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KdiH

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18.1.1. Gotha, Forschungsbibliothek, Chart. A 594

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 2

Datierung:

Ende des 15. Jahrhunderts.

Lokalisierung:

Augsburg?.

Besitzgeschichte:

Einträge 1r u. a. Edler vnnd bester vnnd treuuer herr Ewer freiberg[?] hab Ich (16. Jh); Anno domini 1575 Jarr Vonn mir Casparr Lechenherr Von Le··derr Behiet mich gott in aller not; Item hanns schmid Sol mir μ d vmb brot (15. Jh.?); 1v: Taxe: 5000 M, dazu Notiz zur Blattzahl und Paginierung mit Zusatz von Joh. Christ. Gottsched P. P. Lips. (Johann Christoph Gottsched [1700–1766]); 2r (zwischen lat. Sprüchen) Joannes Engelbertus Noise vonn Augspurg Diß schrib ich den 28 Nouember ihm Jar nach Cristi geburt 1585; 231r 1560–1411 = 149 Jar ist allt diß buech. Der Namenseintrag Conradus Gauttinger 1590 im hinteren Innendeckel (vgl. Schweitzer [1993] S. 190f.) ist – wohl seit der Restaurierung 1958 – nicht mehr vorhanden.

Inhalt:
3r–230v Hans Vintler, ›Die pluemen der tugent‹

Hs. G

I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 231 Blätter (nach neuerer Bleistiftzählung, die ältere Seitenzählung I–II, 1–454 hat Zählfehler, nach Blatt 19 fehlt ein Blatt), 405 × 285 mm, Bastarda, eine Hand, einspaltig, 32–35 Zeilen, Verse abgesetzt, Versanfänge in abwechselnd roten und grünen Majuskeln, der folgende Buchstabe jeweils rot gestrichelt, an Kapitelanfängen Initialen über sechs Zeilen, dilettantisch ornamentiert, gelegentlich mit unbeholfenen figuralen Binnenzeichnungen (nicht von der Hand des Illustrators), 3r ornamentierte farbige I-Initiale über 15 Zeilen.

Schreibsprache:

schwäbisch.

II. Bildausstattung:

233 (von 235; s. o. Blattverlust) kolorierte, meist gerahmte Federzeichnungen: 2v, 7r, 8v, 9v, 15v, 16r, 16v, 17r, 18r, 19r, 20v, 21v, 22r, 23r, 24v, 26r, 27r, 28r, 32r, 32v, 33v, 34r, 35r, 36r, 37r, 38r, 38v, 39r, 39v (2), 40r, 41r, 43r, 44r, 45v, 46r, 46v, 47r, 48r, 48v, 49r, 50v, 51v, 52v, 54r, 55r, 57v, 58r, 60r, 62r, 63r, 65r, 65v, 66r, 67v, 68v, 69v, 70v, 73r, 73v, 74v, 75r, 75v, 76v, 79r, 81r, 82v, 83r, 85v, 86r, 88v, 89v, 90r, 91r, 92r, 93v, 94r, 95v, 96r, 97r, 98r, 99r, 99v, 100r, 101r, 102r, 103r, 104r, 104v, 105r, 105v, 106r, 107r, 109v, 110v, 111r, 111v, 112r, 114r, 115r, 115v, 117v, 118r, 120r, 124r, 124v, 125v, 126v, 127r, 128v, 130r, 131r, 131v, 132r, 133v, 137v, 138r, 138v, 140v, 141v, 145r, 145v, 146r, 147v, 148v, 149v, 150v, 153r, 154v, 156r, 156v, 159r, 160r, 160v, 161r, 161v, 162v, 163r, 163v, 166r, 167r, 167v (2), 168r, 168v, 169r (2), 169v, (2), 170r (2), 170v, 171r (2), 171v, 172r, 172v (2), 173r (2), 173v, 174r, 174v, 175r, 175v, 176v, 177r, 177v, 178r, 179v, 180r, 181r, 181v, 183r, 183v, 184r, 184v, 185r, 186r, 186v, 187v, 188r, 188v, 189r, 189v (2), 190r, 190v, 191r, 191v, 193r, 193v, 194v, 195r, 195v (2), 196r (2), 196v, 197r, 198v, 201r, 202v, 203v, 204r, 205r, 205v (2), 206v, 207r, 208r, 209r, 210r, 211r, 212r, 212v, 213r, 213v, 215v, 216r, 217r, 217v, 218r, 218v (2), 219r, 220v, 221r, 221v, 222r (2), 223r, 223v, 224r; eine Hand; ein gerahmter Bildfreiraum (192r, von einer Dilettantenhand mit der Skizze der folgenden Illustration gefüllt); das Bild 17r wegen Blattbeschädigung defekt.

