KdiH

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15.4.5. Nürnberg, Stadtbibliothek, Cent. V, App. 34ª

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 2

Datierung:

2. Hälfte 15. Jahrhundert.

Lokalisierung:

Nordbayern.

Besitzgeschichte:

79r (auf der Grabplatte des auferstandenen Christus) Eintrag Jheronimus Beham d.J., vermutlich von gleicher Hand die 1574 und 1573 datierten Einträge (Schriftproben?) 164v.

Inhalt:
1. 1r–82r Bilderbibel
2. 82v Ablaßgebete zum Schmerzensmann
3. 83r–105v Franciscus de Retza, ›Defensorium inviolatae virginitatis‹, lateinisch-deutsch
4. 106r–142r Bildfolge zu Tod und Höllenstrafen:
106r–112v Vom Sterben und vom Tod
113r–118v Strafen für die sieben Todsünden
119r–123v Strafen für Vergehen gegen die Zehn Gebote
124r Strafe für Geiz
124v–127v Sündenspiegel
128r–134r Hilfswerke für die armen Seelen im Fegefeuer
134v–139r Die Zehn Gebote
139v–141r Warnung vor dem Mißbrauch von Gottes Gaben
141v Hilfswerke für die armen Seelen im Fegefeuer (Nachtrag zu 128r–134r)
142r Sündenstrafe (Nachtrag zu 113r–118v)
142v–149v Bilderbibel (Nachtrag zu Text 1)
5. 150r ›Die sechs Werke der Barmherzigkeit‹
6. 150v–155r Apostolisches Glaubensbekenntnis
7. 155v–162v ›Die Fünfzehn Zeichen des Jüngsten Tages‹
8. 163r–165v ›Christus und die sieben Laden‹
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament (Vorsatzblätter Papier), VI + 165 + VI Blätter, 290 × 205 mm, die Handschrift ist defekt, jedoch nach dem Lagenbefund nicht so verbunden, wie sie im ersten Anschein wirkt; die Inkonsistenz der Bildfolgen geht vielmehr zu einem großen Teil auf eine schon fehlerhafte Vorlage bzw. das falsche Reproduzieren einer Vorlage zurück, denn auf ein und demselben Blatt stehen oft völlig unzusammenhängende Bildkombinationen (z. B. 18r Moses als Kind, 18v Turmbau zu Babel; 29r Gideon, 29v Elija). Einzelne Bindefehler und fehlende Blätter sind zu rekonstruieren: Das Doppelblatt 11/15 ist verkehrt herum eingebunden, vor 23 fehlen vermutlich einige Blätter, das Einzelblatt 79 gehört vor 78, ein Blatt fehlt nach 151. Bildbeischriften von einer Hand, einspaltig, humanistisch beeinflußte Bastarda, Strichel.

Schreibsprache:

nordbairisch.

II. Bildausstattung:

Insgesamt 326 Illustrationen: 178 Bildtafeln zu Text 1, eine Bildtafel zu Text 2, 46 Bildtafeln zu Text 3, 71 Bildtafeln zu Text 4, eine Bildtafel zu Text 5, zehn Bildtafeln zu Text 6, 15 Bildtafeln zu Text 7, vier Bildtafeln zu Text 8. Ein Zeichner.

Format und Anordnung:

Stets nahezu ganzseitige Bildtafeln (ca. 215–240 × 170–180 mm) mit Bildüberschriften (oberste Zeile oft durch Beschnitt weggefallen), die nicht allein das Bildmotiv benennen, sondern den biblischen Kontext zusammenfassen. Bildanlage und -ausführung: Rahmung durch dicken roten Pinselstrich; schlichte und unprätentiöse, aber nicht eben unbeholfene Figurenzeichnung, ungeschickt nur die räumlichen Darstellungen; Konturen oft mehrfach liniert, Modellierung durch Schraffuren. Figuren mit runden Gesichtern und faltenreichen Gewändern auf Bodenstücken vor freibleibend weißem, nur durch blauen Pinselstrich für den Himmel belebtem Hintergrund. Die Bilder zum Teil verschmiert und fleckig.

