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KdiH

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8.0.1. Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4º Cod H 27

Bearbeitet von Norbert H. Ott

KdiH-Band 1

Datierung:

1486–1495, 1516–1520, nach 1520 vereinigt.

Lokalisierung:

Augsburger Gegend und Tirol, in Augsburg zusammengebunden.

Besitzgeschichte:

Die Handschrift ist von dem Augsburger Kaufmann Klaus Spaun (Span) – zwischen 1500 und 1520 urkundlich bezeugt – teilweise geschrieben und mit Faszikeln aus zwei weiteren Einzelsammlungen vereinigt worden. (Andere Teile dieser Sammlungen hat Spaun zu der Fastnachtspielhandschrift Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 18.12 Aug. 4o zusammengebunden.) Später im Besitz der Augsburger Familie Welser, ältere Linie auf Neuhof; im 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Augsburger Bankiers Georg Walter von Halder (gestorben 1810), die dessen Sohn Johann Friedrich 1846 der Augsburger Stadtbibliothek vermachte (im »Catalogus der von Halder’schen Bibliothek«, S. 162, als Manuscript 952 verzeichnet von der gleichen Hand, die den Besitzvermerk auf dem Vorsatzblatt schrieb).

mit Bildthemen der eingeklebten Druckgraphiken:

Inhalt:
1. 1br–2r Wolfgang von Man, Kurtze vermanung vnsers ellenden lebens
1v: Aufgeklebter kolorierter Holzschnitt (105 × 95 mm): Schreibender Autor im Bett, Wappen Mans, Spruchband: Multa flagella peccatoris. 1516. Schmidbauer (1909) S. 15.
2. 2v–7v ›Heinz Narrs Tadel der närrischen Welt‹
2v–6v: Sieben aufgeklebte kolorierte Holzschnitte. 2v (122 × 165 mm) Alte Frau greift Hans Narr an den Beutel, Spruchband: LAS MICH IN FRID DV ALTS KAFAL; 2vv–6v (je 42 × 20 mm) zwischen den Text geklebt:
2bv Nacktes Mädchen mit langem Haar;
3v Junger Mann in kurzem Wams mit Barett und Degen;
5r teilweise abgerissen, nur noch zwei Beine zu erkennen;
5v teilweise abgerissen, nur Kopf mit Kappe zu erkennen;
6r und 6v vollständig herausgerissen.
Schmidbauer (1909) S. 15f., Taf. 20 (2bv, 3v).
3. 7v–9r ›Warnung vor Gottes Strafe‹
7v: Auf die untere Blatthälfte geklebter Kupferstich Daniel Hopfers (90 × 70 mm), unkoloriert, um 1500: Profil Julius Caesars, Inschrift Divi Iuli.
Adam Bartsch: Le peintre graveur. Bd. 8. Wien 1808, S. 491, Nr. 75.
4. 9v–10v ›Practica des bösen und guten Engels‹
9v, 10r: Aufgeklebte kolorierte Holzschnitte (je 83 × 83 mm) aus einem Einblattdruck Konrad Kachelofens, Leipzig um 1498:
9v Teufel hält einem Paar einen Spiegel vor;
10r Engel hält einer Frau und zwei Männern einen Spiegel, aus dem ein Totenkopf blickt, vor.
Schmidbauer (1909) S. 22, Taf. 26; Einblattdrucke (1914) Nr. 1208; Schreiber Hdb. 4 (1927) Nr. 1893d; Kiepe (1984) S. 186 Abb. 21 (Einblattdruck), S. 187 Abb. 22 (9v).
5. 11rv ›Christliche Ermahnung‹
6. 11v–14r ›De contemptu mundi‹, deutsch (siehe Nr. 9.1.1.)
7. 14r Priamel Jch leb vnd weiß nit wie lang
Kiepe (1984) S. 414.
8. 14v–15r Sprichwörter und Weisheiten
9. 15r ›Über den Sitz der Eigenschaften im menschlichen Körper‹
10. 15v–17r Sprüche und Sentenzen
15v Prosa-Sentenzen von acht Meistern
15v–16r Zehn zweizeilige Sprüche
16rv Dreizehn Prosa-Sprüche der Väter
16v–17r Tugend- und Lasterreihen
17r Schlußverse
11. 17r–19v Elf Priamel aus dem Werkkomplex ›Rosenplüt‹