Format und Anordnung:

Das Autorbild separat auf einem freien Blatt vor Textbeginn (2v: 240 × 216 mm), die Textillustrationen meist als ungefähr halbseitige Querrechtecke in schwarzer Einfassungslinie und rotem Kastenrahmen (links und unten entlang der schwarzen Umrißlinie eine Deckweißlinie), gelegentlich, v. a. gegen Ende, auch in einfacher Linieneinfassung, unterschiedlich hoch, in der Breite über den vorgezeichneten Schriftspiegel beträchtlich hinausragend (ca. 130–231 × 210–245 mm), selten dreiviertel- (81r, 111v, 112v) bis ganzseitig (50v: 360 × 255 mm); gegen Ende nehmen ungerahmte Zeichnungen zu (111r, 118r, 180r, 221v, 222r, 223r, 223v, 224r), auch die zuweilen als Randzeichnungen angelegten Illustrationen (34r, 39v [2], 205v [2], 222r) sind ungerahmt; anfangs in der Regel vor die illustrierten Textstellen eingefügt, später wird die Textzuordnung lockerer (Zuordnungsfehler 32r–35r und 166r–177r); als Bild- oder Rahmeninschriften von Schreiberhand häufig die zugehörigen Kapiteltitel, gelegentlich auch Bildthemenangaben des Typs Von der starckmuetigkait ain figur von ainem falschen Artzatt (97r), Von der vnkünsch wegen hat sie sich erhenck (115r); gelegentlich Bei- und Inschriften (v. a. Namen) von einer späteren Benutzerhand (16./17. Jh.).

Unter der Creator-mundi-Illustration 149v ist noch – mit Deckweiß übermalt – die zunächst falsch angesetzte Federvorzeichnung des Bildes 148v (Albertus Magnus und das Sakrament) zu erkennen.

Bildaufbau und -ausführung:

Zentralperspektivische Bildanlage, die Szenen von erhöhtem Augenpunkt gesehen, mehrfach sind zwei einander folgende Szenen simultan links und rechts der Bildmitte angeordnet. Innenräume oft mit Bögen als zusätzliche Architekturrahmen, bei Außenräumen grenzt der Horizont auf ca. ⅓ bis ½ der Bildhöhe einen kargen olivgrünen Landschaftsstreifen mit flüchtig skizziertem Baum- und Grasbestand ab gegen den meist freien, nur zum oberen Bildrand hin manchmal in nach oben dunkler werdendem, bröseligem Kobaltblau lavierten Himmel. Die Zeichnung in sehr sicherer, geschlossener Linienführung, kräftige Konturen, häufig nach der Kolorierung nachgezogen, Binnenmodellierung selten in Schwarzstrichelung, vielmehr durch Farbabstufungen sowie unterschiedlich feine Pinsellinien in dunklerer Abtönung. Die Figuren nehmen die volle Bildhöhe ein, sind gedrungen mit großen Köpfen und üppigen Haartrachten in feinen schwarzen Federstricheln oder braunen Pinselkringeln und -wellen auf ockerfarbener flächiger Untermalung; Frauen in hoch taillierten, überlangen Gewändern, deren runde Falten am Boden aufstoßen oder abknicken, und mit Kopftüchern, Männer in nach Stand und Rang sehr unterschiedlichen Bekleidungen und Kopfbedeckungen. Runde Gesichter, schwarze Punktaugen in zwei offenen, gebogten Linien mit Lidbögen darüber und meist auch darunter sowie einem Brauenbogen; der Mund als schmale, nur in der Mitte mit rotem Pinsel nachgezogene Federlinie, die sich in den Mundwinkeln verdickt, darunter ein kurzer Strich, Hakennase mit dicker Spitze. Die Mimik der Figuren insgesamt stereotyp und hinter der sehr viel aussagestärkeren Gestensprache zurückstehend.