Bildthemen:

Szenen des Alten und Neuen Testaments, ergänzt um profane und legendarische Einschübe.

1r ›Gottvater, thronend‹
1v ›Erschaffung von Himmel und Erde‹
2r ›Erschaffung von Sonne, Mond und Planeten‹
2v ›Erschaffung der Engel‹
3r ›Erschaffung der Vögel und Säugetiere‹
3v ›Sturz Luzifers‹
4r ›Erschaffung der Fische‹
4v ›Erschaffung Adams‹
5r ›Erschaffung Evas‹
5v ›Baumverbot‹
6r ›Sündenfall‹
6v ›Vertreibung aus dem Paradies‹
7r ›Erdenleben Adams und Evas‹
7v ›Kains und Abels Opfer‹
8r ›Kains Brudermord‹
8v ›Kains Verfluchung‹
9r ›Lamech, von einem Knaben geführt, tötet Kain‹
9v ›Adam auf dem Totenbett sendet Seth zum Paradies‹
10r ›Josephs Traum von den 12 Sternen‹
10v ›Joseph wird in den Brunnen geworfen‹
11r ›Die zwei Kundschafter mit der Traube‹
11v ›Aufbruch zur Opferung Isaaks‹
12r ›Opferung Isaaks‹
12v ›David führt harfespielend den Zug mit der Bundeslade an‹
13r ›Rebekka im Wochenbett mit Esau und Jakob‹
13v ›Rebekka führt Jakob mit dem Braten zu Isaak‹
14r ›Ankunft Esaus, Jakob und Rebekka am Tisch sitzend‹
14v ›Jakobs Kampf mit dem Engel‹
15r ›Arche Noah auf dem Wasser, mit Taube und Rabe‹
15v ›Trunkener Noah liegt aufgedeckt‹
16r ›Josephs Brüder bringen den Rock zu Jakob‹
16v ›Die Träume der Mitgefangenen‹
17r ›Traum des Pharao von den Rindern‹
17v ›Moses’ Kohlenprobe‹
18r ›Moses zerbricht die Krone des Pharao‹
18v ›Turmbau von Babel‹
19r ›Durchzug durch das Rote Meer, Untergang der Ägypter‹
19v ›Aufrichtung der ehernen Schlange‹
20r ›Moses empfängt die Gesetzestafeln‹
20v ›Tanz um das Goldene Kalb‹
21r ›Die Juden trinken das Staubwasser‹
21v ›Moses am brennenden Dornbaum‹
22r ›Mannawunder‹
22v ›Moses schlägt Wasser aus dem Felsen‹
23r ›David und der Prophet Gad‹
23v ›David büßend, der Engel des Herrn steckt sein blutiges Schwert ein‹
24r ›Die drei Jünglinge im Feuerofen, davor Nebukadnezar, Daniel und die niedergestreckten Wachen‹
24v ›Susanna, von den zwei Alten vor den Richter geführt‹
25r ›Sibylla weissagt dem König die Geburt des Herrn: Maria als Königin mit Kind im Strahlenkranz‹
25v ›Urteil des Salomo‹
26r ›Daniel in der Löwengrube wird von Habakuk gespeist‹
26v ›Jona wird dem Wal ins Maul geworfen‹
27r ›Rettung Jonas‹
27v ›Der aussätzige Ijob, daneben seine Frau mit Dienerin‹
28r ›Elija bei der armen Witwe in Zarpath‹
28v ›Elischa (laut Inschrift Elija!) und das Ölwunder bei der Witwe‹
29r ›Gideons Fell‹
29v ›Elischa (laut Inschrift Elija!) erweckt das Kind zum Leben‹
30r ›Elischas (laut Inschrift Elijas!) Verspottung wird bestraft‹
30v ›Beratung der fünf göttlichen Jungfrauen Demut, Barmherzigkeit (laut Inschrift: Armut!), Geduld, Reinheit, Liebe über die Erlösung des Menschen‹
