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75. Lektionare

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 8

Ein Lektionar (zur Terminologie vgl. Kottmann [2009] S. 28–38) enthält Textabschnitte (Perikopen) aus der Bibel, jedoch nicht in der Ordnung der Bibel, sondern in derjenigen des Kirchenjahres, welche die Vorlesung bestimmter Bibeltexte als Episteln und Evangelien im Rahmen der Messfeier vorsieht. In einem Volllektionar sind die Perikopen in der Regel in drei Teilen angeordnet, wobei es jedoch etliche Varianten, Überschneidungen und Verkürzungen gibt: Das
Temporale (proprium de tempore) besteht aus den Lesungen für die Sonn- und Wochentage (Mittwoch und Freitag, in der Fastenzeit alle Wochentage) zuzüglich der beweglichen Feste des Kirchenjahres, das Sanktorale aus denjenigen für die Heiligenfeste, und zwar unterteilt in das proprium de sanctis, das sich an dem jeweils gültigen Heiligenkalender orientiert, und das commune sanctorum, das weitere Perikopen insbesondere für die Verehrung von Heiligengruppen enthält. Oft beinhalten Lektionare auch Zusatztexte, paränetische Auslegungen insbesondere der Evangelien, die als ›Glosse‹ bezeichnet werden.

Lektionare bzw. Plenare in deutscher Sprache gelten als Bestseller der frühen Druckgeschichte: Über 60 zwischen 1473 und 1523 gedruckte Ausgaben lassen sich nachweisen (Pietsch [1927], Duntze [2007] S. 159f.), die meisten von ihnen sind bebildert, wobei sich die Holzschnittzyklen mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich auf denjenigen des Erstdrucks Günther Zainers von 1473 zurückführen lassen (GW M34114; vgl. Palmer [2007] S. 83–93).

Zainers Druck umfasst ein Vollplenar (Temporale: Episteln, Lesungen und Evangelien vom 1. Advent bis zum 25. Sonntag nach Dreifaltigkeit) mit Glosse an Sonn- und Festtagen, dazu Ergänzungen aus dem commune sanctorum und dem proprium de sanctis). Zainer druckte sein Plenar bereits im Folgejahr nach (GW M34118), ebenfalls 1474 erfolgte ein weiterer Nachdruck durch Johann Bämler (GW M34063), der 1476 eine Neuausgabe mit Nachschnitten des Zainer’schen Holzschnittzyklus veranstaltete (GW M34064). Diese wurde bis 1490 ca. 20 Mal nachgedruckt und prägte nicht nur die in Augsburg und anderen schwäbischen Druckorten erschienenen Plenare, sondern auch diejenigen der Straßburger Drucker – bis 1488 für den erweiterten Neudruck Thomas Anselms (Straßburg 1488, GW M34123) ein neues Bildprogramm entworfen wurde.

Anmerkung der Redaktion: Die Bildtradierung der umfangreichen Drucküberlieferung ist nicht aufgearbeitet. Die Redaktion entschied deshalb, auch auf die Beschreibung einzelner Drucke zu verzichten, da sonst der Eindruck entstehen könnte, diese seien prototypisch für die Überlieferung insgesamt.