Flächige Kolorierung, wobei der Papiergrund als weiße Fläche aufgefaßt wird, über die Farbflächen gelegt sind in jeweils dunklerer Ausmischung als der Untergrund Pinselstriche, oft in Schraffurlagen, die die Plastizität der Körper und Gegenstände betonen; Herrschergewänder vielfach in reichem Brokatdekor (vorwiegend Grün auf Purpur oder Gelb auf Rot). Charakteristisch die Schattenrandung um Figuren und Gegenstände, meist in dunklerer Abtönung als die Grundfarbe; Bodenstücke sind dabei einige Millimeter breit abgedunkelt.

Die Gothaer Handschrift stimmt in Bildaufbau und Figurenauffassung weitestgehend mit dem Druck Blaubirers überein, jedoch ist die Bildanlage nahezu grundsätzlich seitenvertauscht. Seitengleich sind nur wenige Bilder, darunter vor allem »Standardmotive« wie 124r Engelsturz, 127r Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, 149v Schöpfung, 219r Sündenfall. Die Handschrift ist beim Seitenwechsel jedoch korrekt in den verbindlichen Richtungsangaben (Rechtshändigkeit!), sie ist zudem gelegentlich figuren- und detailreicher (Dekorationselemente, Architekturen u. ä.), manchmal realistischer, z. B. in der Wiedergabe von Größenverhältnissen oder der Gestik, und erweitert Requisiten oder Nebenszenen, die im Druck vom Rahmen abgeschnitten sind, über den Rahmen hinaus zur Vollständigkeit.

Bildthemen:

Einzige Handschrift der ›Pluemen‹ mit Autorbild (2v): Ein in vornehmem Mantel und Pelzhut gekleideter Mann sitzt auf einem Thronsessel, der umspannt ist von einem Vorhang mit Liliendekor; er hält einen Blütenkranz in Händen (vgl. v. 5f.) und blickt auf nach rechts, wo eine Mauerbrüstung die Sicht auf einen Landschaftsausschnitt mit Hügeln, Bäumen, Büschen und einer kleinen schemenhaften Kirche freigibt. Im Anschluß sind dem Text folgend Tiere, Szenen und Szenenfolgen zu Historien, Vergleichen und Aberglaubensformen dargestellt. Die Bildauswahl deckt sich mit wenigen Ausnahmen mit derjenigen des Drucks (Nr. 18.1.a.); nur selten stimmen Bildthemen und -motive nicht mit dem Druck überein, so etwa 125v (Alexanders Verzicht), wo die den Text mißverstehende Nebenszene des Drucks, die einen Jüngling mit Brot vom Ufer ins Wasser stürzend zeigt (vgl. Schramm 23 [1943/1981] Abb. 595), weggelassen ist. Das Hannibal-und-Hamilkar-Bild des Drucks (Schramm Abb. 509) wird in der Handschrift nicht an der zugehörigen Textstelle eingefügt, sondern umgedeutet und anstelle der gegenüber dem Druck fehlenden Illustrierung der Historie von Alexander und dem Dieb gesetzt (35r). Als ähnlicher Übertragungsfehler ist auch das Fehlen des vierten Thomas-von-Aquin-Holzschnitts (Thomas, die Bürgerin und der Mann mit dem seltsamen Gerät, Schramm Abb. 667) an der richtigen Position in der Handschrift anzusehen; er wird umgedeutet und gegenüber dem Druck zusätzlich als zweite Illustration zum Thema ›Sucht nach Reichtum‹ (189v [2]) eingesetzt. Wo der Druck einen Holzschnitt wiederverwendet, differenziert die Handschrift durch leichte Eingriffe zu zwei unterschiedlichen Bildern (181r und 186r, 168v und 190r, 212v und 217r). Ansonsten sind Motivänderungen gegenüber dem Druck selten: 50v (Ägyptische Plagen, vgl. Schramm Abb. 531) ist die symmetrische Anordnung der Plagen-Medaillons verfehlt und die Moses-Figur umgedeutet (mit Stab), 105v–106r (zwei Bilder zur Historie vom reuigen Dieb, vgl. Schramm Abb. 579–580) ist der Engel mit der Seele des Verstorbenen nicht in das erste, sondern erst in das zweite Bild eingefügt; statt eines Aderlaß-Bildes im Druck (Schramm Abb. 715) hat die Handschrift zwei ungerahmte Randzeichnungen (222r). Die sehr dichte Bebilderung der Aberglaubensliste (166r–177v mit 29 Bildern, darunter etliche mit simultaner Darstellung zweier unterschiedlicher Aberglaubensformen) stimmt zwar in Anzahl und Themen völlig mit dem Druck überein, die Reihenfolge der Bilder (nicht des Textes!) ist jedoch beim Kopieren völlig durcheinander geraten. Insgesamt ist der Druck als unmittelbare Vorlage des Gothaer Bildzyklus nicht wahrscheinlich – (ein Befund, der zu den Textuntersuchungen Zingerles, S. XXXIIf., paßt); eher haben Handschrift und Druck eine übereinstimmende Vorlage benutzt (möglicherweise dienten die Entwurfszeichnungen für die Holzschnitte dem Zeichner der Handschrift als Vorlage).