31r ›Die Liebe fährt im Pferdegespann zum Himmel auf‹
31v ›Die göttlichen Jungfrauen bei Gottvater‹
32r ›Joachim nimmt Abschied von Anna‹
32v ›Engelerscheinung bei Joachim auf der Weide‹
33r ›Engel mit Joachim und Anna an der Goldenen Pforte‹
33v ›Empfängnis Marias‹
34r ›Geburt Marias‹
34v ›Heilige (laut Inschrift: Elisabeth!) badet Maria‹
35r ›Darstellung Marias im Tempel‹
35v ›Tempelgang Marias‹
36r ›Das gottgefällige Leben Marias bei den Schwestern‹
36v ›Maria mit Helferin wirkt einen Teppich‹
37r ›Prüfung von Marias Bewerbern: Joseph mit erblühter Gerte‹
37v ›Verlöbnis Marias mit Joseph‹
38r ›Maria steckt Joseph einen Ring an‹
38v ›Der Engel verkündet Zacharias die Geburt eines Sohnes‹
39r ›Verkündigung der Geburt Christi‹
39v ›Heimsuchung‹
40r ›Geburt und Namengebung Johannes’ des Täufers‹
40v ›Weg nach Bethlehem‹
41r ›Geburt Jesu‹
41v ›Anbetung der Hirten‹
42r ›Beschneidung Jesu‹
42v ›Der Stern erscheint den drei Königen‹
43r ›Anbetung der drei Könige‹
43v ›Darbringung Jesu im Tempel‹
44r ›Der Engel erscheint Joseph im Traum‹
44v ›Bethlehemitischer Kindermord‹
45r ›Flucht nach Ägypten‹
45v ›Der zwölfjährige Jesus im Tempel‹
46r ›Weinwunder zu Kana‹
46v ›Jesus in der Wüste‹
47r ›Jordantaufe‹
47v ›Johannes predigt vor König Herodes‹
48r ›Johannes’ Hinrichtung‹
48v ›Salome bringt das Haupt des Johannes zu Herodes und Herodias‹
49r ›Dreifache Versuchung Jesu durch den Teufel‹
49v ›Verklärung Jesu‹
50r ›Jesus lehrt die Juden im Tempel‹
50v ›Heilung des Gichtbrüchigen am Teich Bethesda‹
51r ›Jesus zahlt den Zoll‹
51v ›Jesus spricht mit einem Gelehrten oder Priester‹
52r ›Heilung der zehn aussätzigen Jünglinge‹
52v ›Jesus schläft auf dem Schiff während des Unwetters‹
53r ›Jesus und die Ehebrecherin‹
53v ›Gleichnis vom Heuchler und ehrlichen Sünder im Tempel‹
54r ›Die Juden wollen Jesus steinigen‹
54v ›Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen‹
55r ›Heilung des von Geburt an Blinden‹
55v ›Austreibung des Teufels aus einem, der blind und stumm ist‹
56r ›Gleichnis vom verlorenen Sohn: Heimkehr‹
56v ›Jesus wählt Petrus, Johannes und Jacobus zu Aposteln‹
57r ›Heilung von Petrus’ Schwiegermutter‹
57v ›Austreibung des Teufels aus der Tochter der gläubigen Frau‹
58r ›Erweckung des Jünglings zu Nain‹
58v ›Speisung der 5000 mit zwei Fischen und fünf Broten‹
59r ›Gastmahl bei Simeon, Maria Magdalena zu Jesu Füßen‹
59v ›Erweckung des Lazarus‹
60r ›Einzug Jesu in Jerusalem‹
60v ›Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel‹
61r ›Jesus weist den Aposteln den Weg zum Abendmahlshaus‹
61v ›Zwei Jünger folgen dem Wasserträger in das Abendmahlshaus‹
62r ›Abendmahl, Judas’ Verrat wird sichtbar‹
62v ›Fußwaschung‹
63r ›Judas empfängt die 30 Silberlinge‹
63v ›Jesus geht mit den drei Aposteln zum Ölberg‹
64r ›Jesus und der Engel im Garten Gethsemane, die drei Apostel schlafend‹
64v ›Judaskuß, die Schergen fallen vor Schreck zu Boden‹
65r ›Die Schergen ergreifen einen Jünger beim Mantel, er flieht nackt mit den anderen Jüngern‹
65v ›Die Schergen verbinden Jesus die Augen und schlagen ihn‹
66r ›Jesus vor Hannas, ein Diener schlägt ihn‹
66v ›Petrus verleugnet Jesus vor der Pförtnerin‹
67r ›Jesus vor Kaiphas‹
67v ›Verhöhnung Jesu‹
68r ›Jesus vor Pilatus‹
68v ›Jesus im Gespräch mit Pilatus‹
69r ›Jesus im Gespräch mit Herodes‹
69v ›Jesus vor Pilatus, der sich die Hände in Unschuld wäscht‹
70r ›Die Frau des Pilatus bittet um die Freilassung Jesu‹
70v ›Entkleidung und Züchtigung Jesu‹
71r ›Geißelung Jesu‹
71v ›Bekleidung Jesu mit dem Purpurmantel, Verhöhnung‹
72r ›Dornenkrönung Jesu‹
72v ›Ecce homo‹
73r ›Judas wirft den Juden die 30 Silberlinge vor die Füße‹
73v ›Judas erhängt sich an einem Baum, der Teufel entreißt ihm die Seele‹
74r ›Kreuznahme, Kreuznachfolge Marias und Johannes’‹
74v ›Jesus wird der Mantel entrissen, er wird geschlagen‹
75r ›Würfellos um den Mantel Jesu‹
75v ›Kreuzigung Jesu‹
76r ›Jesus am Kreuz, darunter Maria und Johannes‹
76v ›Kreuzabnahme‹
77r ›Descensus‹
77v ›Die drei Marien mit Salbtöpfen auf dem Weg zum Grab‹
78r ›Jesus mit zwei Jüngern in Emmaus am Tisch‹
78v ›Jesus und der ungläubige Thomas‹
79r ›Auferstehung‹
79v ›Jesus erscheint Maria aus Magdala‹
80r ›Himmelfahrt Jesu‹
80v ›Pfingsten‹
81r ›Gnadenstuhl‹
81v ›Tod Marias im Kreis der Apostel‹
82r ›Maria im Himmel als Königin zur Rechten Gottvaters sitzend‹
Nachtrag:
142v ›Elija fährt im Feuerwagen zum Himmel, Elischa erhält seinen Mantel‹
143r ›Alexander und seine Frau‹
143v ›Alexander in der Taucherglocke auf dem Meeresgrund, im Boot Alexanders Frau mit Liebhaber‹
144r ›Alexander in der Taucherglocke, die Kette am Meeresgrund liegend‹
144v ›Alexanders Greifenabenteuer‹
145r ›Nero mit Arzt, gegenüber Frau mit Wiege‹
145v ›Nero im Krankenbett, eine Amme säugt die Kröte‹
146r ›Kröten springen um den Hirschwagen‹
146v ›Die Amme auf dem Rad, ein Schwertknecht steht daneben‹
147r ›Nero läßt von zwei Ärzten seine Mutter aufschneiden‹
147v ›Nero sieht dem Verbluten Senecas durch Aderlaß im Bad zu‹
148r ›Der Marschall ersticht Nero‹
148v (dreigeteilt) ›Gastmahl Belsazars/Nebukadnezars‹; ›Die Menetekelhand‹; ›König läßt Daniel holen‹
149r (zweigeteilt) ›Simson und die 300 Füchse‹; ›Brennender Hof von Simsons Familie, Simson verschwindet in der Höhle‹
149v ›Simson läßt sich von einem Knaben führen, er zerbricht die Säulen des Philisterpalastes‹

Das Vorhandensein der Alexander- und der Nero-Sequenz, die beide aufgrund ihrer biblischen Einleitungsbilder deutlich als Nachträge zur Bilderbibel zu werten sind und nicht etwa als Bruchstücke selbständiger Bildfolgen, deutet auf eine Weltchronikkompilation als Vorlage. Thematische Parallelen sprechen für die engere Verwandtschaft zu einer Untergruppe der Kompilationshandschriften, in denen die Schöpfungsgeschichte nicht nach Rudolf von Ems, sondern nach der ›Christherre-Chronik‹ erzählt wird (Engelschöpfung und Engelsturz enthaltend) und aus der Chronik Jansen Enikels der sogenannte längere Auszug eingefügt ist (Position vor der Elija/Elischa-Geschichte, auch die Nero-Geschichte enthaltend).

Eine genauere Bildquellenidentifizierung wird durch die gestörte Reihenfolge der Bilder erschwert. Möglicherweise war die Vorlage ein ungebundener Zyklus von Einzelblättern, die vor oder während der Kopierarbeiten in Unordnung geraten sind. Der Zeichner reproduzierte die Bilder in z. T. falscher Folge; die Beischriften wurden erst ergänzt, nachdem der Zyklus komplett vorlag, wobei dem Schreiber stellenweise eine Kollation von Vorlage und Reproduktion nicht gelang: Er interveniert selbständig, erklärt z. B. die an unüblicher Stelle stehende ›Engelschöpfung‹ zum dritten Schöpfungstag, verzichtet auf Bildbeischriften (28v, 37r, 51r, 51v), verwechselt Bilder und trägt dabei eine falsche Beischrift ein (12r, 146r), entwirft Identifikationen für Begleitfiguren – den dritten Apostel bei der Verklärung Jesu (49v) als endreaz (statt Jakobus); Hannas’ Diener als malchus (66r) – und erzählt in manchen Bildbeischriften Begebenheiten, auf die das Bild keinen Bezug nimmt (12vInhalt der Bundeslade, 72v Judas’ Reue); dabei scheinen manche Beischriften ohne das rechte Verständnis der Bildinhalte bzw. ihrer literarischen Vorlage entstanden zu sein (11r, 16v, 21v, 40v).