Das inflationäre Auftreten von deutschen Plenardrucken hat in der Inkunabelforschung stets zu Überlegungen darüber geführt, ob tatsächlich ein so großer Bedarf an Plenaren bestand oder ob es sich nicht eher um »buchhändlerische Spekulation« handelte (Schramm 2 [1920] S. 11). Allerdings war die handschriftliche Überlieferung von Lektionaren, Plenaren bzw. Perikopenhandschriften nicht weniger fulminant, mehr als 200 Exemplare seit dem 13. Jahrhundert sind erhalten. Damit stellen die deutschsprachigen Plenare eine deutlich weiter verbreitete und deutlich ältere Form der Bibelübersetzung dar als die Vulgata-Übersetzungen selbst. Die Übersetzungen wurden nicht im originär liturgischen Funktionszusammenhang verwendet, sondern dienten der privaten Erbauungs- und Andachtslektüre, der Tischlesung etwa in Frauenklöstern oder auch der Vorbereitung von Tagespredigten. Sehr präzise ist die intendierte Gebrauchsfunktion in der St. Galler Handschrift Cod. Sang. 363 nachzuvollziehen. Die Schreiberin Elisabeth Muntpratin hat hier eine deutschsprachige Perikopensammlung sprachlich und grafisch dezidiert für den Einsatz als Tischlesung zubereitet und erläutert dies einleitend ausführlich. Unabdingbar auch für den paraliturgischen Gebrauch bleibt jedoch stets der feste Leseanlass, das heißt der regelhafte Bezug zu einem bestimmten Tag im Kirchenjahr. Elisabeth Muntpratin kopiert die Leseordnung, die diesen Bezug bestimmt, in ihrer für die Verwendung im Dominikanerinnenkloster St. Katharina in St. Gallen bestimmten Perikopensammlung gleich mit. Die Bildbeigaben dieser Handschrift sind allerdings eher beiläufig und bestehen aus drei vermutlich nur zufällig zur Verfügung stehenden Holzschnitten, die, wo sie motivisch passend erschienen, eingeklebt wurden (Nr. 75.0.11.). Die Abschrift entstand zehn Jahre nach dem breiten Einsetzen der Drucküberlieferung, geht aber nicht auf eine Druckvorlage zurück.

Die Plenardrucke ihrerseits setzen nicht die in Text und Bild durchaus vielfältige handschriftliche Überlieferung von Perikopensammlungen fort, sondern reduzieren das deutschsprachige Plenar in markanter textgeschichtlicher Engführung auf einen einzigen Typus, in dem die Perikopenübersetzungen mit einem spezifischen Glossenzyklus versehen sind. Ein sehr eng verwandter Typus ging auch in ein weiteres Druckwerk ein, eine Redaktion des ›Spiegels menschlicher behaltnis‹ (Basel: Bernhard Richel 1476 [GW M43016], vgl. Palmer [2007] S. 95–134), die die Übersetzung des lateinischen ›Speculum humanae salvationis‹ mit einem deutschen Plenar mit Glosse zu einem umfangreichen, reichlich bebilderten Textensemble kombiniert (siehe Stoffgruppe 120. ›Speculum humanae salvationis‹). Handschriftlich ist dieser spezifische Typus in einer überschaubaren Gruppe von Codices erhalten, wobei der dem Plenardruck von 1473 textlich am nächsten stehende Überlieferungsträger, die sogenannten Fribourger Perikopenhandschrift von 1462 (Fribourg, Bibliothèque des Cordeliers, Cod. 17), nicht illustriert ist. Sehr wohl illustriert sind hingegen zwei Plenarhandschriften aus der Diebold-Lauber-Werkstatt (Nr. 75.0.3., Nr. 75.0.4.), die einerseits in bislang nicht geklärter Weise zum Vorlagenkreis wiederum genau der Fribourger Perikopenhandschrift gehören und deren Illustrationen andererseits bislang nicht erkannte Bezüge zum Bildprogramm des ersten bebilderten Drucks von 1473 aufweisen: Wie in der Inkunabel (zu den Holzschnitten Schramm 2 [1920] S. 11f., Abb. 299–350) sind schon in den beiden Lauber-Handschriften etwas mehr als 50 Bilder jeweils am Textbeginn der Sonn- und einiger Festtagsevangelien eingefügt, hier wie dort sind Szenen aus dem Leben Jesu und Gleichnisszenen dargestellt, in Ermangelung prägnanter Handlungsmotive mehrfach auch nur Redesituationen (Jesus spricht zu Jüngern/Juden/Pharisäern). Die im Druck an das Temporale angefügten Ergänzungen aus dem commune sanctorum und dem proprium de sanctis enthalten die Lauber-Plenare nicht. Vielleicht ist es deshalb auch kein Zufall, dass diese Ergänzungen im Druck keinerlei Illustrationen haben.

