106.4.6. Bucuresti, Muzeul National de Istorie, Nr. 554
Bearbeitet von Dagmar Hüpper und Gunhild Roth
KdiH-Band 10
14. Jahrhundert und 1453 (Hinterdeckel).
Alemannischer Raum.
1481 brachte der Jurist Thomas Altenberger (183r) den Codex nach Hermannstadt, wo er als Rechtsbuch im Gebrauch war; dann Hermannstadt, Stadtarchiv und Archiv der sächsischen Nation; ebenda, Freiherrliche Brukenthalsche Bibliothek (Sibiu, Muzeul Brukenthal Ms. 762); die Handschrift wurde 1971 an das Nationalmuseum gegeben.
Siehe auch Nr. 106.7.2., Nr. 106.10.5.
| 1. | 1ra–25va | Register zu allen Texten |
| 2. | 28ra–136va (1ra–106va) |
›Schwabenspiegel‹ Landrecht
im Register als nuerenpergisch recht bezeichnet
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| 3. | 137va–162ra
(106va–131ra) |
›Weichbild-Vulgata‹
siehe Nr. 106.7.2.
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| 4. | 164ra–182rb
(132ra–148ra) |
›Stadt- und Bergrecht von Iglau‹
siehe Nr. 106.10.5.
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| 5. | 182v–183r
(148v–149r) |
Amtseid (Auszüge)
Ich N. Swer got
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Pergament, 184 Blätter (durchgehend neu foliiert, zeitgenössische Zählung beginnt mit Text 2), 355 × 245 mm, gotische Minuskel, eine Hand (eine weitere schrieb Text 5), zweispaltig, 34 Zeilen, sieben- bis achtzeilige große Zierinitialen an den Buchanfängen, zwei- bis vierzeilige verzierte Lombarden, auch im Register (teilweise mit Köpfen, teilweise mit Textbezug, dazu siehe unter II.), farbiges Rankenwerk, Drolerien, rubriziert.
alemannisch.
Zwei ganzseitige Deckfarbenminiaturen zu Text 2 (32r) und Text 5 (oder zur gesamten Handschrift) (182v). Drei achtzeilige historisierte Initialen auf Goldgrund zum Register (zu Text 2: 1ra; zu Text 4: 22ra, siehe Nr. 106.10.5.) und zu Text 2 (28ra). Durchgängig drei- oder vierzeilige Initialen im Register und an den Kapitelanfängen, manche davon historisiert (siehe Nr. 106.7.2. und Nr. 106.10.5.). – Verfassungs- und Privatrecht.
Zu Text 2: eine ganzseitige Miniatur (32r) im Kapitel Von der sippe zal (Ldr. 3). Eine historisierte Initiale (28ra) etwa über die halbe Spalte am Beginn der Vorrede.
Zum Register: In der gerahmten S-Initiale (1ra) sitzen ein Papst (Mitra, Handschuhe) und ein weltlicher Herrscher (Bügelkrone, Reichsapfel, Zepter) auf einer Thronbank. Beide halten Blickkontakt, der Papst hat einen Rotulus (?) in seiner linken Hand, seine Rechte scheint eine Rede zu signalisieren. Der Herrscher hat das rechte Bein über das linke geschlagen und zeigt damit rote Beinlinge und modisches Schuhwerk. – Das Bild steht am Beginn des Prologs zum Gesamtregister des Buches, in dem die Benutzer aufgefordert werden, sich nach dem von Gott gegebenen Recht zu richten, nach dem in der Nachfolge von Moses bereits die Vorgängergenerationen (Kaiser Karl, Ludwig, Justinian sowie Papst Silvester) Recht gesprochen haben. Der Papst vertritt das geistliche Recht, der weltliche Herrscher, der die Beine wie ein Richter übereinandergeschlagen hat, das weltliche. Denkbar ist, dass der Redegestus des Papstes und die Urkunde, die er in der Hand hält, als Hinweis auf die Beauftragung des Kaisers durch den Papst zu verstehen sind (Zwei-Schwerter-Lehre).
