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37.1.20. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 2.4 Aug. 2º

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 4/1

Datierung:

Um 1450–80 bis ca. 1492. Nachtrag 1535–1544.

Lokalisierung:

Wohl Nürnberg / Text 1: Nordbayern?

Besitzgeschichte:

Zu weiten Teilen in Nürnberg geschrieben, dort um 1500 zusammengestellt und bis mindestens 1535–1544 beheimatet (vgl. Text Nr. 3: Predigten des Nürnberger Pfarrers an St. Lorenz Andreas Osiander [1498–1552]). Der ehemals im Vorderdeckel eingeklebte Einblattdruck (Ave Maria mit 1100jährigem Ablaß von Papst Sixtus IV. und Holzschnitt Madonna mit Kind) heute im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig (Kiepe [1984] S. 362), weitere Einblattdruckreste am Schluß der Handschrift deuten darauf hin, daß »hier eine Sammlung von Bilderdrucken eingeklebt« war (Kiepe S. 365). Die beiden Wappenholzschnitte auf dem neueren Spiegelblatt bislang nicht identifiziert (Kiepe S. 362). Von Herzog August dem Jüngeren (1579–1666) vermutlich aus Nürnberg erworben.

Inhalt: ›Wolfenbütteler Priamelhandschrift‹ (Inhaltsbeschreibung bei Euling [1908] und Kiepe [1984]), vom Kompilator um 1500 als zweigeteilte – weltlich-geistliche – Priamelsammlung konzipiert, wobei der geistliche Teil (170–255) offenbar früher vorlag und dann um einen mit dem ›Edelstein‹ beginnenden weltlichen Teil (1–169) erweitert wurde; ein gemeinsames Register 1ra–8ra erschließt alle Teile der Handschrift.
Darin:
1. 15ra–52rb (alt: Ira–XXXVIIJrb) Ulrich Boner, ›Der Edelstein‹

Hs. W1 [Pfeiffer: Wa] (Bestandsklasse IIa)

2. 91rb–99rb, 119rb–125rb, 130vb, Zahlreiche Exzerpte und Einzelsprüche aus
133vb–142va, 206va, 212rb, 244vb–245rb Freidanks ›Bescheidenheit‹

Hs. E, Bezzenberger (1872) Nr. 6; Detailübersicht online unter http://www.mrfreidank.de/232/

3. 149r–169r Nachtrag: Andreas Osiander, Predigten (1535–1544)
3. 187rb–194ra Ps.-Engelhart von Ebrach, ›Das Buch der Vollkommenheit‹

Versbearbeitung auf Grundlage der Fassung C; vgl. Karin Schneider (Hrsg.): Pseudo-Engelhardt von Ebrach, Das Buch der Vollkommenheit. Berlin 2006 (Deutsche Texte des Mittelalters 86), S. LIII

4. 208rb–va ›Meister Eckhart und der nackte Knabe‹

Versbearbeitung; vgl. Kurt Ruh, in: 2VL 2 (1980), Sp. 350–353, Nachtrag: 2VL 11 (2004) Sp. 390

5. 243v Mönch von Salzburg, ›Das guldein ABC‹

Reimpaarbearbeitung u; vgl. Burghart Wachinger, in: 2VL 6 (1987), Sp. 658–670, Nachtrag: 2VL 11 (2004) Sp. 1012

I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament (sieben Blätter: 19, 20, 25, 26, 31, 32, 37) und Papier, noch 256 (nicht wie fälschlich bei Bodemann/Dicke 169) Blätter (moderne Zählung, die letzten drei Blätter nicht foliiert, Blatt 256 im Deckel eingeklebt), vom Kompilator aus mehreren Faszikeln zu einer Einheit zusammengefügt (ursprüngliche Foliierungen Blatt 15–146 [= rot I–CXXXIJ] und Blatt 183–256 [= I–LXXV], nach 169 ca. 26 Blätter herausgerissen, am Schluß ca. 50 weitere Blätter herausgerissen, beim Zusammenmontieren der einzelnen Teile sind weitere Einzelblätter entfernt bzw. ausgetauscht worden; in Text 1 ist vermutlich schon früher Blatt 29 [= XV] ersetzt worden, erst der Kompilator ersetzte das letzte Blatt durch ein neues [52]; unbeschrieben: 8v–14v, 70v–78v, 146v–148v), ca. 360 × 270 mm (die Lagen 2 bis 4 mit Text 1 bestehen aus Blättern eines Faszikels von ehemals deutlich kleinerem Format, die in ausgeschnittene Blätter der Haupthandschrift hinein montiert wurden; die Zusammensetzung des Faszikels war ursprünglich anders: die Pergamentblätter bildeten vermutlich die außen liegenden Doppelblätter von vier Ternionen [kiepe (1984) S. 364 f.] oder die äußeren und Mittelblätter von zwei Sexternionen, wobei das Gegenstück zu Pergamentblatt 19 fehlt [ehem. Blatt vor 15 / 19, 20 / 25, 26 / 31, 32 / 37], die folgenden Lagen ohne Pergamentblätter), zweispaltig (mit Ausnahme von 149–169), fünf Schreiber, I (Kiepe: Sa), der Hauptschreiber und Kompilator der Sammlung: 1r–8ra, 52ra–146rb, 170r–253v, II (Sb), der Schreiber des ›Edelstein‹ als ältesten Teil der Sammlung: 15ra–28vb, 30ra–47vb, saubere Buchbastarda, ca. 51–52 Zeilen, erster Vers einer Spalte beginnt oft mit Cadelle, Versanfänge rot gestrichelt, rote Caputzeichen, Lombarden über zwei Zeilen und Überschriften, 15ra durchbrochene Eingangsinitiale über sieben Zeilen; III (Sd), der Fortsetzer von II: 47vb–51vb, ca. 51–52 Zeilen, kleinere, fast schleifenlose Bastarda, Rubrizierung wie II, doch ohne Überschriften; IV (Sc), Nachtrag zu II: 29r–v; V, Nachtragsschreiber des 16. Jahrhunderts: 149r–169r. Etliche Benutzeranmerkungen an den Rändern.