Die meisten anderen deutschsprachigen Perikopenhandschriften mit Bildbeigaben – zumindest die erhaltenen – sind dagegen wie die St. Galler Handschrift unikale Zeugnisse meist eher spärlicher Bebilderung.

Die früheste Spur einer Illustration im Zusammenhang deutscher Perikopenüberlieferung bildet der Bildstreifen, der in die vier lateinischen Perikopen auf S. 4 des Münchener Cgm 66, entstanden um 1300, eingeschaltet ist. Die Text-Bild-Seite dient als Vorspann des auf S. 5 des Codex beginnenden – bilderlosen – deutschen Evangelistars (Nr. 75.0.9.). Ein nur wenig jüngeres Exemplar ist die Perikopensammlung im sog. Andachtsbüchlein aus der Sammlung Bouhier (Nr. 75.0.8.): Die Handschrift ist originär deutschsprachig, jedoch sind die nur anzitierten deutschen Perikopen auf die auch im Entstehungsprozess prioritären Bilder bezogen und nicht umgekehrt, sie stellen die erläuternde Verknüpfung her zwischen den zweifellos privater Andacht dienenden Bildern und deren liturgischem Anlass. Ein drittes frühes Beispiel bestätigt die Beobachtung, dass im 14. Jahrhundert Bildbeigaben gerade dort Eingang in die Überlieferung deutschsprachiger Perikopen finden, wo diese sich vom Vorbild lateinischer Perikopenüberlieferung weit entfernen und unterschiedlich hybride Ausdrucksformen suchen und finden: Der Versfassung von Evangelien-Perikopen für die Fastenzeit ist in der Handschrift Pannonhalma, Szent Benedekrend Központi Főkönyvtára, 118.I.46 (Nr. 75.0.10.) mit der Darstellung des Gekreuzigten programmatisch das zentrale Passionsmotiv vorangestellt – ganz ähnlich wie den Fastenperikopen in Prosa in der 100 Jahre jüngeren Handschrift Melk, Stiftsbibliothek, Cod. 1752 (Nr. 75.0.7.). Dass es sich bei den Versperikopen der Handschrift in Pannonhalma um eine bislang der Forschung nicht bekannte Überlieferung der sogenannten ›Admonter Perikopen‹ handelt, ist der Identifizierung Gisela Kornrumpfs zu verdanken. Bezeichnenderweise bleibt der Text in separater Überlieferung bis auf die Handschrift in Pannonhalma ohne Bildbeigaben, wird hingegen reicher illustriert, wo er, inseriert in eine Redaktion des ›Marienlebens‹ des Bruders Philipp, in vier verwandten Weltchronik-Handschriften erscheint und so einen Grad der Literarizität erhält, die sich vom liturgischen wie vom paraliturgischen Gebrauch weit entfernt (Gärtner [1989] Sp. 592; diese Handschriften werden in Stoffgruppe 135. Weltchroniken katalogisiert).

Unter den jüngeren Handschriften unseres Corpus hat Berlin, Ms. germ. quart. 2025 lediglich eine einleitende Weltgerichtsdarstellung (Nr. 75.0.2.) und Stockholm, Kungliga Biblioteket, A 194 einige historisierte Initialen, mit denen die Weihnachtsevangelien ausgezeichnet werden (Nr. 75.0.12.).

