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20.0.1. Chantilly, Musée Condé, Ms. 680 (olim Ms. 1389)

Bearbeitet von Ulrike Bodemann

KdiH-Band 2

Datierung:

Wohl zwischen 1474 und 1480.

Lokalisierung:

Schwaben.

Besitzgeschichte:

Eigentümer war Eberhard »im Barte« (1445–1496), Graf (seit 1495 Herzog) von Württemberg: Ir Motto und Wappen Eberhards von Württemberg und seiner Gattin Barbara Gonzaga, 1r in der Zierleiste ebenfalls Württemberg- und Gonzaga-Wappen, 14v Randzeichnung eines Palmbaums und Spruchband mit Eberhards Motto ATTEMPTO, 45r im Perlstabfleuronnée antonius de pforr, 48v Wappen Antons von Pforr, 53r im Initialkörper S nochmals der Name ANTHONIVS. Vom Herzog d’Aumale im Juli 1860 in einem Londoner Antiquariat gekauft.

Inhalt:
1r–182v Anton Pforr, ›Buch der Beispiele der alten Weisen‹
Hs. E
I. Kodikologische Beschreibung:

Pergament, I + 182 Blätter (nach Blatt 42 und 182 fehlt jeweils ein Blatt), bei jüngerer Neubindung mit leeren Papierblättern durchschossen, 350 × 260 mm, Bastarda, ein Schreiber, einspaltig, 40–44 Zeilen, in den ersten Zeilen der Seiten vielfach kalligraphierte Majuskeln, rote Strichel und Kapitelüberschriften, Bildüberschriften ebenfalls rot oder nur rot unterstrichen, im Text rote Majuskeln oder Unterstreichungen bei Personenwechsel in Dialogpartien, rote und blaue, selten auch grüne Initialen in rechteckigen rot-schwarzen Federwerkeinfassungen über vier bis acht Zeilen mit Perlenschnur- und Maiglöckchendekor sowie feinen Rankenausläufern, gelegentlich in Fratzen endend. Die Initialen bilden die Akrostichen 1r–20v EBARHARDT[!] GRAF Z WIRTENBERG ATTEMPTO, 45r–60r ANTHWNIVS V PFSRE (neben den Initialen W 48v und S 57v steht jeweils am Blattrand ein O, 48v mit Wappen Antons von Pforr).

Schreibsprache:

schwäbisch.

II. Bildausstattung:

Wappen (Ir), Titelbild (Iv), 130 (von ehemals 131 oder 132) lavierte Federzeichnungen im Text (1v, 3r, 3v, 7r, 8r, 9r, 10r, 12v, 14r, 15r, 17v, 19v, 21r, 22r, 23r, 24r, 25v, 26v, 27v, 29r, 30r, 31v, 33r, 34v, 37r, 38r, 39r, 40r, 41r, 42v, 43v, 44v, 45v, 46v, 48r, 49r, 50r, 51v, 52v, 53v, 56r, 57r, 59r, 61r, 62v, 63v, 64v, 66r, 67v, 68v, 69v, 72r, 73r, 74r, 75v, 76v, 78r, 79r, 80r, 81v, 82v, 83v, 87r, 88r, 89v, 91r, 93r, 94r, 95v, 96v, 98r, 100r, 101v, 102v, 104r, 105v, 106v, 107v, 109r, 111r, 112v, 114v, 115v, 117v, 118v, 120r, 121v, 122v, 124v, 125v, 128v, 130r, 132r, 133r, 134v, 136r, 137v, 138v, 139v, 140v, 141v, 145r, 146r, 147r, 148r, 149r, 150r, 151r, 152r, 153v, 155v, 158r, 160r, 160v, 161r, 162r, 163r, 164r, 165r, 166r, 167r, 168v, 170r, 171v, 173r, 174r, 175r, 177r, 178r, 179r). Ferner 1r historisierte E-Initiale und florale Rahmenleisten (Akanthusranken mit Besatz aus z. T. phantastischen Blüten, Früchten, Vögeln, Insekten, einer Meerkatze, einer auf eine Blüte aufgesetzten männlichen Halbfigur, dem Gonzaga- und dem Württemberg-Wappen mit höfischer Dame und Engel als Wappenhaltern), 14v Randzeichnung (Palmbaum mit Spruchband ATTEMPTO), 48v Wappen Antons von Pforr, 24v, 72v, 133v aufwendige Deckfarbeninitialen mit floralen Rankenausläufern; die Abschnittinitialen meist mit Füllungen aus gelapptem Blattwerk über schwarz-rotem Fleuronnée, auch mit rot-blauem Schachbrettmuster, v. a. an Kapitelanfängen mit ausgesparten Tiergrotesken in Grisaille; ab Blatt 76r mehrfach florale Federzeichnungen als Randdekor. Zwei Hände: Die ganzseitigen Illustrationen weist Cermann dem Meister des Talhofer’schen Fechtbuchs von 1467 (München, Bayerische Staatsbibliothek, cod.icon. 394 a) zu, die Randdekoration Stephan Schriber (von Urach), dem mutmaßlichen Meister des Musterbuchs aus der Bibliothek Eberhards von Württemberg (München, Bayerische Staatsbibliothek, cod.icon. 420).

