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11. Astrologie/Astronomie

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 1

Die Überlieferung astrologisch-astronomischer Schriften in deutscher Sprache beginnt erst spät, nicht vor dem 14. Jahrhundert. Die Bebilderung der volkssprachigen Prosatraktate und Versdichtungen über den Aufbau des Kosmos, über die Himmelserscheinungen und über ihre Wirkungen auf die Menschen greift jedoch großenteils auf Bildprogramme aus der lateinischen Überlieferung zurück, die sich in ihren Grundzügen seit der Antike kaum geändert haben.

Astronomie als wissenschaftliche Disziplin des Quadriviums hat dabei auch in der deutschen Überlieferung nur selten figürlich-bildhafte Textillustrationen hervorgebracht. Dem fachwissenschaftlichen Anspruch entsprechend, handelt es sich bei zeichnerischen Beigaben zu Beschreibungen und Berechnungen sphärischer Erscheinungen meist um Schemata und Diagramme; Texte mit derlei technischen Demonstrationszeichnungen sind in das Verzeichnis illustrierter Handschriften der Stoffgruppe ›Astrologie/Astronomie‹ nicht aufgenommen. Gelegentlich aber sind die Schemazeichnungen durch figürliche Darstellungen belebt, so z. B. die sehr kunstvoll gestalteten Kreisdiagramme in den Handschriften Budapest, Cod. germ. 56, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 832 und 833 (Nr. 11.4.11., 11.4.21., 11.4.22.). Dies gilt auch für eine Reihe von Handschriften und Drucken aus der Überlieferung der dreimal ins Deutsche übersetzten ›Sphaera mundi‹ Johannes’ de Sacrobosco (Text-Untergruppe 11.1.): Sämtliche Abschriften enthalten schematische Zeichnungen (z. B. auch Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. II.1.4o 61 und München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 328 [Nr. 11.4.1., 11.3.1.]) oder Freiräume hierfür (London, British Library, Add. 22808, 41v–52r mit elf Bildfreiräumen), doch nur in einigen wenigen sind vor allem die Bilder zur Darstellung der Sphära und zur Erklärung der Hydrosphärenrundung sowie der Epizykeltheorie mit figürlichen Elementen angereichert. Nur sie sind in der Untergruppe ›Johannes de Sacrobosco, ›Sphaera mundi‹, deutsch‹ zusammengestellt.

Auch die mehr als ein halbes Jahrhundert jüngere Einführung in die Astronomie von Lazarus Behaim (Untergruppe 11.3.) ist nur rudimentär illustriert – durch eingeklebte Holzschnitte in der Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 328, durch vermutlich zur Komplettierung durch Handzeichnung vorgesehene Holzschnittschablonen im Kölner Druck von ca. 1476 und durch getreuliche Kopien dieser Schablonen als ebenfalls leergebliebene Rundrahmen in der Inkunabelabschrift 4o Cod. ms. 745 der Münchener Universitätsbibliothek.

Sehr viel bildaufgeschlossener ist der Bereich der deutenden Sternkunde, der von benachbarten Stoffgruppen, vor allem von der Medizin (Nr. 87.), der Wahrsagekunst (Losbücher, Nr. 80.) und dem Kalender (Nr. 65.) kaum klar zu trennen ist. Groß ist der Anteil der meist sehr kurzen Texte, die in den Bereich der Astromedizin führen und teils verstreut, gelegentlich zu stabileren Corpora zusammennwachsend überliefert sind. Die text- und überlieferungsgeschichtliche Erschließung dieser astromedizinischen Literatur steckt noch in den Anfängen (Francis B. Brévart: The German Volkskalender of the Fifteenth Century. Speculum 63 [1988], S. 312–342); deutlich eingrenzen läßt sich bislang nur das wohl primär medizinischen Zwecken dienende ›Iathromathematische Hausbuch‹, in der Terminologie Brévarts (1988) der ›Volkskalender‹ Typ B (dazu Gundolf Keil / Friedrich Lenhardt: ›Iathromathematisches Hausbuch‹. In: VL 24 [1983], Sp. 347–351; Bernhard Schnell: Ein Würzburger Fragment des ›Iathromathematischen Hausbuchs‹. Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 5 [1987], S. 123–141), ein Kompilationstyp, der in der Stoffgruppe 87. Medizin dieses Katalogs behandelt wird. Handschriften mit ähnlichen Texten oder Textgruppen sind, wenn nicht in der vorliegenden Stoffgruppe Astrologie/Astronomie, dann ebenfalls in der Gruppe 87. Medizin oder der Gruppe 65. Kalender zu finden.