Die ursprüngliche Reihenfolge und Herkunft des Bildzyklus ist etwa folgendermaßen zu rekonstruieren: Wie der einleitende Schöpfungszyklus, dessen Chronologie durcheinandergeraten ist (Engelerschaffung am dritten Schöpfungstag statt am Schöpfungsbeginn und getrennt vom Engelsturz, der hier nach dem vierten Schöpfungstag eingefügt ist), scheint auch die Geschichte von Kains Nachkomme Lamech (9r) in der Version der Beischrift, wonach Lamech, nachdem er unwissend Kain erschossen hat, den ihn führenden Knaben tötet, noch an der ›Christherre-Chronik‹ orientiert zu sein. Die Geschichte Adams und Seths folgt nicht der als ›Adams Klage‹/›Krankheit und Heilung Adams‹ häufig in Rudolfs von Ems Weltchronik integrierten Version, sondern ist durch eine modifizierte Fassung ersetzt. Die Reihe der weiteren alttestamentlichen Bilder zu Noah, Abraham, Jakob und Joseph, Moses, Gideon und Simson, David und Salomo, Jona, Elija und Elischa spricht am ehesten für eine Orientierung an Rudolf von Ems, weist jedoch stellenweise in Bild oder Beischrift über dessen Chroniktext hinaus: So stammt der in der Bildbeischrift erwähnte Vorwurf Esaus an Jakob, er sei zu Recht Jakob (= Betrüger) genannt (14r), aus der Bibel und ist nicht von Rudolf von Ems übernommen, ähnlich die Erwähnung der verrenkten Kniescheibe beim Engelkampf (14v, in der Bibel das Hüftgelenk); daß im Bild zur Kohlenprobe in der apokryphen Kindheitsgeschichte des Moses diesem neben dem Kohlenbecken auch ein Becken mit Geldstücken vorgehalten wird (17v), findet sich nicht bei Rudolf von Ems. Mit der Elija/Elischa-Geschichte endet die Chronik Rudolfs von Ems; die Nürnberger Handschrift hat, nun Jansen Enikel folgend, als weitere alttestamentliche Stoffe Ijob und Nebukadnezar/Daniel (wie bei Jansen Enikel ist das Menetekel 148v auf Nebukadnezar statt auf Belsazar bezogen). Über den Enikel-Auszug der Weltchronikkompilationen hinaus weist die Susanna-Episode (24v), die allerdings in reinen Enikel-Handschriften sehr wohl vorhanden ist. Auf Nebukadnezar/Daniel folgt in Handschriften der Weltchronikkompilation mit dem längeren Einschub Jansen Enikels der Bericht über Alexander, Teulucus, Antiochus, Ezechias sowie Kosdras und Nero; die Nürnberger Handschrift hat nur den Alexander- und den Nero-Stoff (143r–144v, 145r–148r), beide aber bis in den Wortlaut der Beischriften hinein in Abhängigkeit von Enikel. Die Erwähnung einer Insel, die als einzige noch nicht zum Weltreich Alexanders gehöre (Bildbeischrift 143r), könnte eine mißverstandene Zusammenfassung der Paradies-Episode sein, womit die Alexander-Abenteuer Enikels wie dessen Nero-Bericht vollständig repräsentiert wären. Das Neue Testament ist zumindest bis zur Flucht nach Ägypten wie in den Weltchronikkompilationen weitgehend nach dem ›Marienleben‹ Bruder Philipps erzählt. Interpoliert sind, auffallend breit ausgeführt und mit dem Leben Jesu vermengt, Szenen aus dem Leben Johannes’ des Täufers von der Verkündigung an Zacharias bis zur Enthauptung; hinzu kommt eventuell das sonst nicht belegte Motiv vom Bad Marias durch Johannes’ Mutter Elisabeth (34v; die Identifizierung der heiligen Frau als Elisabeth erst in der Beischrift; vgl. aber die Freiburg/Londoner Bilderbibel [Nr. 15.4.1.]: dort ebenfalls eine nimbierte Frau – außer der Hebamme – am Wochenbett Annas!); unter Umständen ist auch mit dem betenden Jesus in der Wüste (46v) ursprünglich Johannes gemeint. Das Leben Jesu (›Zwölfjähriger Jesus im Tempel‹ bis ›Gnadenstuhl‹) folgt nicht oder nur mit umfangreichen Interpolationen dem ›Marienleben‹; sehr eng am Bibelgeschehen der Vulgata selbst orientiert wird die Passion Jesu erzählt. Auf Fremdquellen beruht die Identifizierung des nackt fliehenden Jüngers bei der Gefangennahme Jesu (65r) als Johannes (so auch in der ›Neuen Ee‹) sowie der Rückzug des Petrus nach der dreimaligen Verleugnung Jesu in eine Höhle (66v; so auch in der ›Historia scholastica‹, der ›Legenda aurea‹ und in der ›Neuen Ee‹).