Format und Anordnung:

Alle Bilder in rostrotem bis gelbrotem Kastenrahmen, meist ganzseitig in Schriftspiegelformat (ca. 245 × 170 mm), gelegentlich nach wenigen Zeilen Text in der Höhe etwas zurückgenommen, nur selten auf ca. ⅔ der Schriftspiegelhöhe reduziert (3r, 45v, 88r, 111r, 140v, 152r, 158r, 160v, 161r, 171v). Stets nach der Bezugsstelle des Textes eingefügt, dabei entstehen vor den ganzseitigen Bildformaten oft erhebliche Freiräume. Ab 1r sind die Bilder mit auf ihren Rahmen eingetragenen arabischen Ziffern von 1 bis 132 durchnumeriert (es fehlen die Nummern 121 und 122). Häufig Bildbeischriften des Typs Hienach ein gemelde Als der fuchs dem Lewenn riet das Camel zuͦ essenn (39r).

Bildaufbau und -ausführung:

Die Zeichnungen sind als Halbgrisaillen ausgeführt; alle menschlichen Figuren und unter den Tieren vor allem das Brüderpaar Kalila und Dimna, daneben gelegentlich auch andere Tiere Weiß, gestützt durch wenig Gelb (statt Gold) für Kronen, Zepter, Lanzen, Borten, Ketten und Schnallen, leichtes Grau (selten für Mützen, Zaumzeug) und Rosa auf Gesichtern, Gegenständen und kostümlichen Details. Rot für Mützen, Kappen und Schuhe, Ocker oder Braun für Knüppel, Stäbe, Pelzbesatz. Haartrachten und Bärte erhalten wie die Umgebung der Grisaillen, Innenräume und Landschaften, ihre natürliche Färbung. Die Grisaille-Figuren sehr sicher konturiert, mit sparsamer Binnenzeichnung, keine Schraffur, Körpermodellierung erfolgt durch transparente Anschattierung der Konturlinien mit dem Tuschpinsel. Die von der dargestellten Situation verlangte, oft heftige Körperbewegung vor allem menschlicher Figuren ist glaubhaft und mit gekonnten optischen Verkürzungen ins Bild gesetzt. Die Figuren agieren in reich gestalteter Umgebung. Dabei weisen die Bildanlagen in den Vordergründen oft starke Auf-Sicht auf, die sich in der Bildtiefe jedoch nicht fortsetzt. In Innenräume, ob palastartige Thronhallen mit eleganten Säulen und gotischen Maßwerkfenstern und -bögen, bürgerliche Schlafgemächer oder dörfliche Kornspeicher, wird der Betrachterblick meist durch in den Bildrahmen eingepaßte Tor- oder Bogenarchitekturen gelenkt. Fenster, Türen oder Luken im Hintergrund gewähren oft noch kleine Durchblicke in einen Landschaftshintergrund. Wo die Handlung draußen spielt, bilden – neben kleinstädtischem Ambiente aus versetzt stehenden, zweigeschossigen Walmdachhäusern mit Fachwerk meist nur im leicht überkragenden Obergeschoß – vor allem weite Landschaften, karg mit Einzelbäumen oder Sträuchern bewachsen, die Kulissen. Im Mittelgrund ist die Raumbühne dann gewöhnlich gefestigt durch (einseitige) seitliche Erhebungen, Hügel oder steile Felsen, manchmal mit Burgen oder auch Burgruinen (10r, 52v) auf ihrer Spitze. Der Hintergrund ohne scharfkonturierte Details, vorherrschend vielmehr schemenhaft mit der Feder skizzierte Landschafts- oder Stadtsilhouetten, oft mit Hügelketten oder Gewässern mit burgähnlichen Bauten an den Ufern, in meist durchscheinenden Blautönen laviert. Auffallend die vielfach im Meer liegenden Städte, die sich im Wasser spiegeln (vgl. v. a. 10r, auch 34v, 93r, 109r). Der Horizont grenzt diese auf halber bis Dreiviertel der Bildhöhe gegen den hellblau lavierten Himmel ab, wobei die Grenzen sich wegen der in blauem Dunst liegenden Hintergrundlandschaften oft verwischen.

Körperauffassung, Interieurs, Landschaftsgestaltung zeigen deutliche Verwandtschaft zu niederländischer Tafelmalerei, insbesondere, wie Fischel (1962, 1963) erstmals erwog, zu Dieric Bouts oder zum Meister des Ehninger Altares (gestiftet von Pfalzgräfin Mechthild), der ebenfalls im Umkreis von Dieric Bouts angesiedelt wird. Fischels Hypothese, den Bilderzyklus als Nachbildung eines verlorenen Manuskripts von Dieric Bouts anzusehen, beruht auch auf der Feststellung eines qualitativen Abfalls der Bildausführung gegenüber ihrer vorzüglichen Anlage: Architektonische Umrisse sind zuweilen mit Lineal gezeichnet, Konturen auch sonst gelegentlich sehr hart, manchmal erscheinen »derbe« Strichführungen, »schwach gezeichnete oder verkümmerte Hände und Gesichter« (Fischel [1962] S. 171). Doch bleibt die Hypothese nach wie vor unbewiesen.

Bildthemen:

Vorausgehend Ir das Wappenbild: die Devise Graf Eberhards Attempto zwischen zwei Palmen, bekrönt von zwei sich umarmenden Putten mit Wappenschilden; links das Württembergisch-Mömpelgardische Wappen, rechts das Gonzaga-Wappen. Die Einleitungserzählung von Berosias wird nur als Titelbild Iv (Berosias überreicht Anastres Taßri sein Buch) und in der historisierten Initiale 1r (orientalischer Schreiber – wohl Berozias – am Pult) in das Bildprogramm aufgenommen, die Rahmenhandlung (König Dißles und Sendebar) bleibt unberücksichtigt. Sonst zentrale Situationen der Tiererzählungen, Fabeln und Exempel.

Bei den Textillustrationen gelegentlich Simultandarstellungen mit unterschiedlichen Bildaufteilungen (14r Vordergrund: Der vor den Wölfen flüchtende Mann wird beim Sprung ins Wasser von einem Fischer gerettet; Hintergrund: Der Mann wird von der Mauer erschlagen. – 25v Vordergrund: Rabe schaut aus der Baumkrone heraus zu, wie die Schlange einen Jungvogel ergreift; Mittelgrund: Rabe im Dialog mit Fuchs. – 42v unten: Schildkröte berät mit Vögeln, oben: Schildkröte wird von Vögeln an Stange getragen. – 46v links: Frau mit Buhler, rechts: fünf Mägde um den Elsterkäfig). Dabei bewegen sich die Miniaturen ausdrücklich vom rein textgebundenen Informationsgehalt weg, indem sie die Umgebung der Akteure sehr detailreich hinzuerfinden: Die palastartigen Innenräume, das kleinstädtische Ambiente, vor allem die weiten Landschaften sind nicht nur Kulisse, sondern entwickeln eine erzählerische Eigendynamik. Gelegentlich rücken die Protagonisten aus dem Vordergrund heraus so weit in die Bildtiefe, daß ihre Landschaftsumgebung zum eigentlichen Bildthema wird (v. a. 48v: Vogel, Schlange und Hund, 79r: Maus Sambar und Rabe). Auch sind im Hintergrund mehrfach vom Text nicht motivierte Begleitszenen dargestellt (24r: zwei Männer mit Stöcken, 51v: Gespräch zwischen Mann und sitzender Frau).

Architekturen, Innenraumeinrichtungen, Kleidung der menschlichen Protagonisten verzichten weitgehend auf morgenländisches Kolorit, die Ausstattung ist zeitgenössisch (um 1470–80). Tiere meist sehr realistisch charakterisiert, dabei vor allem der Löwe leicht heraldisch, ebenfalls vor allem der Löwe in menschlichaufrechten Haltungen, stets auf Thronsitzen sitzend (153v und 158r auf einem »Landschaftsthron«, dessen Dach durch einen überhängenden Felsen gebildet wird), die übrigen Tiere gelegentlich mit menschlichen Zügen in der Physiognomie. Kalila und Dimna sind hirschgroß mit sehr schlanken Lenden und einem leichten Höcker auf dem Rücken, mit pferdeartigem Kopf und Ziegenhörnern, einer kurzen, lockigen Mähne mit zwischen den Hörnern spitz aufragenden Schopf, die Vorderbeine haben zwei Klauen, die Hinterbeine Hufe. 14r ist das Rind Senespa als Mensch aufgefaßt.

Farben:

Weiß als ausgesparter Pergamentgrund, auch dieser gelegentlich noch durch Deckweiß gehöht. Vorherrschend Naturtöne: Umbra, Braun, Ocker, Rotbraun, Olivbraun, Olivgrün, Grau, Blaugrau, Rot, Gelb. – Initialen und Ranken: Rot, Blau, jeweils weiß gehöht, Grün mit gelber Randung; die Initialen 24v, 72v und 133v sowie die Rahmenleiste 1r: Rosa, Rot in mehreren Schattierungen, Rotbraun, Grün, Blau, Gelb, Weiß, Schwarz, Grau, Deckweißhöhungen, Pinselgold, Blattgold. Vgl. Nr. 20.0.2., 20.0.c.

Literatur:

Chantilly. Le Cabinet des livres. Manuscrits. Tome deuxième. Belles-lettres. Paris 1900, S. 399–401, eine Tafel (49r); Catalogue Général des Manuscrits des Bibliothèques Publiques de France. Paris, Bibliothèques de l’Institut, Musée Condé à Chantilly, Bibliothèque Thiers, Musées Jacquemart-André à Paris et à Chaalis. Paris 1928, S. 137. – Jacques Meurgey: Les principaux manuscrits à peinture du Musée Condé à Chantilly. Paris 1930, S. 144–148, Planche XCIX (Iv), C (7r); Lilli Fischel: Das »Buch der Beispiele« in Chantilly. Bulletin des Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique 11 (1962), S. 167–184, Abb. 1 (Ir). 2 (Iv). 3 (9r). 4 (101v). 5 (133r). 6 (167r). 7 (10r). 8 (114v). 9 (83v). 10 (107v). 11 (22r). 12 (136r). 13 (128v); Fischel (1963) S. 65–91, Abb. 39 (Ir). 40 (1r). 42 (Iv). 45 (177r). 48 (80r). 50 (37r); Geissler (1963) S. 452–454, 457f.; Geissler (1974) S. 40–43; Christopher DE Hamel: A History of Illuminated Manuscripts. Boston 1986, Abb. 154 (177r); Regina Cermann: Der Bidpai Ms. 680 in Chantilly. Mag.arbeit (masch.) Berlin 1991.

Weitere Materialien im Internet:

Handschriftencensus

Farbabbildungen (Bridgeman Images)

Abb. 179: 52v. Taf. I: 14r. Taf. II: 137v. Taf. III: 163r. (Taf. I–III bilden die bezeichneten Blätter irrtümlich seitenverkehrt ab!). Kalila und Dimna.

Taf. I.
Taf. II.
Taf. III.
Abb. 179.