Die Themen der astrologisch-astronomischen Schriften und ihrer Illustrationen konzentrieren sich auf die Behandlung der Himmelskörper: der Fixsterne, unterschieden nach den Sternzeichen der Ekliptik bzw. des Zodiakus oder Tierkreises (1) und nach den übrigen Sternbildern der nördlichen und südlichen Hemisphäre (2), ferner der Kometen (3) und schließlich der Planeten (4).

(1) Die mittelalterlichen Bildfolgen der zwölf Tierkreiszeichen spiegeln nahezu ungebrochen die Ikonographie der Antike wider. Neue Bildtraditionen entwickeln sich kaum, so z. B. die der Zodiakalhäuser mit den zugehörigen drei Dekangöttern (Freiburg, Universitätsbibliothek, Hs. 458, 143v–176r [11.4.16.]; Paris, Bibliothèque nationale, ms. allem. 106, 265v–324v [11.4.37.]; Tübingen, Universitätsbibliothek, Md 2, 51ra–144ra [11.4.43.]; Wolfenbüttel, 29.14 Aug. 4o, 48v–57v.47r–v.59r–83v.86r [11.4.48.]) oder die der christlichen Adaptierung des Tierkreises (Berlin, Ms. germ. fol. 642, 38r–64v [11.4.8.]).

(2) Der Bestand der Sternbilder erfuhr durch die Neubearbeitung des antiken Sternekanons, die der Hofastronom Friedrichs II., Michael Scotus (ca. 1175–1234) im ersten Buch seines ›Liber introductorius‹ vorgenommen hatte, die für die spätmittelalterliche Handschriftenillustration entscheidende Prägung. Dieses erste Buch (›Liber quatuor distinctionum‹) des als astronomisch-astrologisches Lehrbuch für Studierende und Laien konzipierten ›Liber introductorius‹ war wohl schon im Original illustriert, die älteste bekannte illustrierte Handschrift ist allerdings erst um 1340 entstanden (München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 10268). Während der Bildzyklus sich recht konstant hält und seit dem 14. Jahrhundert ältere Zyklen weitgehend verdrängt, ist der Text des ›Liber quatuor distinctionum‹ keineswegs stabil überliefert. Auch unter den deutschen Handschriften, die den Bildzyklus des Michael Scotus enthalten, bietet keine eine wörtliche Vollübersetzung. Die Textgeschichte ist im einzelnen noch unerforscht, die deutschen Sternbilderhandschriften lassen sich wie folgt gruppieren:

  1. Die Sternbilder in einer Übersetzungsfassung, deren Autorschaft in der Handschrift Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, K 2790 (Nr. 11.4.23.) Kaspar Engelsüß beansprucht (einen etwas abweichenden Text bieten – ohne Hinweis auf Kaspar Engelsüß – die Freiburger Hs. 458 [11.4.16.], das Pariser ms. allem. 106 [11.4.37.] und der Wolfenbütteler Cod. Guelf. 8.7 Aug. 4o [11.4.47.]).
  2. Der erweiterte Sternbilderkanon der Berliner Handschrift (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, ms. germ. fol. 244 [11.4.5.]): er schließt die Tierkreiszeichen und einige vor Michael Scotus zurückgehende Sternbilder ein.
  3. Der Sternbilderzyklus in der im Elsaß, wohl im Straßburger Raum entstandenen Kompilation, überliefert in den Handschriften Darmstadt, Hessische Landesbibliothek, Hs. 266, Edinburgh, Royal Observatory, Crawford 4.6., New York, The Pierpont Morgan Library, M. 384, Salzburg, Universitätsbibliothek, M II 180 und Roma, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1370. Zu den Sternbildern treten in der ›Elsässischen Sammlung‹ nahezu regelmäßig die ins Deutsche übersetzte Zodiakallehre (›Firmamentum celi‹) aus dem ›Liber introductorius‹ des Michael Scotus (vgl. Nigel F. Palmer, ›Scotus, Michael‹. In: 2VL 8), ein Planetentraktat unbekannter Herkunft (›Supra firmamentum‹) sowie Kometentexte als abbreviierende deutsche Bearbeitungen des anonymen lateinischen ›Liber de significatione cometarum‹ von 1238 (vgl. Lynn Thorndike, Latin Treatises on Comets Between 1238 and 1368 A. D. Chicago 1950); damit entsteht ein relativ geschlossenes Korpuswerk über die sichtbaren Himmelskörper, dessen Überlieferung in der Untergruppe 11.2. zusammengestellt ist. Zu den fünf Handschriften dieser ›Elsässischen Sammlung‹ gehört der dem edeln vnd gestrengen herrn Ulrichen von fruͤntsperg zuͦ sant peters berg gewidmete Augsburger Druck Erhart Ratdolts von 1491, der in seinem Bildzyklus, abgesehen von einigen Ergänzungen, den in Venedig erschienenen lateinischen Hyginus-Drucken Ratdolts (1482 und 1485) folgt, im Text jedoch – ungeachtet der Titelschrift ›Hyginus von den xij zaichen vnd xxxvj pildern‹ – mit dem lateinischen Hyginus nichts zu tun hat, sich vielmehr in den Tierkreiszeichen-, Sternbilder- und Planetentexten völlig der deutschen Handschriftenüberlieferung anschließt. Die Kometentexte sind in den Druck nicht übernommen worden. Mit weiteren Veränderungen des Textteils wurde der ›Hyginus‹ ab 1512 von Johannes Sittich in den ›Kalendarius teütsch Maister Joannis Küngspergers‹ inseriert; während Sternbilder- und Planetentraktate dabei weiterhin auf der ›Elsässischen Sammlung‹ beruhen, ist die Zodiakallehre des Scotus ersetzt durch einen anderen Tierkreiszeichentraktat. – Das Bildmaterial dieses und anderer astronomischer Drucke Erhard Ratdolts wirkte andererseits auch auf die Handschriftenüberlieferung zurück und diente gegen Jahrhundertende den beiden Schwesterhandschriften Coburg, Landesbibliothek, Ms. 5 und Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 832 als Vorlage; im Text gehen diese beiden Bilderhandschriften hingegen eigene Wege.
  4. Die kurzen Erläuterungen zu den 36 Sternbildern in den beiden Schicksalsbuch-Handschriften Heidelberg, Cod. Pal. germ. 832 und Coburg, Ms. 5 verzichten auf die astronomischen Darlegungen und beschränken sich auf den jeweils prognostischen zweiten Teil. Den beiden sehr anspruchsvoll und repräsentativ gestalteten Handschriften (Nr. 11.4.12., 11.4.21.) ist der Lehrbuchcharakter, der die früheren deutschen Sternbilder-Handschriften durchaus noch kennzeichnet, vollends verlorengegangen.
  5. Die Sternbilderreihe in den Handschriften Tübingen, Universitätsbibliothek, Md 2 (Nr. 11.4.43.) und Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 29.14 Aug. 4o (Nr. 11.4.48.), in der jedem Sternbild eine geomantische Punktierfigur beigegeben ist.

(3) Kometentraktate sind in deutscher Sprache – abgesehen von Beschreibungen einzelner Kometen (etwa des 1472 erschienenen Kometen, der die erste gedruckte Kometenschrift hervorrief) – schwächer überliefert und bilden keine eigene Bildtradition aus. Illustriert ist die ›Liber de significatione cometarum‹-Bearbeitung in deutscher Sprache, die (in zwei Teilen) in die ›Elsässische Sammlung‹ eingefügt ist, jedoch auch ein Eigenleben führt (Freiburg, Universitätsbibliothek, Hs. 458 [11.4.16.], Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 8.7 Aug. 4o [11.4.47.]), ferner der Kometentraktat unbekannter Herkunft in der Schermar-Handschrift med. 9 (jetzt Malibu, Ludwig XII 8: Nr. 11.4.29.).

(4) Am weitesten werden trotz des sehr beschränkten Typenkanons die ikonographischen Möglichkeiten bei der Darstellung der sieben Planeten und ihrer Planetenkinder ausgeschöpft. Vor allem die Planetenkinderbilder geben Raum für Genreszenen, die als kulturgeschichtlich oft aufschlußreiche Bildquellen gelten dürfen. In den seltensten Fällen folgen die Illustrationen dabei dem Worttaut des zugehörigen Textes, vielmehr gewinnen die Bilder oft ein Eigenleben und benötigen Textbeigaben nur noch als Bildtituli (z. B. Basel, Universitätsbibliothek, O IV 38 [11.4.4.]; Malibu, Ms. Ludwig XII 8 [11.4.29.]; Salzburg, Universitätsbibliothek, M III 36 [11.4.41.]; ohne Text Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 29.14 Aug. 4o [11.4.48.]). Das Text-Bild-Verhältnis kehrt sich hier um: Nicht die Bilder illustrieren den Text, sondern die Texte kommentieren oder beschreiben das Bild. So wird für den Münchener Cgm 5185 (Nr. 11.4.32.) erwogen, es könne sich hierin um Reproduktionen von Wandbildern mit den dazugehörigen Bildbeischriften handeln, und in der Freiburger Hs. 458 (11.4.16.) finden sich minutiöse Beschreibungen von zwei unterschiedlichen – der Handschrift nicht beigegebenen – Bildvorlagen, die die Planeten mit ihren Häusern und den Planetenkindern darstellen (33r–36r). Symptomatisch für die Popularität gerade der Planeten(-kinder)bilder vor allem im oberdeutschen Raum sind die ab ca. 1450 in mehreren Varianten, teils als xylographische, teils als chiroxylographische Ausgaben erschienenen Planeten-Blockbücher (Zinner [1941/1964] Nr. 11–17).

Im gesamten Bereich der deutschen Sternkunde ist die Textüberlieferung sehr kompliziert, nur selten an Autorpersönlichkeiten gebunden und noch seltener mit Werktiteln zu identifizieren; im nachstehenden Verzeichnis sind deshalb zur Unterscheidung der Texte stets die Initien angeführt. Außer der ›Elsässischen Sammlung‹ kommt es kaum zur Korpusbildung. Hybride Formen, wechselnde Konstellationen, unklare Konturen kennzeichnen die Überlieferung astrologisch-astronomischer Texte und Sammlungen. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts fließen die Text-Bild-Traditionen in große Handschriftenkompendien, die Sammelbecken der deutschsprachigen astronomisch-astrologischen Text- und Bildüberlieferung, zusammen. Unter ihnen ist in Umfang, Konzeption und Ikonographie die Tübinger Universitätshandschrift Md 2 (Nr. 11.4.43.) besonders herausragend.

Literatur zu den Illustrationen:

Fritz Saxl: Verzeichnis astrologischer und mythologischer illustrierter Handschriften des lateinischen Mittelalters in römischen Bibliotheken. Heidelberg 1915 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-bist. Kl. 1915, 6.7. Abh.). – A[nton] Hauber: Planetenkinder und Sternbilder. Zur Geschichte des menschlichen Glaubens und Irrens. Straßburg 1916 (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 194). – Fritz Saxl: Verzeichnis astrologischer und mythologioscher illustrierter Handschriften des lateinischen Mittelalters II. Die Handschriften der National-Bibliothek in Wien. Heidelberg 1927 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 1925/26, 2. Abh.). – Fritz Saxl/Hans Meier: Verzeichnis astrologischer und mythologischer illustrierter Handschriften des lateinischen Mittelalters III. Handschriften in englischen Bibliotheken. London 1953. – Ulrike Bauer: Der Liber Introductorius des Michael Scotus in der Abschrift Clm 10268 der Bayerischen Staatsbibliothek München. Ein illustrierter astronomisch-astrologischer Codex aus Padua, 14. Jahrhundert. München 1983 (tuduv-Studien: Reihe Kunstgeschichte 7). – Friedrich Lenhardt: Die Illustrationen des »Kodex Schürstab«. In: Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe Vom Einfluß der Gestirne Ms C 54 der Zentralbibliothek Zürich. Luzern 1983, S. 157–189. – Rudolf Simek: Die mittelhochdeutschen Übertragungen von Johannes von Sacroboscos Liber de sphaera. Zur Funktion der astronomischen Abbildungen in den Handschriften und Frühdrucken. Codices manuscripti 13 (1987), S. 57–76.