Kiepe (1984) Nr. 49, *50, 51, 55, 56, 59, 60, 61, 63, 71, 92.
12. 20r–21r Zwei Memento mori-Texte
20rv O mensch bekenntest du den list ...
20v–21rO mensch gedenck alle tag deinen todt ...
20r: Ehemals aufgeklebter Holzschnitt herausgerissen.
20v: Aufgeklebter kolorierter Holzschnitt (70 × 50 mm), schwäbisch, um 1470/80: Tod vor offenem Grab, Spruchband: Der tod sumpt sich nit Ecci. II. 14 cap.
Schmidbauer (1909) S. 16, Taf. 22; Schreiber Handbuch 4, Nr. 1890.
13. 21r–22v ›Jammerruf des Toten‹ (›Spiegel der Toten‹)
14. 23r Christliche Lebenslehre
23v + 24r: Quer über beide Seiten geklebter kolorierter Holzschnitt (170 × 260 mm), oberrheinisch, um 1500: Mann auf Krebs reitend, dahinter Friedhof mit Kirche, Spruchband: mich driegent dann myn sinn. jch ryt do ich har binn.
Wellner (1864) Nr. 128; Schmidbauer (1909) S. 16, Taf. 22; Schreiber Hdb. 4 (1927) Nr. 1893m.
15. 24v–25v Hans Schrotbank, Scherzrede
16. 26r–27r Gespräch zwischen Redlichkeit und Selbstsucht
17. 27r Zwei Sprüche
O du stoltzer junger Knab ... Niemant jst woll Bekantt jn allen orden ...
18. 27v Fragment eines Liedes von einem jungen gesellenin der Radweise des Liebe von Gengen
19. 28r–31v Thomas Murner, ›Narrenbeschwörung‹
Auszüge aus den Kapiteln 18, 26 und 39
20. 31v Priamel aus dem Werkkomplex ›Rosenplüt‹
Kiepe (1984) Nr. 87
21. 32r–33r ›Greisenklage‹ (siehe Nr. 9.1.1.)
22. 33v–34v Neunstrophiges Arbeitsruflied (›Rammerlied‹) zum Bau einer Abortanlage
33v: Aufgeklebter kolorierter Holzschnitt (80 × 100 mm): Sechs Männer beim Bau eines Aborthäuschens, Überschrift: Von pfel stossen zu eynem scheyss haus.
Weller (1864) Nr. 130; Joseph Schopf: Das deutsche Arbeitslied. Heidelberg 1935 (Germanische Bibl. II, 38), Abb. S. 35.
23. 34v Spruch
An hunds hincken frawn wainen vnd kramer schweren Da darff sich kain man an keren.
24. 35r–36r ›Klagen der neun Stände‹
35r: Ehemals aufgeklebter Holzschnitt herausgerissen.
25. 36v–37r ›Armut macht Demut‹
36v: Aufgeklebter kolorierter Holzschnitt (80 × 100 mm) über dem Text, Straßburg (?), Ende 15. Jahrhundert: Wannenkrämer und alter Mann mit Rosenkranz, Spruchband: Armut macht demut.
Weller (1864) Nr. 129; Schmidbauer (1909) S. 15, Taf. 19.
26. 37rv ›Vom Haushalten‹
27. 38r–41r Ulrich von Hütten, ›Trias Romana‹, deutsch
Eingebundener Druck von 1520.
Weller (1864) Nr. 1423.
28. 41v–45v Thomas Murner, ›Narrenbeschwörung‹
41v, 45v: Ehemals eingeklebte Holzschnitte herausgerissen.
29. 45v–46v ›Über die sieben Farben‹
30. 47r–89v ›Augsburger (südbairisches) Heiligkreuzspiel‹
Edition: Keller, Nachlese (1858) Nr. 125; Ukena, Mirakelspiele (1975) s. 469–544.
31. 90r–135r ›Augsburger Georgspiel‹
Edition: Keller, Nachlese (1858) Nr. 126; Ukena, Mirakelspiele (1975) s. 383–439.
32. 135v Anfang von ›Des Türken vasnachtspil‹
Fortsetzung in Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 18.12. Aug. 4o, 189r–196v
Edition: Adelbert von Keller: Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Erster Teil. Stuttgart 1853 (StLV 28). Nachdruck Darmstadt 1965, Nr. 39.
33. 136r–158v ›König Artus’ Horn‹. Fastnachtspiel
Edition: Keller, Nachlese (1858) Nr. 127
34. 160r–167v ›Meister Aristoteles‹. Fastnachtspiel
Edition: Keller, Nachlese (1858) Nr. 128.
159v: Eingeklebte kolorierte Federzeichnung (siehe unten).
I. Kodikologische Beschreibung:

Papier, 169 Blätter, aus fünf Teilen zusammengebunden (Teil 1: 1r–46v, Teil 2: 47r–89v, Teil 3: 90r–135v, Teil 4: 136r–159v, Teil 5: 160r–167v), 185 × 145 mm (beschnitten; Format der Wolfenbütteler Komplementärhandschrift Cod. Guelf. 18.12 Aug. 4o: 210 × 153 mm), Bastarda, drei Hände (I = Klaus Spaun: Teil 1, geschrieben 1516–1520, und Teil 4, geschrieben kurz vor 1494; II: Teile 2 und 5, geschrieben kurz vor 1494; III: Teil 3, geschrieben kurz vor 1486), einspaltig (Teil 1: 24 Zeilen, Teile 2 und 5: 27 Zeilen, Teil 3: 18–23 Zeilen, Teil 4: 21 Zeilen); rote Überschriften, Szenenanweisungen, z. T. rote Schlußverse, Initialen, Kapitelzeichen und Unterstreichungen, rote Strichelung.

Schreibsprache:

ostschwäbisch (Teile 1, 3 und 4), ostbairisch (Teile 2 und 5).

II. Bildausstattung:

Eine eingeklebte kolorierte Federzeichnung zu Text 34 (159v); 24 aufgeklebte kolorierte Holzschnitte, davon zwei teilweise und sechs vollständig herausgerissen, ein aufgeklebter Kupferstich (Blattangaben, Formate und Bildthemen der aufgeklebten Druckgraphiken s. o. unter ›Inhalt‹).

159v: Kolorierte Federzeichnung (166 × 126 mm) als Titelminiatur zum Spiel von ›Meister Aristoteles‹, gegenüber dem Textbeginn 160r eingeklebt, Rückseite leer. Kastenrahmen aus dreifacher Federlinie; symmetrischer Bildhintergrund: regelmäßiges Backsteinmauerwerk mit querrechteckigem Durchbruch im Zentrum, von einer schlanken, gedrehten Mittelsäule gestützt. Davor ein flaches Bodenstück, auf dem Aristoteles – ein bärtiger, glatzköpfiger Alter im langen, geknöpften Rock – auf allen Vieren nach rechts kriecht, im Mund eine Trense mit Zügeln, an denen ihn Phyllis, die, dem Betrachter zugewandt, im Damensitz auf ihm reitet, mit der linken Hand lenkt. Sie trägt ein langes, eng am Oberkörper anliegendes, tief ausgeschnittenes Kleid mit weitem, sich in mächtigen Falten bauschendem Rock, eine große Haube und eine goldene Halskette; in der zum Schlag erhobenen Rechten hält sie eine dreischwänzige Stachelgeißel.