Umfängliche Bildzyklen lassen sich für die nur fragmentarisch erhaltene schwäbische Handschrift (Nr. 75.0.1.) und für die ehemals Nikolsburger Handschrift (Nr. 75.0.6.) erahnen; bei letzterer spricht die Überlieferungsform – eine Großfolio-Handschrift mit Miniaturen, die offenbar nicht einleitend den Perikopen vorangestellt, sondern zwischen dem Text eingefügt sind – für eine Verwandtschaft mit jenen Perikopensammlungen, die bebildert in anderem Textzusammenhang überliefert sind und deshalb in diesem Katalog in anderen Stoffgruppen beschrieben werden: In den beiden Historienbibelhandschriften Vorau, Stiftsbibliothek, Ms. 273 (Nr. 59.8.4.) und Wien, Schottenstift, Cod. 169 (Nr. 59.8.7.) sind Evangelistare (nach unterschiedlichen Textvorlagen) reich illustrierte Bestandteile der ›Neuen Ee‹. Diese ist auch in der Nikolsburger Handschrift enthalten, hier allerdings deutlich separiert von den Perikopen und ohne Bildbeigaben. In diesem Zusammenhang ist auch hinzuweisen auf das ›Klosterneuburger Evangelienwerk‹ des Österreichischen Bibelübersetzers, das sich in seiner Abfolge ohnehin an einer Leseordnung orientiert. In mehreren bebilderte Abschriften ist die messbezogene Gebrauchsfunktion besonders akzentuiert, so im Schaffhauser Cod. Gen 8, der – wie Randbemerkungen zu entnehmen ist – auch der Lektüre der Sonntagsevangelien diente (Nr. 35.0.5.), oder in der Handschrift Cod. 4 der Augustinerchorherrenbibliothek Klosterneuburg (Nr. 35.0.2.), die den Evangelientext durch eine vorgeschaltete Leseordnung erschließt, indem zu den Perikopen in vielen Fällen die Stellenangabe im folgenden Werk geliefert wird.

Zwei weitere Handschriften erweisen sich als völlig einzelgängerisch. Egerton 1122 der British Library (Nr. 75.0.5.) ist ein sorgfältig angelegtes Büchlein im Oktavformat, dessen Miniaturen in der Forschung bislang erstaunlich wenig Beachtung gefunden haben. Das Epistolar Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2789 (Nr. 75.0.13.) aus der gut erschlossenen Prager Wenzelswerkstatt knüpft im Ausstattungsanspruch vielleicht bewusst an die kostbaren lateinischen Perikopenhandschriften früherer Jahrhunderte an, etwa an die ottonischen Prachthandschriften aus der Reichenauer Malerschule, z. B. das Reichenauer Evangelistar (Leipzig, Universitätsbibliothek, Ms CXC), das Reichenauer Perikopenbuch (Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 84.5 Aug. 2o) oder das Perikopenbuch Heinrichs II. (München, Clm 4452). Sein Illustrationstyp – jeder Sonntagslesung wird die Darstellung des Apostels Paulus beigegeben – wird ein Jahrhundert später im lateinischen Fest-Epistolar Kurfürst Friedrichs des Weisen (Jena, Universitätsbibliothek, Ms. El. f. 2) wieder aufgenommen.

Nicht mehr in den Beschreibungszeitraum gehört die Handschrift 2º Cod. ms. 134 der Münchener Universitätsbibliothek (1528–1536, aus dem Franziskanerinnenkloster Gnadenthal in Ingolstadt), in das an Initialposition häufig Holzschnitte eingeklebt waren (vielfach heute abgelöst); desgleichen Berlin, Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz, XX. HA Hs. 33, Bd. 16 (ehem. Königsberg, Staats- und Universitätsbibliothek, Hs. 3050.16), eine Druckabschrift mit nachträglich eingeklebten Holzschnitten aus einem Druck des 16. Jahrhunderts. Ausgeschieden wurde mit Berlin, Kupferstichkabinett, Cod. 78 A 19c ferner ein Plenar, auf dessen hinterem Spiegelblatt kolorierte Federzeichnungen aus fremdem Zusammenhang angebracht sind (männliche und kleinere weibliche Figur, Wappen, im Hintergrund astronomische Zeichnungen; darüber Besitzereinträge).

Siehe auch: