschließlich Darstellungen des Prozessgeschehens und des äußeren Handlungsverlaufs mit besonderer Betonung rechtsformaler Details. Bemerkenswert sind die Illustrationen des Urkundenbeweises 41v–50v: Moses steht mit Christus, dessen Name im zitierten Urteil gegen Satan erwähnt wird (Das sprich et der erloͤser Got) vor dem Thron Salomos, auf dem Pult des Gerichtsschreibers liegt die aufgeschlagene Bibel als Beweisurkunde (41v); die Zeugen im zitierten Verfahren gegen Satan, Ezechiel und David, erscheinen – in die aktuelle Handlungsebene des Prozesses versetzt – mit Moses vor dem Richter (49v); Moses trägt Salomo die Aussage Ezechiels, der ikonographisch (nicht aber dem Text entsprechend) im aktuellen Prozess anwesend ist, vor (50v).

Farben:

Ocker als überwiegende Farbe, Karmin, Zinnober, Umbra, Blau, Grau und Violett in lavierten und deckenden Ausmischungen, Deckgrün.

Digitalisat:

urn:nbn:de:bsz:31-9981

Literatur:

Längin (1894/1974) Nr. 110; Niebler (1969) S. 54f. – Ott (1983) S. 272–274. 306f. 419–434 (Beschreibung sämtlicher Illustrationen) und passim, Abb. 16 (10v). 17 (41v). 18 (52v); Ott (1984) S. 383, Abb. 17 (26v); Ott (1992) S. 233, Abb. 11 (52v); Ott (1992a) S. 1004–1007, Abb. 5 (41v). 7 (50v); Ott (1993a) Abb. 12 (52v); Das Vermächtnis der Abtei. 900 Jahre St. Peter auf dem Schwarzwald. [Ausstellungskatalog] Priesterseminar St. Peter 17. 7.–29. 8. 1993. Hrsg. von Hans-Otto Mühleisen. Karlsruhe 1993, Nr. 193, Abb. 190 (31v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 26: 80r. Belial bittet Gott mit Salomos Apostelbrief in Händen um eine zweite Instanz. Abb. 27: 113v. Jüngstes Gericht über geistliche und Mönche.

Abb. 26.
Abb. 27.