106.4.24. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2780
Bearbeitet von Dagmar Hüpper und Gunhild Roth
KdiH-Band 10
1423 (104r).
Wien oder Wiener Neustadt.
Exlibris des Sebastian Höflinger (1533–1584), Kanzler des Erzbischofs von Salzburg; später Salzburg, Erzbischöfliche Hofbibliothek bis zur Auflösung ca. 1806.
| 1. | 1r–77vb |
›Schwabenspiegel‹ Land- und Lehnrecht
Landrecht in 390 Artikeln, Lehnrecht in 169 Artikeln, mit Register (1r–7r); vgl. MeSch V (2012) S. 40
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| 2. | 77vb–104ra |
›Stadtrecht von Wiener Neustadt‹
mit Register (77v–79v)
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Pergament, I (Papier) + 105 + I* (Papier) Blätter, 350 × 263 mm, Bastarda, eine Hand, zweispaltig (beide Register einspaltig), 38–39 Zeilen (Register zu Text 1 45 Zeilen), 16 reich geschmückte Zierinitialen mit Akanthusranken, besonders groß und prachtvoll vor dem Lehnrecht (61vb) und Text 2 (79va), z. T. flüchtige Zeichnungen am Blattrand, rote und blaue Majuskeln, rote Überschriften, rubriziert.
bairisch-österreichisch.
Drei Miniaturen des Meisters Michael (10r, 11v, 12r), eine Miniatur einer anderen Hand (8r). Eine Bildlücke über zwei Drittel der Seite (16v) vor Kapitel 34 (Das reich vnd die swaben). – Christliche Ikonografie und Privatrecht.
Vor Beginn des Landrechts (8r) ein kreisrundes, fast die ganze Seite ausfüllendes Medaillon, in mehrfarbigem runden Rahmen und bis zu den Seitenrändern mit Rankenwerk geschmückt. Der darunter frei gebliebene Platz (Höhe von fünf Zeilen) ist für den Textbeginn genutzt worden. Die anderen drei Miniaturen (10r halbseitig mit zwei Registern, 11v, 12r ganzseitig mit Schemata) sind in den Text des Landrechts eingefügt (10r, 11v gerahmt, 12r ungerahmt).
8r: Schöpfungsdarstellung: Neben dem dreieinigen Gott (drei Köpfe, ein Nimbus) steht ein nackter Adam, die weitere Schöpfung wird durch Firmament (Sonne, Mond, Sterne) und Erde (Tiere des Wassers und der Luft, Bäume) dargestellt. Der Schöpfergott hält Adam an der Hand und weist auf seine Schöpfung. – Die Miniatur, die vor der Vorrede des Landrechts steht, greift die dort thematisierte Schöpfungsgeschichte auf und bindet dadurch das Recht in den göttlichen Kosmos ein (vgl. MeSch V [2012] S. 42).
10r: Auf hellrotem Untergrund zwei Figurenreihen, links oben: In einer Fensternische sitzt Origenes als blau gekleideter, bärtiger Gelehrter, der auf die Szenen links von sich weist: in der ersten Reihe zunächst Adam, der seine Scham bedeckt, daneben Noah, der aus einem Schiff herausschaut, und zuletzt Abraham als alter Mann in hellem Gewand und rotem Überwurf auf einem Steinsitz; er weist mit seiner rechten Hand über den Rahmen hinaus auf die Szenen in der zweiten Reihe. Diese zeigt Moses (Hörner) mit schwarzem Umhang, der auf den neben ihm sitzenden David (Laute und Krone) in grünem Gewand hinweist. Unter einem Baum kniet Maria, die das vor ihr liegende Jesuskind anbetet. – Die Miniatur zeigt zunächst Origenes, dessen Lehre von den Sechs Weltaltern im vierten Kapitel erläutert wird. Dann folgen die Weltalter in der Reihenfolge ihrer Nennung.
11v: Zu sehen ist eine schematische Darstellung der Arbor affinitatis (Tafel der Schwägerschaft): auf blauem Hintergrund sprießen aus akanthusartigem Wurzelwerk die hellgrün gerahmten Medaillons (drei Reihen zu jeweils fünf, in der obersten, vierten Reihe sieben). In der obersten Reihe sind die Medaillons mit hellen Bögen verbunden, nur das mittlere bleibt unverbunden. – Die nicht beschrifteten Medaillons stehen für die vier Grade (Reihen) der angeheirateten Seitenverwandtschaft, die im Zusammenhang mit den Artikeln zur Verwandtschaft/Sippe relevant werden (
12r: Die Arbor consanguinitatis (Tafel der Blutsverwandtschaft) wird repräsentiert von einem Mann mit hellem Haar und Bart, der einen roten Umhang trägt. Das Baumschema ist anhand der Wurzel, des Stammes und der Krone mit Blattwerk gut zu erkennen. – Die unbeschrifteten Medaillons stehen für die Mitglieder der Familien aus der Erblasser-, Eltern-, Großeltern-, Urgroßeltern- und Ururgroßelterngeneration, über die im Folgetext gehandelt wird (
Deckfarben in verschiedenen Blau-, Rot-, Grün-, Brauntönen, Gold.
Handschriftencensus; https://manuscripta.at/hs_detail.php?ID=4567
Abb. 169: 10r. Repräsentanten der Weltalter. Abb. 170: 11v–12r Schwägerschaftsschema (Arbor affinitatis); Blutsverwandtschaftsschema (Arbor consanguinitatis).