Federzeichnung in Sepia; Rahmen und Mauerwerk mit dem Lineal gezogen, Figuren mit sehr sicheren Umrißlinien angelegt, keine Federschraffen. Schlanke Personen mit ziemlich kleinen, schmalen Händen, flüssige Bewegungen. Sparsame Kolorierung: Bildrahmen, Bodenstück und Mauerdurchbruch in Ocker flächig laviert, Mauersteine an wenigen Stellen mit ockerfarbenen, breiten Pinselstrichen gefüllt; sonst nur Verwendung von kühlem, mattem Graublau (Bodenstück, Kleid der Phyllis) und stumpfem Purpurrosa (Gewand des Aristoteles, Haube der Phyllis, Inkarnat). Wenige horizontale Pinselschraffen in Blau über die ockerfarbene Bodenfläche gelegt, vor allem in den Schattenpartien unter den Figuren. Die Kleidung ist mit wenigen, relativ dünnen, dem Faltenwurf und den Körperformen folgenden Pinsellinien koloriert, Gesichter und Hände sind ebenfalls mit dünnen Pinselstrichen um Kinnbogen, Nase und Augen (bei Aristoteles auch Stirnfalten) modelliert. Purpurrosa und Blau abgestuft von kräftigem Ton bis zu wäßrig-blasser Ausmischung. Der insgesamt »graphische« Aufbau der Zeichnung – sowohl der Federführung wie der aus Pinsellinien konstruierten Kolorierung – läßt vermuten, daß entweder ein Druck als Vorlage der Zeichnung diente oder daß die Illustration selbst die Entwurfsvorstufe einer Druckgraphik darstellt.

Farben:

Zartoliv getöntes Ockergelb, mattes Graublau, stumpfes Purpurrosa. Farben der kolorierten Holzschnitte: Schmutziges Gelb, Rosa, Purpur, Blaugrün, Gelbgrün, Lilabraun, Rotbraun, Grau, stets laviert.

Literatur:

Adelbert von Keller: Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Nachlese. Stuttgart 1858 (StLV 46), Nachdruck Darmstadt 1966, S. 324–332 (Handschriftenbeschreibung mit teilweiser Nennung der Illustrationen); Richard Schmidbauer: Einzel-Formschnitte des fünfzehnten Jahrhunderts in der Staats-, Kreis- und Stadtbibliothek Augsburg. Straßburg 1909 (Einblattdrucke des 15. Jahrhunderts 18), S. 15–22, Taf. 19–26; Wolfgang Stammler: Der Philosoph als Liebhaber. In: W. S., Wort und Bild. Studien zu den Wechselbeziehungen zwischen Schrifttum und Bildkunst im Mittelalter. Berlin 1962, S. 12–44, hier S. 26 u. Abb. 3 (159v); Cosacchi (1965) S. 492–498; Gerd Simon: Die erste deutsche Fastnachtsspieltradition. Lübeck / Hamburg 1970 (Germanische Studien 240), S. 20–22; Elke Ukena: Die deutschen Mirakelspiele des Spätmittelalters. Studien und Texte. Bern / Frankfurt a. M. 1975 (Arbeiten zur Mittleren Deutschen Literatur u. Sprache 1), S. 363–376 (Handschriftenbeschreibung, Beschreibung der Illustrationen); Literatur in Bayerisch Schwaben. Von der althochdeutschen Zeit bis zur Gegenwart. [Ausstellungskatalog.] Weißenhorn 1979, S. 31f. Nr. 61a u. 62, Abb. S. 33 (159v); Kiepe (1984) S. 308–317 (Handschriftenbeschreibung, Beschreibung der Illustrationen), Abb. 22 (9v), Abb. 26 (32r); Staats- und Stadtbibliothek Augsburg (1987) Nr. 13 u. Abb. 9 (159v).

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Abb. 140: 159v. Aristoteles von Phyllis geritten.

Abb. 140.