Der Vorlagengrundstock ist ergänzt durch sporadisch aufscheinende oder breiter ausgeführte Nebenquellen: In nicht klar abzusehendem Umfang hat der vielgestaltige Erzählstoff ›Kreuzesholzlegende‹/›Sibyllenweissagung‹ den Bilderkreis bestimmt (der Einfluß mag sogar über die Bilderbibel selbst hinausreichen und sich auch auf andere Bildzyklen der Handschrift erstrecken, v. a. auf den eschatologischen Zyklus der ›Fünfzehn Zeichen‹). Die Bildinschrift des Eingangsbildes 1r entspricht Vers 1f. aus der ›Sibyllenweissagung‹. Zwar nicht angesprochen wird der Kreuzesholzzusammenhang beim Bild 9v (›Adam auf dem Totenbett sendet Seth zum Paradies‹), dies ist jedoch ein Motiv, das als integraler Bestandteil zum Kreuzesholzstoff gehört (statt des erbetenen Öls der Barmherzigkeit erhält Seth vom Engel einen Zweig des Paradiesbaumes) und deutlich von einer anderen, im Zusammenhang der Weltchronikkompilation viel näherliegenden Stoffbehandlung in ›Adams Krankheit‹ abweicht. Auch die rut mosy vnd aaron in Davids Bundeslade (12v) ist Bestandteil der Kreuzesholzlegende. Wiederum nicht angesprochen, aber womöglich mitbedacht ist die Kreuzesholzlegende im Bild zur Weissagung der Sibylla an den König (25r; mit vermutlicher Identifizierung der Sibylla mit der Königin von Saba, wie auch in der ›Sibyllenweissagung‹). Latenten Einfluß bezeugen in den Bildbeischriften ferner typologische Bibeldichtungen (Biblia pauperum, ›Speculum humanae salvationis‹), z. B. für Auslegungen des Jona (27r) und des Joseph von Ägypten (10v) als Typus für Christus. Die Quelle für die Beratung der Tugenden untereinander und mit Gott über die Erlösung des Menschen (30v–31v) ist vermutlich im Umfeld des ›Anticlaudianus‹ (Alanus ab Insulis) zu suchen.

Farben:

Bodenstücke in verschiedenen, oft gestuften Grüntönen: Oliv, Olivgrün, Grün, bläuliches Grün; ansonsten Blau (laviert und deckend), Karmin, Zinnober, Gelb, gräuliches Braun, Grau, Schwarz; Weiß meist als freistehender Papiergrund (z. B. Gesichter), gelegentlich (z. B. bei Rüstungen) Deckweißhöhungen, selten (95r, 97r) Pinselsilber (abgeschabt).

Zu den Illustrationen von Text 2 bis 8 siehe die Stoffgruppen 24. ›Christus und die sieben Laden‹, 63. Jüngstes Gericht, 67. Katechetische Literatur, 85. Mariendichtung.

Literatur:

Schneider (1965) S. 440–442, Abb. 17 (142v). 18 (76v). – Ross (1971) S. 123–125, Abb. 425–428 (143r. 143v. 144r. 144v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 119: 2v. Erschaffung der Engel. Abb. 120: 77r. Christi Descensus. Abb. 121: 148v. Simson und die 300 Füchse – Simsons Haus wird gebrandschatzt, Simson verschwindet in der Höhle.

Nachtrag zu 15.2.1.: Die bislang nicht lokalisierte Handschrift Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2980 (Lutwin, ›Adam und Eva‹), ist der Spätphase der elsässischen Diebold-Lauber-Werkstatt zuzurechnen; in Laubers Brief [Haguenau, Bibliothèque municipale, Ms. 4.8 (1)] ist ein adams leben genannt, bei dem es sich u. U. um Lutwins Werk handeln könnte. Nicht erkannt war bisher die Zugehörigkeit des Zeichners der Wiener Handschrift zur Gruppe K der Werkstatt. Stilistisch gehören die Zeichnungen in die mittlere Tätigkeitsphase der Gruppe K (um 1460), vertreten durch die Handschriften London, British Library, Add. 28752, und Wiesbaden, Hessische Landesbibliothek, Hs. 66. Der in beiden Handschriften als Schreiber identifizierte Hans Schilling ist im Wiener Cod. 2980 nicht sicher nachzuweisen.

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Abb. 119.
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Abb. 120.