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49a. Hausbücher

Bearbeitet von Pia Rudolph

KdiH-Band 6

Das spätmittelalterliche Hausbuch ist wegen der Heterogenität seiner Inhalte kein leicht abzugrenzender Gegenstand. In der Regel handelt es sich um ein offenes Kompendium im Privat- bzw. Familienbesitz. Die repräsentativen Handschriften wurden häufig mit zahlreichen, anschaulichen Illustrationen ausgestaltet, die sich an Laien richteten. Je nach Interessenlage des Besitzers bilden sich thematische Schwerpunkte. Der Begriff sollte ursprünglich andeuten, dass ein ›Hausvater‹ nützliche Hinweise in einem Buch für den ›Haushalt‹ versammelt, die von medizinischen Rezepten, moralischen Stoffen über Belagerungsmaschinen reichen können. Diese Assoziationen sind sicherlich mit Vorsicht zu betrachten, der Terminus ›Hausbuch‹ ist allerdings innerhalb der Forschung gängig geblieben. Zwei Handschriften haben vornehmlich den Begriff des Hausbuchs geprägt, das bebilderte Wolfegger Hausbuch sowie das nicht illustrierte Hausbuch des Michael de Leone. Seit dem 19. Jahrhundert spricht man nicht nur vom ›Wolfegger Hausbuch‹ (Nr. 49a.3.1.), sondern auch von dessen anonymem Illustrator als ›Hausbuchmeister‹. Ralf von Retberg schrieb 1865 in seinen ›Kulturgeschichtlichen Briefen‹ zur Wolfegger Handschrift, dass »sie allerlei enthält was dem Besitzer eines Hauses oder auch namentlich einer Burg wichtig erscheinen mochte und anderes was er eben, obgleich es nicht gerade nötig war für ergetzlich und der Aufzeichnung wert achtete.« (Retberg [1865] S. 4). Zahlreiche weitere Handschriften, die Wissensliteratur (auch Fachprosa, Sachliteratur) in deutscher Sprache enthalten, werden als ›Hausbuch‹ bezeichnet, sind allerdings hier nicht aufgeführt, da sie inhaltlich präziser anderen Stoffgruppen zugewiesen werden können. Iatromathematische Hausbücher werden weitestgehend in der Stoffgruppe 87. (Medizin) behandelt, zur Stoffgruppe 94. (Nekrologe) gehören die Chroniken der Zwölfbrüderhäuser, die sog. Nürnberger Hausbücher.

Zur Begrifflichkeit: Ralf von Retberg: Kulturgeschichtliche Briefe über ein mittelalterliches Hausbuch des 15. Jahrhunderts aus der fürstlich Waldburg-Wolfeggischen Sammlung. Leipzig 1865; Friedrich Lenhardt / Gundolf Keil: Iatromathematisches Hausbuch. In: 2VL 4 (1983), Sp. 347–351; Bernhard Schnell: Das Hausbuch als Überlieferungsträger. Zu Michael de Leone und zum ›Iatromathematischen Hausbuch‹. In: Würzburger Fachprosa-Studien: Beiträge zur mittelalterlichen Medizin-, Pharmazie- und Standesgeschichte aus dem Würzburger Medizinhistorischen Institut. Michael Holler zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Gundolf Keil. Würzburg 1995 (Würzburger medizinhistorische Forschungen 38), S. 118–133; Venus und Mars (1997); Kurt Heydeck: Fachliteratur – Fachprosa. In: Aderlass und Seelentrost (2003), S. 340f.; Dieter H. Meyer: Hausbuch. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung. Hrsg. von Harald Fricke u. a. Bd. 2, Berlin 2007, S. 12–14; Udo Kühne: Das Hausbuch als Literaturzentrum. Michael de Leone: Sammler lateinischer und deutscher Texte. In: Kulturstadt Würzburg. Kunst, Literatur und Wissenschaft in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Hrsg. von Dorothea Klein und Franz Fuchs. Würzburg 2013, S. 1–23.

Als Quellen diente den Kompilatoren neben enzyklopädischer Literatur lateinischer Tradition vielfältige Fachliteratur, etwa Anleitungen zum Aderlass, Fecht- und Feuerwerksbücher, daneben aber auch die Überlieferung literarischer Texte, der z. T. Text und Bild entnommen wurde. Für Bildvorlagen konnte eine etablierte ikonographische Überlieferungstradition von Kalenderbildern, Minnesklaven, Aderlassmännchen etc. herangezogen werden, es tauchen aber auch ganz neue Bildtypen auf, wenn etwa technische Instrumente möglichst exakt beschrieben und illustriert werden (49a.4.2.). Bild- und Textdarstellungen stehen als Informationsträger gleichberechtigt nebeneinander, weshalb z. B. das Krakauer Hausbuch (Nr. 49a.5.2.) auch als ›Bild-Enzyklopädie‹ bezeichnet wird.

Die Handschriften versuchen Wissen über ein möglichst breites Spektrum hinweg zu erfassen und schaffen damit eine Art Grundlagenbuch, das in der Familie weitergereicht werden soll. Innerhalb der mitunter auch sehr speziellen Themen spiegeln sich ein hoher persönlicher Wert und privates Interesse wider.

Die Nutzungsspuren im Hausbuch der Familie Herberstein (Nr. 49a.1.1.) weisen auf den starken Gebrauch der Handschrift, besonders der abgegriffene Würfelbuch-Teil war offenbar sehr beliebt und wurde immer wieder herangezogen. Die Handschrift von ca. 1419 war über mehrere Jahrhunderte im Familienbesitz, Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie neu gebunden und mit wichtigen Familiendokumenten zusammengeführt.

Ein besonderes Interesse an Handwerk und Kriegsführung wird im Löffelholz-Hausbuch von ca. 1505 (Nr. 49a.4.1.) sichtbar, das verschiedenste Werkzeuge, technische Erfindungen und Kriegsgeräte zeigt. Ihr Besitzer war der Nürnberger Patrizier und Ritter, Martin Löffelholz. Seine Beschäftigung mit den für die ›Artes mechanicae‹ notwendigen Instrumenten war innerhalb des reichen Bürgertums oder Adels durchaus nicht selten (Franz Maria Feldhaus: Eine Nürnberger Bilderhandschrift mit einem Nachtrag von Emil Reicke: Martin Löffelholz, der Ritter und Techniker [gest. 1533]. Enthüllungen über den Verfasser der Handschrift. Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 31 [1933], S. 222–239, hier S. 227f.). Als Pfleger des Amtes Lichtenau war Martin Löffelholz sicher näher mit Kriegsinstrumenten aller Art vertraut und wenn er (vor 1522) an Willibald Pirckheimer schrieb, er habe ein »vollständiges Inventarium über etlich Hausrat und Werkzeug mit Fleiß angefertigt« (Ebd., S. 238), so könnte mit diesem Inventar das der Feste Lichtenau gemeint sein, das in das Hausbuch eingegangen ist. Neben Festungsbestand und vielleicht eigenem Werkzeugbesitz dokumentierte er auch Kenntnisse ganz spezieller Gerätschaften, wie Fuß- und Handfesseln (ebd., S. 232–238). Wegen einer Familienfehde war Löffelholz über mehrere Wochen in Gefangenschaft. In Briefen hielt er fest, dass er in Fesseln gelegt war. Darstellungen von Fesseln in seinem Hausbuch oder auch Ratschläge, wie man Gefangenen heimlich Briefe zukommen lässt, manifestieren womöglich persönliche Erfahrungen.

Trotz des hohen privaten Charakters der Handschriften sollte man die Hausbücher als repräsentative Gegenstände begreifen, die keine dokumentarischen Szenen aus dem Leben des Spätmittelalters einfangen. Besonders das Wolfegger Hausbuch (49a.3.1.) wurde häufig als Forschungsgegenstand wegen seiner Darstellungen aus dem realen Adelsalltag herangezogen, mittlerweile begreift man sie als höfische Idealbilder. Vielmehr geben die abgebildeten Objekte Auskunft über die Materialkultur des 15. und frühen 16. Jahrhunderts.

Die Auswahl der Bild-Text-Kombinationen in den Hausbüchern scheint nach drei Prinzipien erfolgt zu sein:

1. Lernen und Memorieren: Anhand der Bild-Text-Kombination fällt es dem Benutzer leichter, sich Dinge einzuprägen und sie wiederzugeben bzw. auch das Prinzip des Memorierens zu erkennen, so dass einmal gelernte Informationen später wieder angewandt werden können. Das Wolfegger Hausbuch beginnt mit einem nicht illustrierten Text zur Gedächtniskunst. Wahrscheinlich sollte sich der Leser mit Hilfe dieser Methode des Memorierens die folgenden Teile einprägen. Besonders deutlich wird die Verbindung von Text und Bild als Gedächtnis- oder Lernhilfe beim sog. Figurenalphabet, welches Buchstaben mit Tieren oder Gegenständen verbindet. Die Schwesterhandschriften, heute in Erlangen (Nr. 49a.5.1.) und Krakau (Nr. 49a.5.2.), zeigen jeweils ein Figurenalphabet. In der Washingtoner Handschrift kann sich der Leser durch den Turm der Weisheit bewegen und von der Basis bis zu den Zinnen den Aufbau der Weisheit verstehen lernen. Diese Bild-Text-Kombination veranschaulicht praktisch die Gedächtnismethode, die in dem Exemplar aus Wolfegg beschrieben wird, wobei ein jeder zu memorierende Gegenstand an einem bestimmten Ort (Haus, Weg) abgelegt werden soll und später wieder abgeholt werden kann.

2. Ansammeln, Ordnung, Struktur und Aufbau: Die Bild-Text-Systeme sollten einen bestimmten Grundaufbau der Welt sichtbar machen, in den sich alle Dinge einordnen lassen. Die mitunter mathematisch beweisbaren Ordnungsprinzipien der Welt können zum Beispiel mit Hilfe von Gruppierungen deutlich gemacht werden. Die Schwesterhandschriften in Erlangen und Krakau (49a.5.) ordnen möglichst viele Dinge der Ziffer sieben zu: die sieben schwarzen Künste, die sieben freien Künste, die sieben freien Handwerke, die sieben Erdoberflächen etc. Diese Zuordnungen wiederum erlauben es, sich die dargestellten und genannten Gegenstände leichter zu vergegenwärtigen. Darüber hinaus werden mathematische Grundformen vorgeführt, die zeigen, dass auch komplexe Strukturen, wie Gewölbe, Labyrinthe, der proportionale Aufbau des Körpers und des Gesichts aus Dreiecken, Kreisen, Rechtecken besteht. Der Kreis als wiederkehrendes Grundschema fällt sowohl bei den Schwesterhandschriften als auch bei der Washingtoner Handschrift ins Auge. Besonders das Erlanger Exemplar veranschaulicht, dass alle denkbaren Gegenstände möglichst vollstän dig erfasst und kategorisiert werden sollen. Alle Handschriften (mit Ausnahme des Löffelholz-Exemplars) versuchen auf gewisse Weise Grundstrukturen, die Einfluss auf das menschliche Leben haben, bildlich zu veranschaulichen: den Aufbau der Himmelssphären oder den Einfluss der Planeten (Washington, Wolfegg, Erlangen, Krakau) oder den Aufbau der Welt aus den vier Elementen (Augsburg).

3. Erkennen, Deuten, Eingreifen und Wissen: Die Bild-Text-Kombinationen ermöglichen es, bestimmte Merkmale wieder zu erkennen, richtig zu deuten und das eigene Handeln danach auszurichten. Ein zentraler Aspekt aller Handschriften ist der Bezug des Menschen zu seiner Umwelt. Immer werden Ratschläge erteilt und festgehalten, wie man sich in bestimmten Situationen – etwa wenn man von einem wilden Hund gebissen wurde (Löffelholz-Handschrift) – zu verhalten habe. Die Methodik des Vorhersehens und Prognostizierens spielt in den Exemplaren in Krakau, Erlangen und Augsburg eine bedeutende Rolle. In den ›Bild-Enzyklopädien‹ (49a.5.) wird beispielsweise erklärt, wie bestimmte Wetterphänomene zu deuten sind, damit man nicht von einem Unwetter überrascht werden kann. Das Studieren des Gegenübers und die Deutung seiner Physiognomie werden ebenfalls dargelegt. Werden die sichtbaren Zeichen richtig gedeutet, kann der Mensch sein Verhalten verändern oder neu ausrichten. Bild-Text-Kombinationen können diese Anleitungen leichter vermitteln, für die Chiromantie im Erlanger Exemplar etwa gibt es zehn Bildseiten mit 64 Händen (und Füßen), die aufzeigen, wie deren Linien richtig zu lesen sind. Das Lesbarmachen von optischen Erscheinungen (Wetter, Sterne, Körper) scheint einen zentralen Punkt der Handschrift auszumachen. Das Erkennen des Gegenübers oder das Wahrnehmen einer schlechten Wetterlage ist für den Menschen ebenso von Bedeutung wie die Einschätzung, ob es sich um ein gutes oder schlechtes Pferd handelt. Diese Deutungen können nicht nur Auswirkungen auf das körperliche Befinden haben, sondern auch auf das geistliche Wohl des Lesers. In der Washingtoner Handschrift gibt es geistliche Kompilationen zur Betrachtung und Belehrung (Geistlicher Obstgarten), das Herberstein-Hausbuch erinnert den Leser an die Allgegenwart des Todes. Der weise Mensch richtet sein Verhalten auf das Jenseits aus und folgt keinen irdischen Versuchungen (Washingtoner Handschrift). Zunächst galt es demnach Beziehungen und Strukturen in der sichtbaren Welt zu erkennen und zu memorieren, um auf dieser Basis weise handeln zu können.

Aufgrund der hohen Diversität bildet im Folgenden jedes Hausbuch eine eigene Untergruppe. Nur die ›Bild-Enzyklopädien‹, die wohl eine nicht erhaltene, gemeinsame Vorlage haben, sind einer Untergruppe zugeordnet. Die Untergruppen sind chronologisch angeordnet, ihre Benennung orientiert sich an der in der Forschung jeweils üblichen Bezeichnung.

Literatur zu den Illustrationen:

Vom Leben im späten Mittelalter. Der Hausbuchmeister oder Meister des Amsterdamer Kabinetts. Ausstellung und Katalog J. P. Filedt Kok. Amsterdam u. a. 1985. – Christoph zu Waldburg Wolfegg: Venus und Mars. Das Mittelalterliche Hausbuch aus der Sammlung der Fürsten zu Waldburg Wolfegg. München u. a. 1997. – Marcus Castelberg: Wissen und Weisheit. Untersuchungen zur spätmittelalterlichen »Süddeutschen Tafelsammlung« (Washington, D.C., Library of Congress, Lessing J. Rosenwald Collection, ms. no. 4). Berlin / Boston 2013 (Scrinium Friburgense 35).