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KdiH

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22.1.9. Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 300

Bearbeitet von Norbert H. Ott

KdiH-Band 3

Datierung:

Um 1455.

Lokalisierung:

Elsaß, Werkstatt des Diebold Lauber.

Besitzgeschichte:

Die Hypothese Wegeners (1927) S. VII, die Handschrift sei möglicherweise von Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz († 1449) erworben worden, ist nicht zu belegen und wurde bereits von Fechter (1938) S. 132 relativiert. – Am unteren Schnitt Titelaufschrift des 15. Jahrhunderts: Von den bůch der aigenschaft.

Inhalt:
1ra–365vb Konrad von Megenberg, ›Buch der Natur‹
Einzelregister vor den 13 Teilen, 4rb–4vb Prolog
Prologfassung
I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 1 + 383 Blätter (alte Blattzählung [1–365] überspringt die leeren Blätter), Leerseiten vor und nach den Registern (2arv, 2brv, 2crv, 3r, 35v, 36r, 37arv, 75v, 76r, 78v, 79r, 119arv, 120r, 168arv, 168brv, 168cr, 179r, 180v, 180arv, 181r, 193v, 194r, 195v, 196r, 214v, 215r, 216v, 217r, 233v, 234r, 236v, 237r, 283r, 285v, 286r, 317v, 318r, 347r, 348arv, 348brv, 355arv, 356v, 357r), 405 × 269 mm, Bastarda, eine Hand (wie Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 76 E 1: Rudolf von Ems, ›Wilhelm von Orlens‹, s. Stoffgruppe 138), die erste Seite des Prologs und der 13 Teile jeweils Textura, zweispaltig, 32–36 Zeilen, Rubrizierung: rote Überschriften, Caputzeichen, sechs- bis achtzeilige Lombarden.

Schreibsprache:

elsässisch.

II. Bildausstattung:

61 kolorierte Federzeichnungen (3v, 36v, 65r, 79v, 84r, 87v, 91v, 95r, 101r, 106v, 111r, 112v, 115v, 120v, 126v, 131v, 134v, 138r, 142r, 145v, 150v, 155v, 161v, 163v, 169v, 174v, 181v, 188v, 196v, 201r, 204r, 211r, 217v, 223v, 226v, 231v, 237v, 241r, 243v, 248v, 251r, 257v, 264r, 269r, 274r, 279r, 286v, 293v, 296v, 300r, 305r, 309r, 314r, 320r, 327v, 332v, 339r, 349v, 353v, 357v, 360v), ein Zeichner (Gruppe F). 13 ca. halbseitige Leerräume zwischen Überschrift und Textbeginn der Register (1r, 37r, 76v, 118r, 168cv, 179v, 194v, 215v, 234v, 283v, 318v, 349r, 356r), möglicherweise zur Aufnahme von Illustrationen. 13 Initialseiten zu den einzelnen Kapiteln, Textbeginn in Textura. Fast blattgroße Initialen (ca. 350 × 220 mm), z. T. gerahmt, in Rankenwerk und Pflanzendekor aus Pinsellinien auslaufend, auf den Buchstabenkörpern außer 4r und 358r Drache, im Binnenraum außer bei der I-Initiale 38r figürlicher Schmuck (4r Storch und Raubvogel, auf dem Buchstabenkörper Schlange und Greif, 80r und 170r Liebespaar, 182r Wildmann, 218r Storch, 238r Frau und Blumenranke, 287r Wildfrau und Bär, 350r Mischwesen, 358r Wildmann mit Schild und Keule) oder Blütenbaum (121r, 197r) bzw. Rankenwerk (321r).

Format und Anordnung:

Ganzseitige ungerahmte, bis an die Blattränder reichende Federzeichnungen, davon 13 als Titelminiaturen zu den einzelnen Teilen auf linken Seiten gegenüber dem Textbeginn rechts (3v, 36v, 79v, 120v, 169v, 181v, 196v, 217v, 237v, 286v, 320v, 349v, 357v), die übrigen als Illustrationen der in den Einzelkapiteln behandelten Objekte, darüber Kapitelüberschrift in der Funktion einer Bildbeischrift, an zwei Stellen vier Zeilen Text über der Illustration (150v, 161v).

Bildaufbau und -ausführung:

Bis auf die »Schautafel« zu Teil V, die in zwei Dreier-Reihen sechs verschiedene Kräuter vorstellt (286v), sind sämtliche Illustrationen räumlich aufgefaßt und häufig zu Handlungsszenen erweitert. Sowohl die eine Auswahl der im folgenden Teil behandelten Tiere oder Pflanzen repräsentierenden Titelminiaturen als auch die Illustrationen der Einzelkapitel führen meist sehr variationsreich gestaltete, oft bis an den oberen Bildrand reichende Landschaften mit Bäumen, Felsen und Gewässern sowie Bergen, Städten und Burgen im Hintergrund vor (nur 161v Innenraum: drei Herren und eine Dame vor einem Sittich auf einer Stange), in die die dargestellten Objekte szenisch integriert sind. Einige Illustrationen folgen dem in der Frankfurter Lauber-Handschrift (Nr. 22.1.6.) verwendeten Bildmodell und zeigen eine Figurengruppe – hier meist zwei Personen –, die mit Zeigegesten auf die im illustrierten Kapitel behandelten Tiere und Pflanzen verweist (so 155v, 223v, 226v, 248v, 300v). Zahlreiche andere stellen, v. a. bei den Nutzpflanzen, die Verwendungsmöglichkeiten der naturkundlichen Objekte dar (so z. B. 243v Frau pflückt Quitten vom Baum, 257v Dame reicht Jüngling eine vom Baum gepflückte Birne, 269r Dame riecht an einem vom Strauch gebrochenen Balsamzweig, 274r Kürbisernte, 293r Frau auf einer Leiter nimmt Hauswurz vom Dach des Hauses, 296r Paar pflückt Safran, 309r Mann schneidet Gerste, Frau trägt Garbe; auf 251r [Maulbeere], 305r [Lilie] und 314r [Immergrün] verweist ein Destilliergerät im Vordergrund auf die Verarbeitung der Pflanzen), oder sie deuten die naturkundliche Illustration zu einer Handlungsszene um (z. B. 84r Bauer führt einen mit Getreidesack beladenen Esel zur Mühle, 91v Hirsch flieht durch Fluß vor dem hornblasenden Jäger mit zwei Hunden im Hintergrund, 112v Eichhörnchen im Baum, vorne ein Mann, der ein zweites am Schwanz aus einem Erdloch zieht, 126v Eule im Baum von zwei Falken angegriffen, 131v Taubenschlag mit Tauben, 134v Jäger legt mit Armbrust auf [maßstäblich zu großen] Distelfinken in Baum an, 138r Falkner lockt einen Falken mit Beute im Schnabel mit Köder, 142r brütende Henne und Bäuerin, 231v schneckensammelnder Mann, 241r höfisches Paar im Dialog vor Hagebuttenbaum, 339r Herr überreicht Dame einen Saphir, 332v Mann wirft Heliotropen ins Wasser, darüber Sonne).

Großzügig angelegte Kompositionen, einfache, an- und abschwellende, durchgezogene Umrißlinien, keine Binnenzeichnung, durchsichtige, nur selten deckende, großflächige Kolorierung mit viel freigelassenem Papiergrund. Zuweilen Verwendung tradierter christlicher Bildmuster (115v Jungfrau mit Einhorn im Schoß, 257v Reminiszenz des Sündenfall-Bildtyps: Dame reicht Herrn eine vom Baum gepflückte Birne).

Bildthemen:

Titelminiaturen zu den Teilen I (3v Aderlaßmann), II (36v auf Wolkenband stehende Planetengötter, darunter Landschaft, am unteren Bildrand Flammensaum), III A (79v Vierfüßler in Berglandschaft), III B (120v Vögel auf ornamentalem Rankenwerk-Baum sitzend), III C (169v Meerwunder), III D (181v Fische, ebenfalls – irrtümlich? – Meerwunder [Meernixe, Wasserschlange, Mischwesen, jedoch keine Fische]), III E (196v Schlangen, in einem Teich schwimmend), III F (217v Kriechtiere und Insekten [ausschließlich Würmer, Schnecken usw., im Wasser schwimmend]), IV A (237v Bäume in Landschaft), V (286v Kräuter, in zwei Reihen, jeweils auf eigenem Bodenstück), VI (320v Edelsteine: zwei Männer weisen auf einen Fundort), VII (349v Erze: drei Männer schürfen Erz) und VIII (357v Wunderbrunnen und -menschen in Landschaft). Keine Kapitelillustrationen zu Teil I, je eine zu II (65r Regenbogen über von Wasser umflossener Erdscheibe mit Städten), III C (174v Wasserpferd: ein in einem See schwimmendes Pferd), III D (188v Stör), VII (353v Kupfer: Mann bedient den Blasebalg einer Kupferschmelze) und VIII (360v drei Wundermenschen); je neun zu III A (84r Esel, 87v Kamel, 91v Hirsch, 95r Elefant [mit Turm auf dem Rücken], 101r Löwe, 106v Maulesel, 111r Panther, 112v Eichhörnchen, 115v Einhorn) und IV (241r Hagebutte, 243v Quitte, 248v Lorbeer, 251r Maulbeerbaum, 257v Birne, 264r Weinstock, 269r Balsam, 274r Kürbis, 279r Pfefferstrauch), zehn zu III B (126v Eule, 131v Taube, 134v Distelfink, 138r Falke, 142r Huhn, 145v Fasan, 150v Meergans, 155v Pfau, 161v Sittich, 163v Zahnklaffer [strix]), je drei zu III E (201r Meerschlange [berus], 204r Drachenkopf, 211r Sirene), III F (223v Riesenkröte, 226v Hornisse, 231v Schnecke) und VI (327v Karfunkel, 332v Heliotrop, 339r Saphir), sechs zu V (293r Hauswurz, 296r Safran, 300r Pfefferkraut, 305r Lilie, 309r Gerste, 314r Immergrün).

In den Landschaften der Illustrationen 65r (Regenbogen) und 217v (Titelbild zu III F) ist nach Wegener (1927) S. 42 das Straßburger Münster im Bauzustand nach 1439 dargestellt.

Farben:

Deckendes Grün, Kobaltblau, schmutziges Gelb, Karmin, Zinnober, Umbra laviert. Farbmikrofiche: Hayer (1997).

Literatur:

Bartsch (1897) Nr. 145. – Kautzsch (1895) S. 82f. Abb. 38 (134v); Kurth (1914) Sp. 9 u. Anm. 11; Wegener (1927) S. 42f.; Fechter (1938) S. 128. 132. 140; Werner (1975) S. 82–86, Abb. S. 84 (120v). 85 (204r); Einhorn (1976) S. 284; Traband (1982) S. 84f.; Taf. nach S. 60 (36r); Mittler/Werner (1986) S. 89, Nr. 16 mit Abb. (188v); Hayer (1988) S. 420; Das Vermächtnis der Jahrhunderte (1989) Abb. S. 69 (217v + 218r). 70 (134v). 71 (120v); Saurma-Jeltsch (1991) Textbd. S. 1367–387, Katalogbd. S. 139–142; Spyra (1991) S. 18. 25. passim; Hayer (1998) S. 170f. 408–414, Abb. 2 (243v). 3 (293r).

Anmerkungen:

Vgl. auch die Lauber-Handschriften Nr. 22.1.7. und 22.1.20.

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 25: 65r. Regenbogen. Abb. 26: 131v. Taubenschlag mit Tauben. Abb. 27: 115v. Jungfrau mit Einhorn.

Abb. 25.
Abb. 26.
Abb. 27.