Farben:

Initialen zu den Kapitelanfängen Rot, Purpurkarmin, Blau, Grün; Kastenrahmen Zinnober, gelegentlich auch Rotorange oder Violettrosa; Illustrationen in meist deckenden Farben, Oliv, Malachit, Zinnober, Purpurrosa, selten bläuliches Violett (auch laviert), verschiedene Braun- und Ockerabtönungen, helles Gelb, auch in feinen Pinsellinien für Ornamente auf Gürteln, Schwertscheiden u. ä., Blau, Grau (laviert, z. B. für Pferde), Blaugrau (laviert, für Rüstungen), Schwarz (meist für Schuhe), Pinselgold für Kronen, Zepter u. ä., Deckweiß zur Modellierung in feinen Pinsellinien; Inkarnat oft aus orangefarbenen Schraffen, entlang der Umrisse mit hellem transparentem Grau übermalt. Vgl. Nr. 18.1.a.

Literatur:

Jacobs/Ukert 2 (1836) S. 327–330; Zingerle (1874) S. XXXII; Rothe (1965) S. 217f. 255, Taf. 71 (172v); Art. Il Fiore di virtù. In: Kindlers Literaturlexikon. Bd. 2 (1964/66), Abb. nach Sp. 2912 (172r); Rockar (1970) S. 42, Abb. 24 (68v); Siegfried Epperlein: Der Bauer im Bild des Mittelalters. Leipzig 1975, Abb. 51 (21v); Lülfing/Teitge (1981) S. 196 mit Abb. (21v); Schweitzer (1993) S. 189–191. 233–236 und passim, Abb. 2 (20v). 12 (50v). 17 (149v). 18 (190r).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Farbabbildung (Wikimedia Commons): 195v

Abb. 168: 196r. Gesprächsthema mit Geistlichen: Junger Mann vor Bischof kniend – Gesprächsthema mit Handwerkern: Zwei Handwerker, der eine sitzend und einen Block behämmernd, der andere mit dem Beil einen Pfosten bearbeitend. Abb. 169: 205v. Sprichwort vom Splitter in des anderen bzw. Balken im eigenen Auge: Zwei Männer mit Splitter bzw. Balken vor dem Auge – Natter.

Abb. 168.
Abb. 169.