Zu Text 2: In der gerahmten H-Initiale (28ra) sitzt Gottvater auf einem einstufigen Kastenthron. Obwohl die Zeichnung im oberen Teil beschädigt ist, lässt sich erahnen, dass er die rechte Hand zu einem Segensgestus erhoben hat und mit seiner Linken einen Codex präsentiert. – Die Illustration, die zu Beginn des Vorwortes zum ›Swsp‹ steht, greift die ersten Worte, die Anrufung Gottes, auf. Im weiteren Verlauf des Textes wird die göttliche Fundierung des Rechts (Codex) betont (Zwei-Schwerter-Lehre).
Die ganzseitige Miniatur (32r; eine ungewöhnliche Variante der Arbor consanguinitatis) zeigt einen nur mit kurzer Bruche bekleideten Mann mit langen grauen Haaren und Bart. An den rechtwinklig gebeugten Armen positionieren sich auf jeder Seite sieben nackte kleine Figuren, rechts jeweils mit offenem langen Haar, links mit kurzem Haar, die Schriftbänder halten. Diese bezeichnen die einzelnen Verwandtschaftsgrade (sippe zal, 31ra unten), rechts auf der Frauenseite mit Hausfrau, Tochter, Enkel, Urenkel, des Urenkels Kind, Ururenkel (!), des Ururenkels Kind. Links auf der Männerseite mit Mann, danach ebenfalls laut Schriftband Tochter (!), Enkel, Urenkel, Ururenkel, des Ururenkels Kind. Direkt am Körper links und rechts befinden sich ebenfalls zwei Figuren, die als der maget vrewnt bezeichnet werden. – An der großen Zentralfigur (Stammvater) sind die sieben Verwandtschaftsgrade personifiziert, die für Erbfolgeregelungen rechtlich relevant sind. Hierbei fällt auf, dass der Illustrator nicht nur sehr frei mit den Textvorgaben umgegangen ist, sondern auch Fehler begangen hat: Gegenüber den sechs Graden auf der Männerseite stehen sieben auf der Frauenseite, da die Ururenkel gedoppelt wurden. Außerdem hätte auf der Männerseite ein Sohn nicht nur im Bild, sondern auch im Schriftband erscheinen müssen. Die Seitenverwandten (maget vrewnt) sind an der Seite des Stammvaters und Erblassers platziert.
Etliche Initialen haben einen Bezug zum Text, z. B.: Gottvater zu erkennen am Nimbus (8rb), Moses zeigt graue Haar- und Barttracht (30rb). Zum König erscheint ein Männerkopf mit Krone (3va, 5va, 22ra, 110va, 164ra), zum Bischof einer mit Mitra (5ra, 69va); der Richter ist an seinem Richterhut zu erkennen (3rb, 5rb, 5vb, 22rb, 108ra, 119va), ebenso der Jude an seinem typischen Spitzhut (21va, 105rb, 106va). Eine verheiratete oder verwitwete Frau wird mit Schleier dargestellt (1vb, 3ra, 10vb, 165rb), eine unverheiratete mit offenem Haar (2va, 7ra, 48rb). Der Narr ist kahlköpfig und weist ein grobschlächtiges Profil auf (103va). Auch Tiere wie das Pferd (9rb) und der Hund (99ra, 99rb) illustrieren Textinhalte. Es fällt auf, dass im Fortgang der Handschrift die Anzahl der historisierten Initialen abnimmt, die meisten sind im Registerteil und im ›Swsp‹ zu finden. Der Übergang zu den historisierten Initialen ist unter Umständen fließend, so z. B. bei dem Kind, das das väterliche Gut verspielt (46vb) und als junger nackter Mensch mit zwei Würfeln dargestellt wird. Die floral verzierten Initialen scheinen regelhaft nach Musterbuch, evtl. Schablone gefertigt, sie wirken nahezu identisch (vgl. etwa 108r und 108v, 110r). Alle Initialen sind gleich groß (ca. ein Drittel Spaltenbreite), gerahmt, weisen einen ausgefüllten Binnenraum auf und ragen links in das Fleuronné.
Zu Text 5 oder auf die ganze Handschrift bezogen: Kreuzigungsszene mit Maria und Johannes (182v); siehe Nr. 106.10.5.
breite Palette aller Farben, Gold.
Abb. 150: 32r. Stammvater mit personifizierten Verwandtschaftsgraden.