Schreibsprache:

Text 1: nordbairisch.

II. Bildausstattung:

Zu Text 1 104 kolorierte Federzeichnungen (Blattangaben siehe S. 200–205) von drei Händen: A: 15r–48va, B: 48vb–51ra. C: 30r–v. – Auch die anderen, von Schreiber I (Sa) geschriebenen Teile der Sammlung waren zur Bebilderung vorgesehen: zwischen den Priameln stets Freiräume von 50–60 mm Höhe (vgl. Kiepe [1984] S. 363).

Format und Anordnung:

meist spaltenbreite, quer- bis hochrechteckige Bilder, die genau in den vorgegebenen Bildraum vor dem Fabeltext mit Überschrift eingepaßt sind. Die Bildhöhe richtet sich nach dem vorhandenen Platz, zuweilen sind nur schmale Bildstreifen möglich (26vb, 27rb). Die vorgezeichnete Kolumneneinfassung (Breite ca. 90 mm) wird manchmal unter- und nur sehr gelegentlich überschritten (16ra, 16vb, 31ra, vor allem aber bei der Bilderfolge 30v [über beide Spalten] und 32ra).

Bildaufbau und -ausführung:

sorgfältige Federzeichnung in violettrot gefüllter doppelliniger Einfassung (im Bereich des Zeichners C ohne Rahmen), in deckenden Farben koloriert. Zeichner A: Vor detailreich gestalteter Landschaftskulisse (wellige Hügel, Wälder, Wege schlängeln sich in den Hintergrund, darüber Himmelsstreifen aus sich nach oben verdichtenden blauen Pinselstrichen) oder in zentralperspektivisch konstruierten Innenräumen agieren die Fabelprotagonisten auf vorderster Bildebene. Der Rahmen grenzt die Darstellungen streng ein und überschneidet sehr häufig Figuren, wodurch sich eine räumlich exakte Text-Bild-Trennung ergibt. Die Rahmung sorgt aber zuweilen für sehr ungewöhnlich entwickelte Motivausschnitte, etwa 28va (Nr. 47. Löwe und Hirte): Der Betrachter blickt durch den vom Rahmen gebildeten Ausschnitt eines in den unmittelbaren Vordergrund gerückten Eisengitters auf den von wilden Tieren umringten Hirten. Protagonisten wirken marionettenhaft, wenig in die Kulissen eingebunden, menschliche Figuren klein mit oft zu großen Köpfen und stereotypen Physiognomien, Tiere ungelenk, dabei aber mit ansprechender Detailfreude und Bemühen um plastische Modellierung (Feder- und Pinselschraffen). Charakteristisch ist das vom Zeichner bevorzugte Gestaltungselement der Staffelung oder Reihung identischer Objekte, besonders für die Darstellung von Wäldern, die aus exakt gestaffelten Baumreihen bestehen, aber auch für Tiere (z. B. 31va, 39rb, 43va, 44ra) oder Häuser (z. B. 31ra, 47ra).

Zeichner B paßt sich dem Stil von A weitgehend an (er übernimmt z. B. die Baumreihungen), doch fügt er andere Gestaltungselemente hinzu: Landschaft wird bei ihm aus in versetzter Richtung ansteigenden, hintereinander liegenden Anhebungen gebildet, er bevorzugt Einzelbäume mit Kronen aus stern- oder palmförmig auseinanderstrebenden Ästen.

Zeichner C (30r–v) ist deutlich jünger, vermutlich benutzte er das heute verlorene Blatt als Vorlage, seine Zeichnungen sprechen jedoch eine andere Sprache: Deutlicher versucht er Bewegung festzuhalten und Plastizität zu erzeugen; charakteristisch der Ersatz der Staffagebäume durch knorrige Baumstümpfe.

Bildthemen:

Die Handschrift umfaßte zunächst nur die Fabeln der Redaktion IIa (einschließlich Epilog bis 47vb); dann wurden in einem nächsten Schritt nach einer anderen Vorlage einzelne Fabeln mit Bildern ergänzt, darunter auch die im ursprünglichen Stadium wohl übersehene Fabel Nr. 18 (Fuchs und Rabe). Die Handschrift ist die einzige, die eine Illustration zu den Fabeln Nr. 54 (Nachtigall und Sperber: 50ra) und Nr. 56 (Hirsch und Jäger: 50rb) bietet.

Bevorzugt sind 1:1-Darstellungen, zwei Bilder zu einer Fabel nur zu Nr. 37 (Fuchs und Storch) und Nr. 47 (Löwe und Hirte); dazu Fabel Nr. 52 (Mann, Sohn und Esel) mit fünf Bildern, die hier durch die auf eine Seite beschränkte Anordnung eine besonders verdichtete Sequenz bilden. Dazu mehrfach kontinuierende Darstellung: etwa zu Nr. 21 (Löwe und Maus: 20ra; ähnlich, nämlich in zwei Bildern hat nur der Münchener Clm 4409 die Fabel illustriert), zu Nr. 25 (Königswahl der Frösche: 21rb; zusätzlich zum Storch als neuer König der Frösche wird erläuternd auch eine weitere Königsfigur ins Bild gesetzt: Auf einem säulenartigen Sockel steht ein nackter König mit einem unbeschriebenen Schriftband in der Hand; so nur noch in der Inkunabel [Nr. 37.1.a.], S. 35), zu Nr. 28 (Wolf und gebärendes Schwein: 22rb; zusätzlich und singulär in der Bildüberlieferung das Motiv des vom Handlungsort fliehenden Wolfs), zu Nr. 51 (Pferd und Esel: 30ra, statt eines sonst üblichen Bildpaars), zu Nr. 71 (Schlange, an Pfahl gebunden: 51ra; links bindet der Mann die an einen Stamm gebundene Schlange los, rechts der Mann mit Schlange um den Hals, auf den Fuchs weisend, der als Richter aufrecht sitzt und den Stab hält), zu Nr. 72 (Frau und zwei Kaufleute: 36vb, statt eines sonst üblichen Bildpaars).

Auf eine mindestens punktuell sehr enge Orientierung am Text deutet die Darstellung des Kahlen (Nr. 36: Fliege und Kahlkopf) als nicht glatzköpfigen Buchgelehrten (24va): Aufgrund eines Schreibfehlers spricht nämlich die Wolfenbütteler Handschrift nicht von einem calwen, sondern von einem clugen (ebenfalls nicht glatzköpfig ist der Kahle im Holzschnitt des Bamberger Drucks [Nr. 37.1.a.], 31r, auch hier spricht der Text nicht von einem calwen, sondern von einem manne). Von besonderer Textnähe zeugt auch die zweite Darstellung zur Fabel Nr. 47 (Löwe und Hirte): Der Löwe küßt dem Hirten (entsprechend Vers 90) auf den Mund (28va), ferner die Darstellung zu Fabel Nr. 10 (Hochzeit der Sonne), die nicht dem Standard folgend die Binnenfabel des Textes (Hochzeit) illustriert, sondern das in Vers 1–4 der Fabel berichtete Motiv der Rahmenhandlung (Dieb als Ehemann): Ein Mann zieht einen sargförmigen Kasten aus einem Haus (17rb). Eher auf einem Mißverständnis beruht dagegen die Darstellung zu Fabel Nr. 67 (Esel und Löwenhaut): Ein Mann treibt einen Esel, der ein quer über den Rücken gehängtes Löwenfell trägt (35rb).

Farben:

Violettrot, Rot, helles Blau, gelbliches Grün, mehrere Braun- und Rosttöne, Grau, Schwarz.

Literatur:

Heinemann 1 (1890/1965) S. 68 f. – Karl Euling (Hrsg.): Kleinere mittelhochdeutsche Erzählungen, Fabeln und Lehrgedichte. II. Die Wolfenbütteler Handschrift 2.4. Aug. 2º. Berlin 1908 (DTM 14); Fabula docet (1983) Kat. Nr. 26, S. 107 f., Abb. S. 108 (49rb); Kiepe (1984) S. 362–366 und passim; Peil (1985) S. 156, Abb. 16 (33rb); Bodemann/Dicke (1988) S. 434 u. ö.; Peil (1990) pass., Abb. 62 (15r). 63 (41r); Häussermann (2008) S. 32 f. Abb. 8 (19r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Taf. XXI: 21r. Ulrich Boner, ›Der Edelstein‹: König und Untergebene (Fabel 24. Königswahl der Athener) – Zwei Störche verspeisen Frösche, daneben eine Königsstatue (Fabel 25. Königswahl der Frösche).

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Taf. XXI.